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Kommentar zu Knobloch: Huch! Ein Pirat mit Palästinensertuch

Brunner, der nach seinen Angaben diese Kopfbedeckung seit 20 Jahren trägt, wurde von der früheren Präsidentin des Zentralrats d

Brunner, der nach seinen Angaben diese Kopfbedeckung seit 20 Jahren trägt, wurde von der früheren Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, in einem offenen Brief aufgefordert, auf das Tragen dieses Tuches zu verzichten.

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dpa

Man könnte sich in Deutschland im Jahr 2011 über viele antisemitische Tendenzen aufregen. Könnte davor warnen, dass Rechtsextreme sich die Occupy-Bewegung aneignen, Ressentiments gegen „Spekulanten“ schüren wollen und damit breite Bevölkerungsschichten ansprechen. Man könnte sich auch darüber aufregen, wie stark die Linkspartei von solchen falschen Denkmustern infiziert ist.

Man könnte erschüttert sein über den Bericht der Berliner Opferberatungsstelle Reachout, die am Mittwoch neue Zahlen zu rechter Gewalt für das Jahr 2010 vorgestellt hat. Demnach stieg mit insgesamt 109 Fällen erstmals seit mehreren Jahren wieder die Zahl der rechtsextremen Übergriffe in der Hauptstadt. Auch dass die Piratenpartei es noch nicht geschafft hat, ihre Ex-Neonazis aus der Partei zu werfen, wäre ein Themas, das etwas Aufregung rechtfertigen könnte.

Symbolisiert der Trachtenhut Abneigung gegen die Modernität?

Man kann aber auch bei im Vergleich dazu völlig irrelevanten Themen gleich die ganz große Moralkeule auspacken und mit Schwung daneben hauen, wie die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch: Sie hat den Berliner Piraten-Abgeordneten Gerwald Claus-Brunner aufgefordert, sein Kopftuch abzulegen.

Das Palästinensertuch sei nicht nur ein Symbol der Befreiungsbewegungen der Dritten Welt und der westlichen Linken, sondern stehe auch für Nationalismus, bewaffneten Kampf und Anti-Zionismus, schrieb Knobloch als Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Der Pirat signalisiere damit „bewusst oder unbewusst“ eine nationale, antijüdische Gesinnung und Sympathie für Gewalttätigkeit im Kampf gegen die westliche Modernität, schrieb Knobloch, die mit Brunner noch nie darüber gesprochen hatte.

Ein Debattenbeitrag, der viele ernste Fragen aufwirft: Symbolisiert der bayerische Trachtenhut nicht auch eine verdächtige Abneigung gegen die westliche Modernität, bewusst oder unbewusst, irgendwie? Und ist der Bollenhut des Schwarzwaldmädels eigentlich noch ok? Wenn ein Jugendlicher morgen mit gelbem Turban auf die Straße geht, sollte er dann eine distanzierende Erklärung zum Dolchtragen und zur Gewalt unter Sikhs in Indien mit sich führen? Nur so zur Sicherheit? Gut möglich, dass wir von Charlotte Knobloch auch das demnächst erfahren. Denn für die wirklichen Problemthemen interessiert sie sich leider offenbar nicht mehr.