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Kolumne: Die Ängste der Superreichen

Paul Krugman.

Paul Krugman.

Die Anti-Banken-Proteste in Amerika haben bereits einen Effekt: Sie lösten auffallend hysterische Reaktionen seitens der Wall Street aus, der Superreichen im Allgemeinen und der Politiker, die zuverlässig die Interessen aller Wohlhabendsten bedienen, obwohl diese gerade mal ein Hundertstel von einem Prozent der US-Bevölkerung stellen. Diese Reaktion zeigt etwas Wichtiges – und zwar, dass die Extremisten, die wirklich die amerikanischen Werte bedrohen, jene sind, die Franklin D. Roosevelt „economic royalists“ nannte.
Bedenken Sie zunächst, wie republikanische Politiker die mittelgroßen, wenn auch wachsenden Demonstrationen bezeichneten, die die eine oder andere Konfrontation mit der Polizei mit sich brachten – Konfrontationen, die dem Anschein nach auf eine Überreaktion der Polizei zurückzuführen sind. Und es ist bislang wirklich nichts vorgefallen, was dem Verhalten der Tea-Party-Massen im Sommer 2009 gleichkommen würde.

Nichtsdestoweniger hat Eric Cantor, der republikanische Fraktionschef im Repräsentantenhaus, den „Pöbel“ und „die Angriffe von Amerikanern auf Amerikaner“ verurteilt. Die Präsidentschaftskandidaten der Republikaner haben eingestimmt: Mitt Romney beschuldigte die Protestierenden einen „Klassen-Krieg“ zu führen, während Herman Cain sie „anti-amerikanisch“ nannte. Mein Favorit aber ist Senator Rand Paul, der sich Sorgen darüber macht, dass die Protestler anfangen werden, iPads zu beschlagnahmen, weil sie der Meinung sind, dass reiche Leute die Tablet-Computer nicht verdienten.

Vergangenes Jahr schon, vielleicht erinnern Sie sich, gerieten zahlreiche Finanzindustriebarone über eine ganz milde Kritik von US-Präsident Barack Obama außer Rand und Band. Sie denunzierten ihn als Beinahe-Sozialisten, weil er die sogenannte Volcker-Regel befürwortete, die den vom Staat geretteten Banken verbietet, Geschäfte mit riskanten Spekulationen zu machen.

Was geht denn hier vor? Die Antwort ist sicherlich, dass die Herrscher des Universums tief in sich drin merken, dass ihre Position moralisch nicht zu vertreten ist. Sie sind eben Leute, die mit komplexen Finanzprodukten handeln, die weit davon entfernt sind, den amerikanischen Leuten klare Vorteile zu bringen, und dazu beitrugen, uns in eine Krise zu treiben, deren Nachwirkungen nicht aufhören, die Leben von Millionen unserer Mitbürger zu zerstören.

Dennoch wurden die Institutionen vom Steuerzahler herausgehauen, ohne dass groß etwas daraus gefolgt wäre. Die Spekulanten profitieren weiter von expliziten und impliziten staatlichen Garantien – im Grunde sind sie immer noch im Spiel: Bei Kopf gewinnen sie, bei Zahl verliert der Steuerzahler.

Diese Spezialbehandlung kann einer genauen Überprüfung nicht standhalten. Doch jeder, der auf das Offensichtliche hinweist, egal wie ruhig und maßvoll, wird verteufelt und von der Bühne verjagt. Genau genommen: je vernünftiger und maßvoller sich ein Kritiker anhört, desto nachdrücklicher wird er oder sie verteufelt.

Nur: Wer ist nun unamerikanisch? Sicherlich nicht die Demonstranten, die einfach versuchen gehört zu werden. Nein, die eigentlichen Extremisten sind Amerikas Oligarchen, die jede Kritik an ihrem Reichtum unterdrücken wollen.


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