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Berliner Zeitung | Julia Timoschenko: Ihr Körper ist jetzt ihr Kampfplatz
04. May 2012
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Julia Timoschenko: Ihr Körper ist jetzt ihr Kampfplatz

Julia Timoschenko ist eine Frau mit vielen Gesichtern.

Julia Timoschenko ist eine Frau mit vielen Gesichtern.

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dpa

Sie taugt eigentlich nicht für die Rolle der verfolgten Unschuld, diese Frau. Aber hat sie nicht schon schwierigere Rollenwechsel gemeistert? Julia Timoschenko, einst die reichste Geschäftsfrau der Ukraine und dann die prominenteste Politikerin, ist zum bekanntesten politischen Häftling geworden.

Seit sie in einer Strafkolonie in Charkow einsitzt, ist sie erniedrigt worden und vermutlich auch misshandelt. Aber sie hat in ihrer tiefsten Niederlage zugleich einen Triumph erlebt: Kein Tag vergeht derzeit, an dem nicht ein europäischer Politiker ihre Freilassung fordert, der deutsche Bundespräsident und die Bundeskanzlerin allen voran. Lange hat sich Europa kaum für die ukrainische Politik interessiert, aber nun hat es die Gefangene zum Symbol erkoren für die Unterdrückung in der Ukraine.

Von einem Besuchsboykott der Fußball-Europameisterschaft ist sogar die Rede. Die EU-Kommission etwa hat am Donnerstag beschlossen, die EM zu meiden. Diejenigen, die Timoschenko mit Gewalt von der politischen Bühne des Landes verbannt hatten, müssen nun zusehen, wie deren Schatten auf einer weit größeren Bühne auftaucht.

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Diejenigen aber, die sich derzeit für sie einsetzen, sollten auch einen Moment innehalten und sich wundern über diese seltsame Wendung. Timoschenko ist ja kein Václav Havel zu Sowjetzeiten, keine Aung Sang Suu Kyi zu Zeiten der burmesischen Militärdiktatur.

Sie ist keine Dissidentin. Sie ist eine politische Gefangene insofern, als sie in einem politischen Prozess verurteilt wurde. Aber sie ist ja zugleich noch mehr: sie ist eine Geschäftsfrau, die ihre Milliarden ausschließlich deshalb verdienen konnte, weil sie zur Mannschaft eines sagenhaft korrupten Politikers gehörte.

Sie ist eine Premierministerin, deren Regierungszeiten vielen Bürgern als katastrophal in Erinnerung blieben. Sie ist eine machtdurstige Politikerin, die nicht einen Moment zögern würde, das Strafrecht so gegen ihre Gegner anzuwenden, wie es jetzt gegen sie angewendet wird.

Stilisiert zur weiblichen Ikone

Wer sich für Timoschenko, die Gefangene, einsetzt, der setzt sich zugleich für die anderen Gestalten Timoschenkos ein. Es geht nicht anders, die Frau lässt sich ja nicht in ihre einzelnen Leben aufteilen. Die Raubtierkapitalistin, die Politikerin, die Gefangene im Hungerstreik gehören zusammen – sie alle sind Ausprägungen von Timoschenkos Charakter und der Zeit, die diese Frau hervorgebracht hat. Die Rollen, die in glücklicheren Ländern auf mehrere Generationen verteilt werden, wurden in der Ukraine auf eine einzige zusammengedrängt.

Timoschenkos erstes Leben als Geschäftsfrau begann so, wie es für viele Frauen ihres Alters begann. Die Neunzigerjahre, als unter großen Schmerzen die Marktwirtschaft geboren wurde, waren in der Ex-Sowjetunion eine Krise der Männer. Während die arbeitslosen Männer jammerten über den Zusammenbruch des Bestehenden, ergriffen die Frauen die Initiative.

Sie machten sich selbstständig, meist aus schierer Not, meist im Kleinhandel. Viele fanden Gefallen an der neuen Rolle. Julia Telegina, geboren 1960 in der Industriemetropole Dnjepropetrowsk und aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen, arbeitete als Ökonomin in einem militärischen Großbetrieb.

Dann gründete sie mit ihrem Mann Alexander Timoschenko einen Videoverleih, später einen Betrieb für den Import von Benzin aus Russland. Beides wurde damals bitter vermisst in der Ukraine: die Traumwelten Hollywoods ebenso wie Diesel für die Traktoren.

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Einflussreiche Kontakte

Von ihren Geschlechtsgenossinnen unterschied sich Timoschenko im unglaublichen Erfolg ihres Geschäfts. Sie hatte die richtigen Kontakte, und diese Kontakte wurden immer einflussreicher. Da war vor allem der sagenhaft korrupte Dnjepropetrowsker Pawel Lasarenko, der als Vizepremier für Energiefragen Timoschenko Aufträge im lukrativsten Geschäft verschaffte, das es in der Ukraine überhaupt gab – dem Import von russischem Erdgas. Timoschenko wurde zur „Gasprinzessin“, ihr Konzern „Vereinigte Energiesysteme der Ukraine“ UESU kontrollierte bald ein Fünftel der gesamten ukrainischen Wirtschaftsleistung. Timoschenko wurde für eine kurze Zeit zur wohl einflussreichsten Oligarchin im ganzen postsowjetischen Raum. Als Lasarenko 1997 gestürzt wurde, floh er in Timoschenkos Flugzeug. Er wurde in den USA wegen Geldwäsche, Betrug und Erpressung zu neun Jahren Haft verurteilt.

Zu diesem Zeitpunkt allerdings hatte Timoschenko bereits ihr zweites Leben begonnen: das einer Politikerin. Sie hatte sich ins Parlament wählen lassen, so wie viele andere Geschäftsleute, die sich vor Strafverfolgung absichern wollten. Die Nachwahlen in einem ländlichen Wahlkreis gewann sie 1996 so, wie man eben Wahlen gewinnt als Oligarch: Schulen erhielten Kohle für den kommenden Winter, Kirchen wurden wiederaufgebaut, Gasanschlüsse versprochen. Die reichste Frau der Ukraine kaufte sich einen Wahlkreis. Kritiker sahen darin das Ende jeder ernsthaften Politik. Aber für Timoschenko war es der Anfang. Politik, verstanden als Rettung einfacher Menschen im Tausch gegen deren Dankbarkeit und Bewunderung, wurde zu ihrem Lebensinhalt. Geschäftsfrau bin ich nur zufällig geworden, sagte sie später; dass ich Politikerin wurde, das war mir in die Wiege gelegt.

Man nimmt ihr das gerne ab, auch fünfzehn Jahre später noch. Timoschenko hat fast alles, was ein Politiker braucht. Sie hat den Willen zur Macht und den Wunsch zu gefallen. Sie hat Ausstrahlung und Arbeitseifer. Sie hat Erfahrungen im Umgang mit mächtigen Männern und mit mächtigen Wirtschaftsinteressen. Sie hat es außerdem geschafft, ein Bild von sich selbst zu entwerfen und festzuschreiben, das sie zur vermutlich am besten erkennbaren Marke in der europäischen Politik macht.

Sie behauptete sich in einer Männerwelt, indem sie sich zur weiblichen Ikone stilisierte. Dazu gehört die Kombination von teuren Kostümen in Schwarz oder Weiß, wenig Schmuck und strengem Haarkranz. Die brünette Gasprinzessin sah plötzlich aus wie eine blonde Schönheit vom Land, erotisch und mütterlich zugleich. Sie konnte sich für Wahlplakate wie Mutter Ukraine mit einer Getreidegarbe in der Hand zeigen, ohne dass es komisch wirkte. Als sie 2002 gefragt wurde, ob ihr Haarkranz denn echt sei, da schüttelte sie zum Beweis vor aller Augen die Haare auseinander.

Unklar war dagegen, wofür ihre Vaterlandspartei und ihr Wahlbündnis „Block Julia Timoschenko“ mit dem roten Herzen als Logo ideologisch stehen. Als sie sich entscheiden musste, mit welcher europäischen Dachorganisation ihre Partei zusammenarbeiten soll, da verband sie sich erst mit der sozialistischen Internationale, dann aber doch mit der konservativen EVP. Es war letztlich egal. Ukrainische Wähler können laut Umfragen mit den Begriffen „links“ und „rechts“ ohnehin nichts anfangen.

Werbung mit populistischen Mitteln

Ihren Namen als Politikerin hat sich Timoschenko ausgerechnet als Kämpferin gegen die Korruption gemacht, im Energiesektor, den sie am besten kannte. Auch die Orange Revolution 2004 war ja ein Kampf gegen Korruption. „Banditen ins Gefängnis!“, war eine der Losungen. Als sie Premierministerin unter ihrem Mitstreiter Viktor Juschtschenko wurde, da scheute sie sich nicht, die gesamten Privatisierungen der Vorjahre in Frage zu stellen. Mehr mächtige und reiche Feinde auf einmal konnte man sich gar nicht machen. Dagegen umwarb sie die einfachen Bürger mit populistischen Maßnahmen.

Aber das Traumpaar Juschtschenko und Timoschenko, der Zauderer und die Macherin, schied im Streit, ja im Hass. Es war ein unwürdiges Schauspiel. Der Sieger der orangen Revolution wurde zur großen Enttäuschung für alle, die einen Wandel gewünscht hatten. Aber auch Timoschenko bewies, was ihr als Politikerin fehlte: die Fähigkeit zum Kompromiss. Sie konnte Politik nur im Tonfall des Messias machen, anders ging es nicht. Doch die Mehrheiten in der Ukraine erwiesen sich als zu dünn für einen Messias. Das Land hätte Politiker mit Geduld und langfristigen Zielen gebraucht. Stattdessen gab es einen rasenden Stillstand, mit ständig neuen taktischen Tricks.

Grenzenloser Ehrgeiz

Als die Ukraine 2010 zur ersten Präsidentenwahl nach der Orangen Revolution antrat, da waren die Bürger der chaotischen Demokratie müde geworden. Zwischen Viktor Janukowitsch, dem Vertreter der Donezker Bosse und Verlierer der Orangen Revolution, und seiner Widersacherin Timoschenko fiel ihnen die Wahl schwer. Nicht nur Janukowitsch, auch Timoschenko gab autoritäre Sprüche von sich. Wer war das kleinere Übel?

Vielleicht Timoschenko, sagte damals einer, der sie gut kannte – „die muss Rücksicht auf die EU nehmen, weil sie in ihrem grenzenlosen Ehrgeiz nicht bloß in Kiew was werden will, sondern später auch noch in Brüssel. Und so wie ich sie kenne, hat sie sich das längst säuberlich in ein Notizbuch geschrieben“.

Die knappe Mehrheit der Wähler hielt Janukowitsch für das kleinere Übel. Für die Premierministerin Timoschenko bedeutete es, wie wir heute wissen: Gefängnis. Die Machtpolitikerin, die ohne Zögern Gegner mit dem Mitteln des Strafrechts verfolgt hätte, wurde selbst Opfer des Strafrechts. Sie fand in ihre neue Rolle, die der politischen Gefangenen. Es war zwar nicht ihre erste Verhaftung: Schon 2001 kam Timoschenko aus dem Regierungsamt ins Gefängnis.

Aber damals gab es einen öffentlichen Aufschrei, sie verließ das Gefängnis nach einem Monat stärker, als sie es betreten hatte. Auch jetzt gab es Proteste, aber sie fielen klein aus. Zu viele Bürger waren der Politikerin überdrüssig geworden.

Das Verbrechen, das Timoschenko diesmal vorgeworfen wurde, hieß offiziell Amtsmissbrauch, in der Sache aber handelte es sich um den Vorwurf, sie habe schlecht regiert. Es ging um die Verträge, mit denen Timoschenko 2009 einen Gasstreit mit Russland beigelegt hatte.

Sie habe ohne schriftliche Ermächtigung des Kabinetts einem katastrophal hohen Gaspreis zugestimmt, hieß es. In Deutschland würde so etwas allenfalls vor einem Untersuchungsausschuss des Parlaments verhandelt werden, es ist ja eine politische Frage: Wie fatal die Gasverträge für die Ukraine waren, hängt auch davon ab, wie groß der Handlungsspielraum war und was man von jenen Gaszwischenhändlern hält, die Timoschenko damals ausschalten wollte.

Aus der Politik entfernt

Aber in der Ukraine wurde die politische Frage zu einer des Strafrechts. Ein williger junger Richter verlas mit nervösem Zucken und tonloser Stimme das Urteil: sieben Jahre Haft, abzusitzen in einer Strafkolonie in Charkow.

So hat man die Frau aus der ukrainischen Politik entfernt – an den Parlamentswahlen dieses Jahr kann sie nicht teilnehmen, an den Präsidentschaftswahlen 2015 auch nicht, und damit das ganz sicher ist, sind sogar noch zwei weitere Verfahren in Arbeit, die sich auf ihre Zeit als Geschäftsfrau in den Neunzigerjahren beziehen.

Aber auf seltsame Weise ist Julia Timoschenko nun noch präsenter als zuvor. Der politische Kampf wird weitergeführt, und der Kampfplatz ist auf ihren Körper selbst verlegt worden. Dass sie ein schweres Rückenleiden hat, wurde von den Behörden zuerst abgestritten, genauso wie der Vorwurf, dass sie bei ihrem erzwungenen Transport in ein Krankenhaus geschlagen worden sei.

Vergangene Woche aber sah man die Politikerin, wie sie auf dem Bett liegend ihre Blutergüsse zeigte. Es war ein heikler Moment, den eigenen Körper zu entblößen, aber Julia Timoschenko hat es stilvoll getan, wie man es von ihr erwartet hatte. Außerdem hat sie einen Hungerstreik erklärt. Seit dem 20. April nehme sie nur noch Wasser zu sich, bestätigte am Donnerstag ihre Sprecherin.

Zwangsernährung für Timoschenko?

Deshalb droht der inhaftierten Julia Timoschenko nach fast zwei Wochen Hungerstreik die Zwangsernährung. Die Gefängnisleitung bereite dies vor, hieß es am Freitag in einem Bericht der Tageszeitung „Segodna“. „Wir kennen den offiziellen Beginn ihres Hungerstreiks und werden, wenn es nötig wird, eingreifen. Sobald wir die Anweisung dazu bekommen, werden wir mit der Zwangsernährung beginnen“, zitierte „Segodna“ einen Gefängnismitarbeiter.
Die Familie und die Verteidigung sehen einer Zwangsernährung mit großer Sorge entgegen: „Meine Befürchtung ist, dass man meine Mutter zwangsernährt und dass es dabei zu unvorhersehbaren Zwischenfällen kommt. Die letzten Monate haben gezeigt, es gibt keine Tabus“, sagte Jewgenija Timoschenko. Die Anordnung zur Zwangsernährung müsste durch ein Gericht erfolgen. Wie die Maßnahmen dann aussehen könnten, schildert „Segodna“ so: „Dem Gefangenen wird ein Knebel verpasst, um die Sonde einzuführen. Danach gelangt eine Breimischung bestehend aus Haferflocken oder Gries, Milch, Fett, Fleisch, tierischen Fetten, Zucker, Eier und Ascorbinsäure in den Magen.“
Timoschenkos Anwalt Sergej Wlasenko erklärte, Zwangsernährung werde im Rahmen der Europäischen Menschenrechtskonvention als Folter angesehen. Mit einer solchen Aktion würde sich die ukrainische Regierung international noch weiter isolieren.

Ob Timoschenko damit das Mitgefühl, die Unterstützung, das Vertrauen der Ukrainer gewinnen kann, ist fraglich. Gemessen an den Verhältnissen in anderen ukrainischen Gefängnissen geht es ihr ja noch gut. Aber die Unterstützung der Europäer hat sie erhalten, sogar in massiver Form. Dass dies die Kiewer Führung überrascht hat, zeigt nur, wie orientierungslos sie geworden ist.

Sie will zu Europa gehören und hat nicht die geringste Vorstellung, was das heißen könnte. Acht Jahre sind seit der Orangen Revolution vergangen, und immer noch tritt das Land auf der Stelle, ja, es droht in einem neuen Autoritarismus zu versinken.

Dass es so kommen konnte, ist nicht Timoschenkos Schuld. Es ist die Schuld einer politischen Klasse, zu der auch sie zählt. (mit dapd)

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