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Kommentar zum angeblich verstorbenen Flüchtling in Berlin: Was uns die Lageso-Lüge lehrt

Flüchtlinge warten am Tag nach der in Berlin vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales.

Flüchtlinge warten am Tag nach der in Berlin vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales.

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dpa

Sie hätte wahr sein können, die traurige Geschichte vom syrischen Flüchtling, der tagelang fiebernd vor dem Lageso wartete und schließlich starb. Unter der Regie einer angeblich für Gesundheit und Soziales verantwortlichen Behörde warten ja tatsächlich seit Monaten Tausende unter Umständen, für die sich Berlin schämen muss. Ein Glück, dass noch niemand gestorben ist. Darin liegt das kleine Gute an der aufgeflogenen, dummen Lüge.

Der Rest ist eine Kette von menschlichem Versagen. Der Helfer Dirk V. erfand eine detailreiche Story. Seine Freunde beim Verein „Moabit hilft“ lancierten sie in blindem Engagement ungeprüft an die Öffentlichkeit. Umgehend setzten Protest-, Polit- und Trauerrituale ein, Kerzen brannten, rührende Texte entstanden. Das ist peinlich. Die Grünen wussten sofort, warum der arme Flüchtling hatte sterben müssen. Auch das war verantwortungslos. Die verdienstvollen Helfer haben einen schweren Fehler begangen, sich ihrer eigenen Autorität und Glaubwürdigkeit beraubt. Über eine Schadenersatzforderung von staatlicher Seite sollten sie sich besser nicht beklagen.

„Ich wollte wachrütteln, etwas verändern“

Am meisten aber ärgern sie sich vermutlich, dass sie Innensenator Frank Henkel (CDU), einem der Hauptverantwortlichen für das weltweit geschmähte Lageso-Chaos, einen handfesten Anlass lieferten, um die Helfer zu verhöhnen. Henkel konnte nichts Besseres passieren, um von der Kritik an seiner lausigen Arbeit und der seines Parteifreundes, Sozialsenator Mario Czaja, abzulenken. Aber der donnernde Henkel schwieg besser betreten. Denn im Vergleich zur menschlichen Fehlleistung des Dirk V. sind die Ausfälle der Verwaltung monströs, ist die Wurstigkeit empörend, mit der die Apparatschiks die Schande Lageso hinnehmen.

Der Übeltäter und Märchenerzähler selber hat sich entschuldigt, das jedenfalls legt ein am Donnerstag auf Facebook aufgetauchter Text nahe (in Zeiten der grassierenden Gerüchte bleiben Zweifel). Darin heißt es, das ehrenamtliche Engagement habe ihn an die Grenzen der psychischen und physischen Belastung gebracht. An jenem Abend habe er sich dann sturzbetrunken in die Geschichte vom sterbenden Syrer hineingesteigert. Er nennt auch ein Motiv: „Ich wollte wachrütteln, etwas verändern.“

Dieser Punkt weist weit über den aktuellen Einzelfall hinaus auf einen Typus – den hilflosen Helfer, so wie er an allen Krisenherden und in jeder Katastrophenaktion früher oder später auftritt: verzweifelt an den Grenzen der Möglichkeiten zum Helfen, seelisch und fachlich überfordert. Naturgemäß engagieren sich gerade Menschen besonders stark für Notleidende, die reich mit Empathie, Aufopferungsbereitschaft und Mitgefühl ausgestattet sind.

Helfer verdienen Respekt und Schutz

Die Soziologie nennt das prosoziales Verhalten. Was wäre die Menschheit ohne diese Eigenschaften? Jedenfalls keine Zivilisation. Aber in bestimmten Lagen kann die humane Stärke zur Schwäche werden, nämlich dann, wenn eine Krise kühl-professionelles Handeln erfordert, wenn Organisation und klarer Kopf gefragt sind, auch durchsetzungsstarke Typen, die Ruhe und Übersicht wahren.

Die nicht mit dem hilfesuchenden Gegenüber verschmelzen, die einen Blick für Trickser haben, die zwischen Wünschbarem und Möglichem unterscheiden. Profis eben. Ausgebildet für und vorbereitet auf schwierige Situationen. Man hat sie jüngst eher im gern geschmähten Bayern bei der Arbeit gesehen als in Berlin.

Von den Ehrenamtlichen ist, bei allem Respekt, keine Voll-Professionalität zu verlangen. Ebenso wenig verdienen sie Spott. In den irrtümlich sogenannten sozialen Netzwerken ist es schick, diesen Menschen ein Helfersyndrom vorzuwerfen, will sagen: Das Helfen helfe vor allem den Helfern. Nein! Die Motive der freiwilligen Helfer sind aller Ehren wert, und keiner hat das schöner gesagt als Goethe: „Willst Du glücklich sein im Leben, trage bei zu anderer Glück; denn die Freude, die wir geben, kehrt ins eigene Herz zurück.“

Allerdings lehren vielfache Erfahrungen auch: Man muss die Altruisten an seiner Seite gut beobachten und sie im Falle des Falles vor sich selber schützen. Das ist „Moabit hilft“ nicht gelungen.

Man wird sich den Fall merken müssen und sollte dennoch umgehend wieder von der Hauptsache sprechen: von der respektvollen und menschlichen Behandlung der Flüchtlinge. Der donnernde Senator Henkel könnte ja als Schlag gegen Lügengeschichten den Sumpf trockenlegen, in dem sie gedeihen: Wie wär es mit der Beseitigung potenzieller Sterbeursachen?


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