Sie hat zwei kleine Kinder - eine Tatsache, die sie nach Ansicht des Bürgermeisters erst recht qualifiziert : Sandra Scheeres, 41, wird neue Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Foto: DPA/WOLFGANG KUMM
Sie hat zwei kleine Kinder - eine Tatsache, die sie nach Ansicht des Bürgermeisters erst recht qualifiziert : Sandra Scheeres, 41, wird neue Senatorin für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Foto: DPA/WOLFGANG KUMM
Berlin –
Wann hat es das schon einmal gegeben in unserer nach wie vor verklemmten Vereinbarkeitsrepublik? Eine Frau bekommt einen Führungsjob, nicht obwohl sondern weil sie Kinder hat!
Es kann ja sein, dass Klaus Wowereit sich lauter Absagen eingehandelt hat, als er einen Nachfolger für Jürgen Zöllner suchte. Vielleicht stand weit und breit niemand mit ähnlichem Format zu Verfügung, vielleicht waren die Fußstapfen einfach zu groß, die der Bildungs- und Wissenschaftssenator in Berlin hinterlassen hat. Oder aber die Aufgabe war nicht attraktiv genug.
Eine Behörde führen, die als unführbar gilt, für jeden kranken Lehrer in der Millionenstadt verantwortlich gemacht werden und zugleich mit Milliardensummen für die Hochschulen jonglieren – das muss man mögen. Wirklich gut bezahlt ist dieser Knochenjob nämlich nicht. Rund 11.000 Euro brutto im Monat sind zwar viel Geld, schon weil es sich um Geld der Steuerzahler handelt. Aber Chefs in vergleichbaren Positionen der Privatwirtschaft schmunzeln über solche Summen nur.
Peinliches Entsetzen
Es mag also sein, dass Sandra Scheeres nicht die erste Wahl des Regierenden war. Das Entsetzen über diese Personalie, das nun durch die Berliner Bildungsszene geistert, ist dennoch peinlich. Natürlich kann man der Meinung sein, dass die 41 Jahre junge Abgeordnete nicht besonders viel Erfahrung mitbringt, dass die Erzieherin und Diplom-Pädagogin mit dem Lebenslauf manch selbst ernannter Bildungsgrößen nicht mithalten kann. Aber wer sie schon jetzt als überfordert abstempelt, sollte sich fragen, ob das nicht ein wenig voreilig ist. Oder ob nicht auch Zöllner an der einen oder anderen Aufgabe gescheitert ist.
Frank Henkel, CDU: Der neue Innensenator wird es schwer haben, an die erfolgreiche Arbeit von Ehrhart Körting (SPD) anzuknüpfen. Henkel ist kein Jurist. Er hat Kaufmann gelernt, studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften und kennt die Behörde nicht. Der 48-jährige Berliner ist seit 2008 Partei- und Fraktionschef und hat auch als Spitzenkandidat eine gute Figur gemacht. Er ist unumstritten die Nummer Eins in der CDU.
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Sybille von Obernitz, CDU: Die Bildungsexpertin der Industrie- und Handelskammer (IHK) ist in Berlin so gut wie unbekannt. Die CDU überraschte mit der Nachricht, dass die 49-jährige Bayerin ohne Parteibuch Senatorin für Wirtschaft und Forschung werden soll. Ihr erstes Problem hat sie bereits auf dem Tisch: Dass die außeruniversitäre Forschung vom Ressort Wissenschaft getrennt wurde, wird in der Hochschulszene heftig kritisiert.
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Mario Czaja, CDU: Mit seinen 36 Jahren ist er der Youngstar im Kabinett Wowereit. Der ausgebildete Versicherungskaufmann , der in Mahlsdorf aufwuchs, soll die Bereiche Gesundheit und Soziales übernehmen. Czaja gehört seit 1999 dem Abgeordnetenhaus an, sein Direktmandat in Marzahn hat er zuletzt mit 41,5 Prozent verteidigt. Als stellvertretender Fraktionschef war er bislang auch für Stadtentwicklungspolitik zuständig.
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Michael Braun, CDU: Der mächtige Kreisvorsitzende aus Steglitz-Zehlendorf hat sich vor allem in der Kulturpolitik einen Namen gemacht, nun sollte er Senator für Justiz und Verbraucherschutz. Der 55-jährige Rechtsanwalt und Notar ist Berliner, er hat an der Freien Universität Jura studiert. 1976 trat er in die CDU ein, und sitzt seit 15 Jahren im Abgeordnetenhaus – seit 2009 ist Braun auch stellvertretender Fraktionschef. Inzwischen musste er aber nach einem Immobilienskandal zurücktreten.
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Michael Müller, SPD: Zehn Jahre hat der SPD-Chef die Parlaments-Fraktion geführt, nun übernimmt er eines der größten und schwierigsten Ressorts: Stadtentwicklung, Wohnen, Verkehr und Umwelt. Müller ist Tempelhofer, hat Kaufmann gelernt und betreibt mit seinem Vater eine kleine Druckerei. Verwaltungserfahrung hat der 46-Jährige nicht, dafür ist er Wowereits Vertrauter und gilt als sein möglicher Nachfolger.
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Ulrich Nußbaum, SPD: In den zweieinhalb Jahren als parteiloser Finanzsenator avancierte er zu einem der beliebtesten Politiker Berlins. In der SPD ist er umstritten, doch Wowereit hält zu ihm. Der 54-Jährige kommt aus Rheinland-Pfalz, studierte Jura und verdiente später sein Geld im Fischgroßhandel. Von 2003 bis 2007 war er schon in Bremen Finanzsenator. Als er in die SPD eintreten sollte, verzichtete er auf den Job.
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Sandra Scheeres, SPD: Die bisherige familienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus ist ausgebildete Erzieherin und hat in Düsseldorf Pädagogik studiert. Dass die 41-Jährige Senatorin für Bildung und Wissenschaft wird, gilt als große Überraschung. Scheeres ist seit 2006 Mitglied des Abgeordnetenhauses und hat ihren Wahlkreis in Pankow. Sie wurde erst am Sonnabend von Wowereit gefragt.
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Dilek Kolat, SPD: Müller und Wowereit wollten eigentlich, dass die studierte Wirtschaftsmathematikerin Fraktionschefin wird. Doch sie bestand auf einem Senatsposten, nun wird es Arbeit, Integration und Frauen. Kolat wurde 1967 in der Türkei geboren, kam als Dreijährige nach Berlin, wuchs in Neukölln auf und wurde 2001 ins Abgeordnetenhaus gewählt. Die letzten Jahre war sie stellvertretende Fraktionschefin.
Und ob das Geraune damit zu tun haben könnte, dass Sandra Scheeres eine Frau mit zwei kleinen Kindern ist.Klaus Wowereit hat seine Entscheidung auf eine Art begründet, die aufhorchen lässt: Sandra Scheeres sei eine ausgezeichnete Jugendpolitikerin, sagte er, außerdem wisse sie aus ihrem Alltag als berufstätige Mutter zweier Kinder um die Probleme junger Familien. Sie solle sich nun um die Bildungsförderung von der Kita bis zur Hochschule kümmern.
Elternschaft als Qualifikation
Wow! Wann hat es das schon einmal gegeben in unserer nach wie vor verklemmten Vereinbarkeitsdebattenrepublik? Eine Frau bekommt einen Führungsjob, nicht obwohl, sondern weil sie Kinder hat! Sie wird nicht erst dann befördert, wenn die Kinder „aus dem Gröbsten heraus sind“, wie es immer so realitätsfern heißt, sondern wenn sie mittendrin steckt in der Vereinbarkeitsfalle. Wem die Frauenfrage wirklich am Herzen liegt, der muss Wowereit loben.
Man kann sich nur wünschen, dass er nicht einzige Regierungschef bleibt, der Elternschaft als berufliche Qualifikation bewertet und – das ist in der Politik besonders wichtig – es auch laut und deutlich sagt. Je mehr Männer mit Personalverantwortung das tun, desto besser, vor allem, wenn sie wie der Senatschef keine eigenen Kinder haben.
Die Ernennung der neuen Bildungssenatorin zeigt aber auch ein Problem auf, über dessen Lösung hierzulande nicht genug nachgedacht wird. Frauen und ihre Männer werden immer älter, bevor sie Nachwuchs bekommen. Sie zögern die Kinderfrage nicht zuletzt deshalb hinaus, weil sie sich erst einmal beruflich etablieren und finanziell auf eigenen Füßen stehen wollen. Das ist verständlich und nicht zu kritisieren.
Alles auf einmal
Es führt aber dazu, dass sie wie Sandra Scheeres und ihr voll berufstätiger Mann in eine Lebensphase geraten, in der sie alles auf einmal bewerkstelligen müssen: Sie sind zwischen 35 und 55 Jahre alt, haben das Gefühl, etwas zu verpassen und geben deshalb beruflich Vollgas. Gleichzeitig wollen sie mit ihren Kindern leben, wollen ihnen gerecht werden, bis sie erwachsen sind. So ist es nun mal, so sollte es auch sein. Entweder die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft machen jungen Paaren Mut, sich früher für Kinder zu entscheiden, oder sie unterstützen späte Eltern dabei, Karrierejob und Familie unter einen Hut zu bekommen.
Sandra Scheeres traut sich die Aufgabe zu. Sie wird mit ihrem Mann besprochen haben, wie sie das gemeinsam hinbekommen. Wowereit jedoch, der ihr dieses anspruchsvolle Amt angetragen hat, sollte seinen Teil zum Gelingen beitragen. Er sollte sich mit dem CDU-Chef und künftigen Innensenator Frank Henkel zusammensetzen und einen ohnehin verkorksten Teil des Koalitionsvertrags nachverhandeln. Forschung und Wissenschaft auseinanderzureißen, war keine gute Idee, wie der massive Protest gegen den neuen Ressortzuschnitt zeigt. Die SPD könnte nach der Forschung auch die Wissenschaft an die neue CDU-Wirtschaftssenatorin abtreten, und die CDU müsste dafür etwas anderes hergeben, aus dem Bereich Arbeit zum Beispiel. Wenn beide Seiten wollen, sollte sich ein Modell finden lassen.
Sandra Scheeres jedenfalls könnte sich so auf Kitas und Schulen konzentrieren. Die hätten es nötig – und es wäre ein vernünftiger Beitrag zur Frauenförderung.
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