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Kolumne: Ich beuge mich dem Volkswillen

Unser Autor beugt sich dem Volkswillen und will selbst das Amt des Bundespräsidenten übernehmen.

Unser Autor beugt sich dem Volkswillen und will selbst das Amt des Bundespräsidenten übernehmen.

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rtr/Tobias Schwarz

Nach reiflichster Überlegung habe ich beschlossen, mich meiner Verantwortung zu stellen und das Amt des Bundespräsidenten zu übernehmen. Ich bin überzeugt, dass wir beide – das Amt und ich – dadurch keinen weiteren Schaden nehmen.

Mit Frau Merkel, Herrn Rösler sowie den Herren Diekmann und Döpfner werde ich diesbezüglich heute Rücksprache halten. Rein rechtlich ist ohnehin alles klar. Artikel 41, Satz 1 des Grundgesetzes sagt über Kandidaten: „Wählbar ist jeder Deutsche, der das Wahlrecht zum Bundestage besitzt und das vierzigste Lebensjahr vollendet hat.“ Erfüllt! Dass ich „weder der Regierung noch einer gesetzgebenden Körperschaft des Bundes oder eines Landes angehören“ darf. Hab ich nie getan. Ich schwör.

Außerdem darf ich als Bundespräsident „kein anderes besoldetes Amt, kein Gewerbe und keinen Beruf ausüben und weder der Leitung noch dem Aufsichtsrate eines auf Erwerb gerichteten Unternehmens angehören.“ Nun ja, ich bin derzeit freier Journalist. Der Job verkommt allmählich ohnehin zu einer eher ehrenamtlichen Tätigkeit. Ich könnte überdies anbieten, meine Texte für meine lange und ersprießliche Zeit im Schloss Bellevue honorarfrei und unter Pseudonym zu veröffentlichen. Und hinterher hab ich sicher viel zu erzählen. Ich möchte das jetzt nicht weiter diskutieren. Das Grundgesetz diktiert, dass die Wahl zum Bundespräsidenten „ohne Aussprache“ stattfindet. Besser so.

Ich bin geeignet. Ich schätze unsere freiheitliche Ordnung. Ich spüre enormen Rückhalt in der Bevölkerung. Wenn ich morgens mit meinem Hund spazieren gehe, werde ich freundlich gegrüßt. Ich gelobe, die Hoheitszeichen, Staatskarossen und die Amtswohnung sauber zu halten, mich im präsidialen Badezimmer werk- wie sonntags zu rasieren und meine Gesamterscheinung jederzeit würdig zu präsentieren. Kontakte zu gehobenen Herrenausstattern sind bereits geknüpft.

Nein, ich habe keine schwerreichen Freunde. Bin jedoch zuversichtlich, dass sich dies im neuen Amt zügig ändert. Ich verspreche, politisch flexibel zu sein und alles zu unterschreiben. Ich werde die großen Reden, die mir mein Stab kluger Berater aufschreibt, fehlerfrei vorlesen. Dafür muss ich üben, üben, üben. Auch wünsche ich sämtliche Schirmherrschaften zu übernehmen und allen, die es so weit bringen, herzlich zum 65. Hochzeits- oder dem 100. Geburtstag zu gratulieren. Außerdem will ich, um Politik und Volk wieder einander näher zu bringen, jedem Bundesbürger jeden Sommer drei Kugeln gemischtes Eis mit Sahne im Schlossgarten spendieren. Die Kosten trägt der Entwicklungshilfeetat.

Um den Kontakt zur lieben Bevölkerung noch enger zu gestalten, beabsichtige ich, dieselbe in bislang ungekannter Fülle mit Orden, Medaillen, Abzeichen und Plaketten zu schmücken. Dafür dürfte mir eine Welle von Dankbarkeit und Loyalität entgegenschlagen, die sich auch auf den Staat übertragen wird, dessen Oberhaupt ich bin. Mit Geistesgrößen, Leistungsträgern und meinen neuen Freunden werde ich auf dem Schlossparkett die Puppen tanzen…, Verzeihung: einen intensiven Dialog pflegen. Meine regelmäßigen Urlaube zahle ich selbst. Dem lebenslangen Ehrensold in Form eines vollen sechsstelligen Amtsgehalts sehe ich mit tief empfundener Freude entgegen.

Ich beuge mich dem Volkswillen. Ich bin bereit.

Tom Schimmeck ist freier Autor.


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