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Kolumne Kindeswohl: Auf der Flucht vor dem Neonazi

Kinder brauchen ihren Vater - aber einen Neonazi?

Kinder brauchen ihren Vater - aber einen Neonazi?

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ddp

Nicht nur in Köln entscheiden Gerichte im Sinne des Kindeswohls, wie vor einigen Wochen in Sachen Beschneidung jüdischer und muslimischer Knaben. Auch das Dresdener Oberlandesgericht hat dazu ein Urteil gesprochen: Tanja Privenau muss dem Vater ihrer Kinder das Umgangsrecht gewähren. Ein alltäglicher Vorgang.

Tanja Privenau war über viele Jahre aktive Kameradschaftsführerin in der Neonaziszene. Dann hatte sie irgendwann genug davon, mit ihrem gewalttätigen, militanten und durchgeknallten Neonazi verheiratet zu sein. Er prügelte sie und die Kinder, er trat ihr hochschwanger mit aller Wucht in den Bauch. Markus Privenau, eine der Größen in der norddeutschen Neonaziszene geht so mit Menschen um. Tanjas ganze Familie, gehörte der „Bewegung“ an. Der Kinder wegen wollte sie weg. Und auch weil sich alles um sie herum nur um Hass und Gewalt drehte. Markus Privenau und seine Kameraden passten genau in diese Lebenswelt. Tanja nicht mehr. Als sie sich von ihm entfremdete, drohte der Mann sie zu töten und die Kinder dazu. Als sie ausstieg, wollte er sie in die Luft jagen.

Gleichgültigkeit der Ämter und Gerichte

Tanja floh mit fünf traumatisierten Kindern. Sie musste untertauchen. Das Aussteigerprojekt Exit half ihr ebenso wie die Kriminalämter verschiedener Länder und des Bundes. Seit Jahren ist sie nun auf der Flucht; mehrfach musste sie Identität und Wohnort wechseln, weil Markus Privenau sie immer wieder finden konnte. Als enger Vertrauter vieler Nazi-Kader unter ihnen Udo Pastörs, Vorstandsmitglied der NPD und gut vernetzt mit solchen, deren Bewaffnung, Strategien und Mentalität sich von denen der NSU nicht unterscheiden, hatte er die dafür nötige Logistik. Wieder hat er sie bedroht und wieder musste sie fliehen. Seit Jahren geht das so. Dass Tanja Privenau vor ihrem gewalttätigen, vorbestraften Ex-Mann geschützt werden muss, daran zweifelt nicht einmal die Polizei. Unter keinen Umständen dürfen ihre Identität und Wohnort bekanntwerden.

Das Oberlandesgericht sieht das anders. Es sieht gar nichts: Gefährdung, Neonazis, Gewalt – alles Märchen aus der Zeitung. Wird schon nicht so schlimm werden. Kinder brauchen ihren Vater. Fürs Kindeswohl. Nazimilieu – na und? Es ist wie im Fall der Olympionikin. Sie hat einen NPD-Freund. Dafür kann sie doch nichts. Und er – auch in der militanten Szene aktiv – ist ein netter Kerl. Und die Sportlerin selbst steht zur olympischen Charta. Das reicht doch. In Deutschland wachsen viele Kinder in modernen Nazifamilien auf, geprügelt oder auch nicht. Sie bleiben gewiss unbeschnitten, doch unbeschadet sind sie nicht. Dämliche Gleichgültigkeit herrscht in Organisationen Ämtern oder Gerichten. Schlimmer noch als Dummheit ist die Leere, die stumpfe Weigerung Nazis und ihr Nazihandeln wahrzunehmen. Auch darauf beruhen die Erfolge der NSU und das Versagen der Behörden.

Doch statt sich in diese Niederungen dieses Alltags zu begeben, betreiben viele Deutsche lieber eine andere Volkssportart: das Sortieren in gute und schlechte Fremde. So streiten sie stellvertretend für Juden und Muslime über Nahost, Frauenrechte und den Holocaust. Sie erklären, wer zur deutschen Gesellschaft dazugehört und wer nicht, wer Opfer ist und wer Täter. Und sie haben eine leidenschaftliche Meinung zur Beschneidung von deren Knaben. Des Kindeswohls wegen. Das der anderen.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.