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Leitartikel: Rettet unsere Bibliotheken!

Bibliotheken sind wesentlicher Bestandteil des öffentlichen Bildungssystems.

Bibliotheken sind wesentlicher Bestandteil des öffentlichen Bildungssystems.

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dapd

Wer von der Situation des deutschen Bildungswesens, Abteilung Öffentliche Bibliotheken sprechen will, begibt sich in eine Welt der schärfsten Kontraste. In Berlin etwa wird derzeit debattiert, das gigantische Internationale Congress Centrum zu einer neuen Zentral- und Landesbibliothek (ZLB) umzubauen. Die Zeichnungen des Büros KSP Engel sind sogar richtig hell und schön. Die Berliner Messe wäre zweifellos heilfroh, das ICC los zu werden, ohne dass dieses als konkurrierendes Kongresszentrum auftreten kann. Und wir sparen: Statt für 200 Millionen Euro das ICC zu sanieren und für 270 Millionen einen Neubau für die ZLB auf dem Tempelhofer Feld zu errichten, wird alles in einem Aufwasch erledigt.

Wen kümmert angesichts solch populistischer Versprechen der kollektive Entsetzensschrei der Bibliothekare. Manch Illiterat denkt doch ohnehin: Schließt die ZLB doch gleich ganz, ist noch billiger.

Das käme fast einem Umzug ins ICC gleich. Denn dort würde die Zentralbibliothek maximal weit entfernt von ihren hauptsächlichen Kunden im Zentrum der Stadt sein. Die Betriebskosten würden sie ruinieren. Man braucht in heutigen öffentlichen Bibliotheken kein schwerfälliges Hauptdepot, sondern den direkten Zugang zu den Medien, für das gemeinsame Lernen oder das Treffen von Arbeitsgruppen. Bibliotheken sind heute nicht mehr nur ruhige Studienorte (auch das sind sie noch), sondern auch Treffpunkte, Bindemittel für die Gesellschaft, nicht zuletzt eine Integrationshilfe für Einwanderer. Bayern und die skandinavischen Länder machen es vor: Wer gute Ergebnisse in den Schulen haben will, muss in öffentliche Bibliotheken investieren.

Immerhin, Berlin will ja Geld ausgegeben. Die neue Stadtbibliothek in Amsterdam mit ihrem schleiflackglatten Weiß-Schick, der Bücherwürfel in Stuttgart mit den toll-weißen Bücherterrassen im Obergeschoss, die sich hervorragend auch für Modefotografien eignen, sind der vielbeschworene Maßstab. Der Bibliotheksnormalfall vor allem im Norden und Osten Deutschlands, zunehmend aber auch in einstigen Industrieregionen wie dem Ruhrgebiet, sieht anders aus: Lübeck etwa kann seine Handschriften und Drucke nur noch aufstellen, aber nicht mehr erforschen oder restaurieren.
In Ostdeutschland ist oft weit mehr als ein Drittel der 1990 existierenden Bibliotheksstandorte geschlossen worden. Dass in kleineren Orten überhaupt noch welche existieren, liegt an der scheinbar unbegrenzten Bereitschaft vieler Bibliothekarinnen – der Beruf ist wesentlich von Frauen geprägt – sich selbst auszubeuten. Aber selbst die Landeshauptstadt Schwerin musste im Frühjahr aus dem Stand alle Abteilungen bis auf die für Kinder und Jugendliche räumen lassen: Zwei Jahrzehnte wird auch dort schon über einen Neubau debattiert. Jetzt sind die bisher genutzten Räume einer alten Klavierfabrik statisch nicht mehr in der Lage, weiter als Notbehelf zu dienen. Zukunft? Ungeklärt.

Keine Ausnahme, wie der vergangene Woche vorgestellte Bericht zur Lage der etwas mehr als 10.000 deutschen Bibliotheken zeigt. Wer dann allerdings an den Stadtrand Schwerins kommt, der sieht einen glanzvollen Neubau in einem abgelegenen Kasernengelände vor sich: die neue Landesbibliothek. Wissenschaftlichen Bibliotheken wie ihr geht es zwar oft auch nicht gut, wenigstens nach US-amerikanischen oder nordeuropäischen Maßstäben. Doch es geht ihnen meist viel besser als öffentlichen Bibliotheken. Vor allem ist ihr Status in der öffentlichen Debatte ein anderer. Berlin etwa hat seit der Wiedervereinigung vier neue Universitätsbibliotheken gebaut – aber keine Zentralbibliothek. Längst schon kollabiert die Amerika-Gedenk-Bibliothek, das Hauptgebäude der ZLB angesichts von 8000 Nutzern pro Tag. Im Abgeordnetenhaus hörte man doch wirklich das Lästern: Was macht ihr auch so viel Werbung für Eure Möglichkeiten. Zyniker empfehlen gar: Erhebt halt höhere Nutzungsgebühren, dann kommen auch weniger Nutzer.

Es wäre rasende Dummheit, so zu handeln. Ein Land mit alternder Gesellschaft muss jedes Talent fördern, auch wenn es nicht aus den klassischen Bildungsschichten kommt. Gute öffentliche Bibliotheken sind genau wie gut ausgestattete Grund-, Mittel- und Oberschulen ein Mittel dazu. Sie sind keine Wohltätigkeit, sondern ein Betriebsmittel unserer Demokratie. Weil die davon lebt, dass die Menschen wissen können, worüber ihre Politiker abstimmen. Und damit diese Erkenntnis nicht der nächsten Sparwelle zum Opfer fällt, sollten die Bundesländer Bildung und Kultur endlich zu einer Pflichtaufgabe zu machen, bei der man so wenig kürzt wie, sagen wir, beim Bau von Frischwasserleitungen.


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