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Kolumne: Selbstgerecht auf Gysi-Jagd

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Der Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag, Gregor Gysi.
Der Fraktionschef der Linkspartei im Bundestag, Gregor Gysi.
Foto: dpa

Von einigen leninistischen Zauseln abgesehen, haben die SED-Nachfolger die meisten ihrer Mitglieder und Anhänger mit den verfassungsrechtlichen Grundlagen der Bundesrepublik versöhnt.

Man muss die Linke im Osten nicht lieben, man kann ihr soziales Wünsch-dir-was und ihre außenpolitischen Maximen für wirklichkeitsfremd oder gefährlich halten, aber eines sollte man ihr lassen: Auch diese Partei hat ihre Verdienste um die innere Einheit der Deutschen.

Sie stellt im Osten Hunderte Mandatsträger, Gemeinderäte und Bürgermeister, die nicht schlechter arbeiten als die anderer Parteien. Sie wahrte und wahrt den Zusammenhalt in einzelnen lokalen und sozialen Milieus, in denen CDU, SPD, Grüne und FDP nicht Fuß fassen konnten. Petra Pau, Vizepräsidentin des Bundestags, waltet ihres Amtes ohne Tadel. Seit 22 Jahren übt die PDS/Linke demokratische Spielregeln ein – in den eigenen Reihen und in ihrer Wählerschaft. Das geschieht in dem Teil Deutschlands, in dem liberales und rechtsstaatliches Denken infolge zweier – sehr unterschiedlicher – Formen totalitärer Herrschaft 56 Jahre lang verdorrt war.

Perioden des Übergangs erfordern politische Zwitterwesen. In der alten Bundesrepublik fungierten nach 1949 der BHE (Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten) und vor allem die FDP als Parteien, in denen sich viele ehemalige Nazis heimisch fühlten, bis die Generation Genscher gut 15 Jahre später diese Erblast beiseiteschieben konnte, nachdem sie geschichtlich gewissermaßen kompostiert worden war. Wie das im Fall der NSDAP (mit alliierter Hilfe) gelang, gelang das auch im vergleichsweise harmlosen Fall der SED.

Eben weil die frühere PDS 1990 in großen Teilen auch eine Nachfolgepartei der SED gewesen ist, konnte sie als willensbildendes Organ politischer Neuorientierung erfolgreich wirken. Von einigen leninistischen Zauseln abgesehen, hat sie die meisten ihrer Mitglieder und Anhänger mit den verfassungsrechtlichen Grundlagen der Bundesrepublik versöhnt. Nur Böswillige verunglimpfen die ostdeutsche Linke heute als Nachlassbewahrerin der SED. In Wahrheit ist sie eine neodemokratische Regionalpartei. (Das desparate westdeutsche Anhängsel zählt nicht.)

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All die Jahre präsentierte Gregor Gysi diese Partei in der Öffentlichkeit – gewitzt, schlagfertig und mit Humor. Diese in unserem Politikbetrieb seltenen und deshalb erfreulichen Gaben machen ihn zur Zielscheibe alt-westdeutscher Langweiler. Vor einer guten Woche lief die oft geprobte Nummer: „Gysi im Visier der Staatsanwälte“, verkündete Die Welt. Ein Anzeigender hatte ihn einer falschen eidesstattlichen Versicherung verdächtigt.

Die CDU sekundierte: „Natürlich wiegt schon der Vorwurf schwer.“ Bereits im Fall der früheren Linke-Vorsitzenden Gesine Lötzsch benutzte Die Welt 2010 den Hinweis auf eine Stasi-Verstrickung ihres Ehemanns, um Lötzsch zu schaden. Im Fall von Gregor Gysi geht das jetzt so: Sein Vater war SED-Funktionär und „wurde jahrelang bei der Stasi als Spitzel geführt“.

Offensichtlich pflegt das Haus Springer das nazistische Prinzip der Sippenhaft mit Bedacht. Auf solche Vorlagen reagieren sodann gerne der Grünen-Abgeordnete Wolfgang Wieland, einst glühender Maoist, und der SED-Forscher Jochen Staadt, einst dito, und befeuern die Kampagne.

Wie diese beiden, und übrigens einige Springer-Journalisten und viele andere Westdeutsche, haben sich auch Gysi und die meisten seiner Genossen im Laufe der Jahrzehnte gewandelt. Erfreulich! Wie wäre es, das einfach anzuerkennen?

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