blz_logo12,9

Kolumne: Bild und Wulff: Ziemlich beste Partner

Eine schauspielerische Perfomance auf der großen Gala zu Ehren Axel Springers.

Eine schauspielerische Perfomance auf der großen Gala zu Ehren Axel Springers.

Foto:

REUTERS

"Tausend Freunde feiern Axel Springer", jubelte Bild letzte Woche und ließ uns per Internet-Video teilhaben an der geilen Party in der weiträumig abgeriegelten Kreuzberger Verlagszentrale: Mit Genscher und Gauck, mit Brüderle, Burda, Biermann und Broder. Da trank zusammen, was zusammengehört. Berlin feiert jetzt jeden, der einen ausgibt.

Axel Cäsar, Dreifaltigkeit auf allen Kanälen: „Journalist – Unternehmer – Freiheitskämpfer“, trötet das Haus, das seinen Namen trägt. Fürwahr: Ein Mann mit Geschäftssinn und Gefühl für den Massengeschmack. Aber ein großer Demokrat und Wiedervereiniger? Quatsch. Wäre er noch ein Quäntchen mächtiger gewesen, hätte er glatt die ganze Ostpolitik zerschossen. Ja, er war charmant, gewinnend, emotional; ein reicher Junge, der zum komischen Heiligen mutierte. Dabei weit nach rechts driftete, mit viel Herz für Diktatoren, die Kommunisten erschießen ließen: Pinochet, Franco, Salazar & Co. Aber, pssst, wir wollen die Feier nicht stören.

Oder doch?

Während das Orchester noch einpackt, kommt jetzt die Otto-Brenner-Stiftung mit einer Antwort zur aktuellen, uns quälenden Frage: Warum frisst Bild neuerdings seine eigenen Geschöpfe? „Bild und Wulff – Ziemlich beste Partner“ nennen Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz ihre „Fallstudie über eine einseitig aufgelöste Geschäftsbeziehung“. Das wackere Duo hat 1 528 Bild-Texte durchgeackert, um die Wandlung des wunderbaren Christian zum bösen Wulff zu begreifen.

Bild war lange Wulffs beste PR-Maschine, schmalzte mit Hingabe über ihn „& seine Bettina“ („Blitz-Hochzeit mit Baby-Bauch“, „Hier punktet unsere First Lady für Deutschland“). Am 12. 12. 2011 um 22.02 Uhr legten die Bild-Macher den Schalter um, von heiß auf kalt. Eine strategische Entscheidung: Die Konkurrenz stand kurz davor, Wulffs Schnorrereien zu veröffentlichen. Bild musste wählen, so die Autoren: Andere „aufdecken zu lassen, dass sie einen moralisch zweifelhaften Politiker über Jahre hinweg als Symbolfigur der Integrität und der Moralität hochgeschrieben hat“. Oder ihren Darling selbst zu schlachten.

Manche Journalisten betrachten die Berichte zu Wulff als erfreulichen Ausreißer eines ansonsten fürchterlichen Organs. „Eine solche Deutung hat nach unserer Analyse nicht verstanden, wie Bild arbeitet“, kontern Arlt und Storz. Bild hätte nur gemacht, was es stets tut: Massenkommunikation im Zeitungsformat plus Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache. (Journalismus ist da eher Abfallprodukt.) Die Produktion von Fanpost für Wulff wurde eingestellt, weil solches Tun Springers Bestseller nicht mehr dienlich war. Bild geht es ums Image. Umso mehr, seit viele Meinungsmacher das Blatt als Leitmedium bewundern.

Im Kern war das Gespann Bild-Wulff ein Business – „eine seit vielen Jahren erprobte Geschäftsbeziehung zur Produktion von Aufmerksamkeit zu beiderseitigem Vorteil“. Was auch Wulffs Rüpel-Anruf erklärt. Er hat das Medienspiel als Geben und Nehmen erlernt. Und glaubte es zu beherrschen. Der Ton in Hannover soll noch rauer gewesen sein. Fazit: „Wer Bild im Fall Wulff für guten Journalismus lobt, muss Stalker für ihre Treue, Schwarzfahrer für umweltfreundliches Verkehrsverhalten und Schmuggler für das Überwinden von Grenzen auszeichnen.“ Ein Prosit nach Kreuzberg.

Tom Schimmeck ist Autor.


  • Nachrichten
  • Panorama
Newsticker