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Julia Timoschenko: Ihr Körper ist jetzt ihr Kampfplatz

Julia Timoschenko ist eine Frau mit vielen Gesichtern.

Julia Timoschenko ist eine Frau mit vielen Gesichtern.

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dpa

Sie taugt eigentlich nicht für die Rolle der verfolgten Unschuld, diese Frau. Aber hat sie nicht schon schwierigere Rollenwechsel gemeistert? Julia Timoschenko, einst die reichste Geschäftsfrau der Ukraine und dann die prominenteste Politikerin, ist zum bekanntesten politischen Häftling geworden.

Seit sie in einer Strafkolonie in Charkow einsitzt, ist sie erniedrigt worden und vermutlich auch misshandelt. Aber sie hat in ihrer tiefsten Niederlage zugleich einen Triumph erlebt: Kein Tag vergeht derzeit, an dem nicht ein europäischer Politiker ihre Freilassung fordert, der deutsche Bundespräsident und die Bundeskanzlerin allen voran. Lange hat sich Europa kaum für die ukrainische Politik interessiert, aber nun hat es die Gefangene zum Symbol erkoren für die Unterdrückung in der Ukraine.

Von einem Besuchsboykott der Fußball-Europameisterschaft ist sogar die Rede. Die EU-Kommission etwa hat am Donnerstag beschlossen, die EM zu meiden. Diejenigen, die Timoschenko mit Gewalt von der politischen Bühne des Landes verbannt hatten, müssen nun zusehen, wie deren Schatten auf einer weit größeren Bühne auftaucht.

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Diejenigen aber, die sich derzeit für sie einsetzen, sollten auch einen Moment innehalten und sich wundern über diese seltsame Wendung. Timoschenko ist ja kein Václav Havel zu Sowjetzeiten, keine Aung Sang Suu Kyi zu Zeiten der burmesischen Militärdiktatur.

Sie ist keine Dissidentin. Sie ist eine politische Gefangene insofern, als sie in einem politischen Prozess verurteilt wurde. Aber sie ist ja zugleich noch mehr: sie ist eine Geschäftsfrau, die ihre Milliarden ausschließlich deshalb verdienen konnte, weil sie zur Mannschaft eines sagenhaft korrupten Politikers gehörte.

Sie ist eine Premierministerin, deren Regierungszeiten vielen Bürgern als katastrophal in Erinnerung blieben. Sie ist eine machtdurstige Politikerin, die nicht einen Moment zögern würde, das Strafrecht so gegen ihre Gegner anzuwenden, wie es jetzt gegen sie angewendet wird.

Stilisiert zur weiblichen Ikone

Wer sich für Timoschenko, die Gefangene, einsetzt, der setzt sich zugleich für die anderen Gestalten Timoschenkos ein. Es geht nicht anders, die Frau lässt sich ja nicht in ihre einzelnen Leben aufteilen. Die Raubtierkapitalistin, die Politikerin, die Gefangene im Hungerstreik gehören zusammen – sie alle sind Ausprägungen von Timoschenkos Charakter und der Zeit, die diese Frau hervorgebracht hat. Die Rollen, die in glücklicheren Ländern auf mehrere Generationen verteilt werden, wurden in der Ukraine auf eine einzige zusammengedrängt.

Timoschenkos erstes Leben als Geschäftsfrau begann so, wie es für viele Frauen ihres Alters begann. Die Neunzigerjahre, als unter großen Schmerzen die Marktwirtschaft geboren wurde, waren in der Ex-Sowjetunion eine Krise der Männer. Während die arbeitslosen Männer jammerten über den Zusammenbruch des Bestehenden, ergriffen die Frauen die Initiative.

Sie machten sich selbstständig, meist aus schierer Not, meist im Kleinhandel. Viele fanden Gefallen an der neuen Rolle. Julia Telegina, geboren 1960 in der Industriemetropole Dnjepropetrowsk und aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, arbeitete als Ökonomin in einem militärischen Großbetrieb.

Dann gründete sie mit ihrem Mann Alexander Timoschenko einen Videoverleih, später einen Betrieb für den Import von Benzin aus Russland. Beides wurde damals bitter vermisst in der Ukraine: die Traumwelten Hollywoods ebenso wie Diesel für die Traktoren.

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Einflussreiche Kontakte

Von ihren Geschlechtsgenossinnen unterschied sich Timoschenko im unglaublichen Erfolg ihres Geschäfts. Sie hatte die richtigen Kontakte, und diese Kontakte wurden immer einflussreicher. Da war vor allem der sagenhaft korrupte Dnjepropetrowsker Pawel Lasarenko, der als Vizepremier für Energiefragen Timoschenko Aufträge im lukrativsten Geschäft verschaffte, das es in der Ukraine überhaupt gab – dem Import von russischem Erdgas. Timoschenko wurde zur „Gasprinzessin“, ihr Konzern „Vereinigte Energiesysteme der Ukraine“ UESU kontrollierte bald ein Fünftel der gesamten ukrainischen Wirtschaftsleistung. Timoschenko wurde für eine kurze Zeit zur wohl einflussreichsten Oligarchin im ganzen postsowjetischen Raum. Als Lasarenko 1997 gestürzt wurde, floh er in Timoschenkos Flugzeug. Er wurde in den USA wegen Geldwäsche, Betrug und Erpressung zu neun Jahren Haft verurteilt.

Zu diesem Zeitpunkt allerdings hatte Timoschenko bereits ihr zweites Leben begonnen: das einer Politikerin. Sie hatte sich ins Parlament wählen lassen, so wie viele andere Geschäftsleute, die sich vor Strafverfolgung absichern wollten. Die Nachwahlen in einem ländlichen Wahlkreis gewann sie 1996 so, wie man eben Wahlen gewinnt als Oligarch: Schulen erhielten Kohle für den kommenden Winter, Kirchen wurden wiederaufgebaut, Gasanschlüsse versprochen. Die reichste Frau der Ukraine kaufte sich einen Wahlkreis. Kritiker sahen darin das Ende jeder ernsthaften Politik. Aber für Timoschenko war es der Anfang. Politik, verstanden als Rettung einfacher Menschen im Tausch gegen deren Dankbarkeit und Bewunderung, wurde zu ihrem Lebensinhalt. Geschäftsfrau bin ich nur zufällig geworden, sagte sie später; dass ich Politikerin wurde, das war mir in die Wiege gelegt.

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