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Kolumne: Wer dumm fragt

Vor der Wahl kommt die Sonntagsfrage.

Vor der Wahl kommt die Sonntagsfrage.

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dpa

Seit wir nicht mehr in den Gottesdienst gehen, stellen wir uns am siebenten Tage gern die Sonntagsfrage. Sie kann die frohe Christenkunde nicht ganz ersetzen, dafür aber die politische Debatte. Sie bringt Horden von Befragern in Lohn und Brot und uns regelmäßig an den Rand doppelter Verzweiflung. Erstens, weil sie uns fragt: Wen wählen? Zweitens, weil die Antworten uns am Geisteszustand unser lieben Mitbürgerinnen und -bürger zweifeln lassen. 37 Prozent mögen R. Brüderle. Ja, auch der Souverän wirft Fragen auf.
Klar: Alle Gewalt geht vom Volke aus. Doch welch gewaltige Anstrengung wäre es, ihm wirklich zuzuhören. Die Medien finden kaum mehr Zeit für Nicht-Promis, die Politik erst recht nicht. Für die Leute hat man seine Leute: die Demoskopen. Behutsam führt der Demoskop allwöchentlich seine Stimmungssonde in den Volkskörper ein, nimmt Temperatur, Blutdruck. Alsdann greift er nach Sakko und Krawatte, geht rüber ins Kanzleramt und meldet: „Volk unauffällig, ohne Befund“.
Große Herrscher halten sich ihren Demoskopen; Kohl hatte Noelle-Neumann, Schröder seinen Güllner, Merkel fragt Matthias Jung. Auch die Medien lieben die Sonntagsfrager, liefern die doch nackte Zahlen, kunterbunte Grafiken, Stoff für recherchefreie Kommentare und spesenneutrale Schlagzeilen frei Haus. Stern online kassandrate letzte Woche: „Steinbrück stürzt ab und reißt die SPD mit.“ Spiegel online packte noch einen drauf: „Steinbrück schon unbeliebter als Westerwelle“. Mit dem fehlerfreien Vortrag von Hochrechnungen kann man kann es bis zum Chefredakteur bringen. Weshalb wir von der Macht der Zahlen sprechen. Die übrigens darin besteht, dass sie je nach politischem Gusto ausmalbar sind. „Weiter Mehrheit für SPD und Grüne“ meldet die Hannoversche Allgemeine mit Blick auf die Niedersachsenwahl, nach Konsum der Demoskopendroge. Während die Welt jubelt: „Rot-Grün nur noch Außenseiter“.
Demoskopie macht Politik, ist Teil der rastlosen Aufmerksamkeitsökonomie. Prozente müssen sexy sein. Hier liegt oft eine Telefonanlage mit dem Decknamen Forsa vorn. Egal, wie wetterwendisch ihre Werte sind: Vor drei Monaten produzierten Forsa-Zahlen noch Schlagzeilen wie „Steinbrück treibt die SPD auf Spitzenstand“.
Banden professioneller Sonntagsfrager geben sich deshalb gerne Namen mit Vertrauen heischenden Wortingredienzien wie „Forschung“ oder „Institut“. Was viel besser klingt als Call-Center. Leider aber nicht verhindert, dass sie regelmäßig falsch liegen. Nach den Bundestagswahlen 2002 und 2005 war jeweils von einem „Demoskopendebakel“ die Rede. Folgenlos. Das Zeug wird weiter bestellt.
Selbst in den USA, dem Mutterland der Massenbefragung, geht das Demoskopieren regelmäßig schief. Der Vorwahlkampf Clinton/Obama 2008 war ein Feuerwerk der krummen Zahlen. Schon 1948 galt Harry S. Truman – nach Umfragen – als so sicherer Verlierer, dass die Chicago Daily Tribune, vom frühen Redaktionsschluss getrieben, Herausforderer Thomas Dewey am Morgen nach der Wahl über die volle Seitenbreite zum Gewinner schlagzeilte. Das Bild des grinsenden Siegers Truman, diese Titelseite in Händen, ist noch heute online bei der Tribune zu bestaunen. Mit dem Kommentar: „Well, jeder macht Fehler.“ Well, so ist es.


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