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Kolumne: Lieber Herr Thadeusz,

Jörg Thadeusz

Jörg Thadeusz

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FR/BLZ

Es war ein Riesenfehler, dass ich nicht wie mein Schulkollege Stefan K. mit Fernschach angefangen habe. Heute gar nicht mehr vorstellbar. In Zeiten von Mail, SMS und Twitter. Stefan K. musste noch Postkarten verschicken. In das westeuropäische Ausland. Darauf schrieb er lediglich seinen nächsten Zug. Womöglich noch einen dürren Gruß. Dann wartete er, bis sein Fernschachpartner erwiderte. Tagelang. Mitunter sogar Wochen.

Hätte ich mich damals für Fernschach entschieden, müsste ich heute keine inneren Kernschmelzen erleben. Wie in den letzten Minuten des Spiels Borussia Dortmund gegen Real Madrid. Als plötzlich doch möglich schien, die Mannschaft um den galaktisch gegelten Cristiano Ronaldo könnte in das Champions-League-Finale flutschen. Doch, manchmal wäre es schön, wenn ich mich nicht für Fußball interessieren würde. Denn „Interessieren“ fasst es überhaupt nicht. Wenn Borussia Dortmund spielt, dann packt es mich am Schlafittchen. Dann laufen elf viel jüngere Männer in ein Stadion ein, von denen ich keinen persönlich kenne. Gleichzeitig steht aber auch mein schwarz-gelbes Selbst auf dem Platz. Gegen Bayern München hebt sich die Leinenpflicht für meinen inneren Schweinehund von alleine auf. Es geht nur um „wir“ gegen „die“.

Ich weiß, warum meine BVB-Freunde vor einem Spiel gegen Bayern München vor Aufregung schon die Stimme verloren haben. Ich weiß, warum Dortmunder Mütter in den vergangenen Tagen erklärt haben, sie würden keinen Sohn mehr haben, wenn Mario Götze ihr Sohn wäre.

Westfalen di Janeiro

Bei uns in Dortmund gibt es nun mal keinen Edel-Italiener bei dem so viele Prominente beieinander hocken, dass sich mit „Rossini“ ein Spielfilm daraus machen lässt. In beinahe jedem Edel-Vorort von München hat Derrick ermittelt. Oder der Alte. Oder beide. Bei uns in Dortmund kam gelegentlich ein Hörfunk-Übertragungswagen des WDR vorbei. Meist dann, wenn den Redakteuren in Köln nach Slum zumute war. Von Dortmunds Flughafen kann man nur den Teil der Welt erreichen, den sich die meisten Dortmunder erlauben können. München ist eine fantastische Stadt.

Der erfolgreichste Fußballverein verkörpert aber vor allem eine unangenehme Facette der bayerischen Metropole, nämlich den Hochmut der Habenden. Der gebürtige Lippstädter Karl-Heinz Rummenigge, der sich heute gebärdet, als hätte er mit seinen Toren den kompletten bayrischen Wirtschaftsaufschwung losgetreten. Der ewige Streber Matthias Sammer, der wohl nicht mehr wahrhaben will, dass er in Dortmund seine sportlich erfolgreichste Zeit erlebt hat. In Dortmund gibt es keine Berge in der Nähe, keine traumschönen Seen, und Italien ist auch weit weg.

Der Dortmunder Stolz nährt sich aus Leidenschaft. Aus der Überzeugung, dass dort, wo fast nichts ist, viel werden kann. Unsere Heimat ist ein Niemandsland mit einem Hauptbahnhof, der nach drei Renovierungen immer noch nach Fritteuse stinkt. Aber der schöne, schöne BVB verwandelt alles immer wieder in Westfalen di Janeiro. „Wir sind alle Dortmunder Jungs“ werden sie zum Glück im Wembleystadion singen. In diesem Lied geht es um eine edle Gemeinschaft, in die sich niemand im Stil des FC Bayern München einfach einkaufen kann. Wir sind schlicht was Besseres.

Jörg Thadeusz, RBB-Moderator.


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