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Kolumne: Was vom Image übrig bleibt

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung

Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung

Berlin -

Drei vereinzelte Terroristen zogen mordend durch das Land, vielleicht hatten sie ein Dutzend Helfer: Das ist die Story, die man glauben soll, wenn man den Ermittlungsbehörden folgte und Volkes Stimme in den Gegenden, auf die sich jetzt die Ermittlungen beziehen. Aber die Story dahinter lautet: Es hat sich so viel staatliches Unvermögen hinsichtlich der rechtsextremen Killer gezeigt, dass nur ein Fazit möglich scheint – der Verfassungsschutz hat versagt. Vielleicht auch die Polizei. Oder beide zusammen. Doch was steckte hinter dem Versagen? Eine Datenpanne? Waren die Ermittler auf dem rechten Auge blind? Hinderte sie organisierte Inkompetenz am zielgerichteten Arbeiten? Irgendetwas zwischen technischen Problemen und misslungener Kumpelei mit Nazis, die sich als V-Leute verkauften? Eine Behörde schiebt der anderen die Verantwortung zu, und am Ende sagt jeder: WIR waren es nicht. Und dann taucht aus den Tiefen des Befindens ein Wort auf: das Image!

Die Leute fürchten sich mehr vor dem Imageschaden, der durch die Aufklärung entsteht, als vor dem verbrecherischen Potenzial, das sich jahrelang in ihrer Mitte entfaltete. Vielleicht sollte man froh sein, dass sich Städte wie Jena oder Zwickau, Länder wie Thüringen oder Sachsen nach den gezielten Morden an Einwanderern noch Gedanken über ihr Image machen. Vielleicht wäre es schlimmer, wenn sie es nicht täten.

Am Wochenende kamen 50.000 Menschen in die Rock 'n' Roll-Arena in Jena, um mit Udo Lindenberg und anderen Künstlern zu feiern und den Nazis abzuschwören. Die Stimmung war großartig, das Publikum hörte aufmerksam den Redebeiträgen von Politikern und Initiativen zu. Alles war gut, alles gelungen – sofern ein Rockkonzert überhaupt eine angemessene Antwort auf Neonaziterror sein kann. Selbst die Mischung aus der Begeisterung für die Künstler und der Düsternis des Anlasses war beim Publikum zu spüren.

Wenn da nicht dieses Wort – das Image – über dem Ganzen gegeistert wäre. Das Image der Stadt, das Image des Landes, das Image des Ostens. Auf gar keinen Fall sei die Region mit den Nazimördern in eins zu setzen. Selbst wenn sie hier gelebt hätten, selbst wenn ihre Unterstützer von hier kamen und die Nachbarn nichts gemerkt hatten – das Image dürfe nicht beschmutzt werden. Wer das tue, der sei schlimmer als alle Ignorierer und Verdränger des Rechtsextremismus. Ja, der sei fast so schlimm wie die Nazis selbst. So war die untergründige Gefühlslage, die sich in tosendem Beifall manifestierte, als einige Redner dem Publikum bescheinigten: Jena sei nicht braun, Thüringen nicht und auf gar keinen Fall der Osten. Je größer die Abwehr schmerzlicher Realitäten, desto frenetischer der Applaus.

Und genau in diesem Applaus lag der Misston: Die Menschen hätten dem Image der Stadt, des Landes und des Ostens gedient, wäre das verdrängende Gerede als das empfunden worden, was es ist – eine unangemessene, eine zutiefst unanständige Reaktion auf den Tod von Menschen, die ihrer Herkunft wegen von Nazis ermordet wurden. Egal woher sie kamen, ganz gleich, wer da alles versagt hat.

Der schönste und souveränste Ton des Abends, die beste Antwort auf die Frage des Images, das die Politiker immer wieder aufwarfen, wäre ein 50.000-faches Auspfeifen der Schönredner gewesen.


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