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Kolumne: Pippi Rösler

Rösler als Pippi Langstrumpf: Ich mach’ mir die Welt / Widdewidde wie sie mir gefällt.

Rösler als Pippi Langstrumpf: Ich mach’ mir die Welt / Widdewidde wie sie mir gefällt.

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dpa

Irgendwie ist Armut ein blödes Thema. Wer reich ist, mag nicht drüber nachdenken. Wer arm ist, nicht drüber reden. Der Promifaktor ist notorisch niedrig. Armut bietet kein gutes Anzeigenumfeld, wirklich lustig ist es auch nicht. Und außerdem sind wir ein stinkreiches Land. Jawohl. Bruttoinlandsprodukt: 2 600 000 000 000 Euro. Geldvermögen: 4 800 000 000 000 Euro, Immobilienwerte: 9 500 000 000 000 Euro.

Anderseits haben wir jetzt fast 900 Tafeln in Deutschland, die 1,5 Millionen Menschen mit Lebensmitteln versorgen. Bald drei Millionen Kinder gelten als arm. Überhaupt leben in etlichen Großstädten von Berlin bis Duisburg ein Fünftel bis ein Viertel der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Der Anteil eines großen Teils der Bevölkerung am deutschen Reichtum wird ständig geringer. Der preisbereinigte Durchschnittslohn liegt unter dem Niveau von 1991. Will sagen: Deutschland geht es super. Aber sehr, sehr viele sind nicht mit von der Partie.

Langweile ich Sie? OK, lassen wir Putins Chefklempner Schröder und seine einstigen rot-grünen Mitstreiter mal weg. Die haben nur nachgeplappert, was ihnen Chefökonomen, Unternehmensberater, Vorstandschefs und deren Thinktanks jahrelang eingeflüstert hatten. Einigen tut das jetzt sogar leid. Vergessen wir die Agenda 2010. Schließlich haben wir bald 2013. Konzentrieren wir uns auf den Geist, der solche Verhältnisse schuf und sich wider alle Fakten daran klammert. Auf die, die noch immer fest daran glauben, dass die Reichen reicher und die Armen ärmer werden müssen.

Der Einmarsch der Schniegelbubis

2013 ist ein gutes Jahr dafür. Es bietet qua Wahl die Gelegenheit, die hartleibigsten Verfechter einer solchen Politik von den Schalthebeln zu entfernen. Leute wie Philipp Rösler. Den wir längst nicht mehr ernst nehmen. Der aber gleichwohl noch immer Wirtschaftsminister der Bundesrepublik Deutschland ist.

Wir müssen dieser Tatsache viel tiefer ins Auge sehen. 2013 feiern wir 30 Jahre „Junge Liberale“ in der FDP. Die „JuLis“ stellten jene junge Garde, die damals – unter den Fittichen von Otto Graf Lambsdorff – die Wandlung der sozialliberalen zur marktradikalen Partei verkörperten. Es war der Einmarsch der Schniegelbubis, die sich als Winner sahen, als Avantgarde des Erfolgs, des Leistungsprinzips und des Cashmere-Pullis. Die sich nicht mit Losern abgeben wollten, mit schmuddeligen Sozialromantikern und schon gar nicht mit den Leichtlohngruppen.

Das war nie sympathisch. Aber es galt mal als modern. Nein, die JuLis und ihre FDP sind nicht an allem schuld. Es muss auch Egoisten geben, allein schon im Interesse der Artenvielfalt. Und ist es nicht fast schon wieder beeindruckend, wie glaubensfest marktradikal sie bis heute sind? In Zeiten, in denen selbst die OECD und Radio Vatikan dringend zu mehr „Verteilungsgerechtigkeit“ raten.

Ihr Geist war immer falsch. Selbst der Zeitgeist hat sie längst verlassen. Nun müssen sie weg von der Macht. Philipp Rösler ist in einem Stadium der Realitätsverweigerung angekommen, das man als Pippi-Langstrumpf-Syndrom beschreiben könnte („Ich mach’ mir die Welt / Widdewidde wie sie mir gefällt…). Wer den Satz „Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt“ aus dem Armutsbericht der Regierung tilgen lässt („nicht zustimmungsfähig“), der streicht sich selbst.


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