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Kolumne Broder-Augstein-Streit: Erst mal versuchen zu verstehen

Ein Davidstern am jüdischen Friedhof in Stralsund.

Ein Davidstern am jüdischen Friedhof in Stralsund.

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dpa

Die große Aufregung in den Medien darüber, dass Jakob Augstein von einer jüdischen Organisation als einer der zehn schlimmsten Antisemiten der Welt bezeichnet wird, bringt viel bittere Aggression zutage. Es ist kein Fall Augstein vs. Broder, sondern zeugt von einem weit verbreiteten Unvermögen in Deutschland, das Gegenüber wahr- und ernst zu nehmen.

Man erkläre einem Feuerwehrmann, um ein Beispiel zu nennen, dass an seinem Beruf nichts gefährlich sei. Schließlich habe man selbst schon einmal einen Herdbrand gelöscht. Oder einem Bauarbeiter wie gesund doch Bewegung bei frischer Luft sei. Beide würden sich vermutlich auf dem Absatz umdrehen, weil sie keinen Sinn darin sehen mit jemandem zu reden, der ihre Arbeitsbedingungen nicht kennt. Im Fall, dass sie sich einem solchen Gespräch dennoch stellen, wird es nach einigen Versuchen sicher laut und polemisch werden. Wen wundert das?

Existenzielle Bedrohung ausgeblendet

Wenn es um Israel geht und seine permanente und existenzielle Bedrohung vollkommen ausgeblendet bleibt, hat diese Ignoranz auf Menschen, die davon mehr wissen, eine ähnliche Wirkung. Wer die Grundlage der Lebensbedingungen eines anderen derart verkennt und auch keine Klärung zulässt, kann kein ernsthafter Gesprächspartner sein. Oder erntet derbe Polemik.

Die andere ebenso sichere Methode jemanden zur Weißglut zu bringen ist ihm zu erläutern, was er gerade erlebt hat. Einem Schwarzen, der beleidigt und anschließend zusammengeschlagen wurde, zu erklären, dass der Täter auf gar keinen Fall Rassist ist, weil dies eine zu harte Unterstellung sei und man so „wirkliche“ Rassisten verharmlose, ist zynisch. Das Opfer hat ja durchaus Grund zur Annahme, verhöhnt zu werden. So geht es vielen Menschen in Deutschland, die mit mehr oder weniger gewalttätigen Ressentiments konfrontiert sind. Solche Herabsetzungen fühlen sich umso schlimmer an, je unverschämter sie geleugnet werden. Das kennen alle, die in Deutschland Rassismus und Diskriminierung erlebt haben.

Nicht antisemitisch, aber verletzend

Doch auch Juden geht es so, selbst wenn sie seltener so offen diskriminiert werden wie zum Beispiel Schwarze. Auch sie werden sauer, wenn man ihnen andauernd erklärt, was an dem Verletzenden, das sie zu hören bekommen nicht antisemitisch ist. Und daher auch nicht verletzend sein kann. Keines der uralten Klischees über die Juden als heimliche Drahtzieher, Weltenherrscher, Unfriedenstifter und Kindermörder, als Krebsgeschwür der Menschheit gilt als antisemitisch sobald es sich auf Israel bezieht. Die Israelkritik heute, ganz gleich wie stereotyp sie daherkommt, etikettiert sich selbst stets als Öko-Packung des Politischen: natürlich, ohne giftige Zusatzstoffe, ohne historische Projektionen, ohne Vernichtungsfantasien, ohne Verschwörungstheorien: eben ganz ohne Antisemitismus. Klar, jede Debatte über Israels Politik ist möglich, solange sie in Anerkennung der Lage, mit Interesse für alle am Konflikt Beteiligten geschieht und möglichst giftfrei abläuft. Doch das ist bei Jakob Augstein – um es vorsichtig zu sagen – eher selten der Fall.

Am Ende gibt es nirgendwo Rassismus und Antisemitismus ist nur pure Einbildung von hartleibigen Zionisten? Es wird Zeit, mit diesem Märchen aufzuräumen! Beides gehört zum deutschen Alltag. Und beides ist kein Kommunikationsproblem sondern eine Sauerei.

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung


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