blz_logo12,9
Berliner Zeitung | Leitartikel zu Klonen: Moralische Tretminen
16. May 2013
http://www.berliner-zeitung.de/6651402
©

Leitartikel zu Klonen: Moralische Tretminen

Die Aufnahme der Universität Seoul zeigt das Übertragung der Körperzelle von einer Frau in eine entkernte Eizelle derselben Spenderin.

Die Aufnahme der Universität Seoul zeigt das Übertragung der Körperzelle von einer Frau in eine entkernte Eizelle derselben Spenderin.

Foto:

picture-alliance / dpa

Da sind sie wieder, die Gespenster. Unsere Ängste vor dem Wissenschaftler als Frankenstein, der aus Klonen den künstlichen Menschen schaffen will. Und wer möchte widersprechen? Die Fantasien sind uralt. Der legendäre Arzt und Mystiker Paracelsus verbreitete schon im Mittelalter Falschmeldungen darüber, wie er aus Spermien und Pferdemist durchsichtige Menschlein erschaffen habe. Und solch ein Homunkulus – es gab derer viele – wird in Goethes „Faust“ literarisch am trefflichsten aufbereitet als Symbol der unbändigen Gier des Menschen, um der Erkenntnis willen ethische Grenzen zu überschreiten.

Ein Feld voller moralischer Tretminen ist die Stammzellforschung seit Anbeginn. Denn zunächst musste man für die Erzeugung der begehrten Alleskönner Embryonen zerstören. Ethisch noch problematischer jedoch erscheint vielen die Herstellung von menschlichen Klonen. Im Jahr 2004 hatte der Südkoreaner Woo Suk Hwang den Durchbruch gemeldet. Doch die vermeintliche Sensation endete in einem der größten Wissenschaftsskandale. Seine angeblich aus Patienten geklonten Embryonen samt Stammzellen gab es in dieser Form gar nicht. Sämtliche Daten waren gefälscht.

In dieser Woche verkündete ein US-amerikanisches und südkoreanisches Forscherteam, dass ihnen das Kunststück nun doch gelungen ist. Die Frage ist nur, ob die so gewonnenen Stammzellen für die Medizin überhaupt noch von großem Nutzen sind. Denn seit einigen Jahren sind die Verfahren immer weiter verfeinert worden, um normale Körperzellen von Erwachsenen wieder zurückzuprogrammieren in den Urzustand. Diese sogenannten induzierten Stammzellen reichen für die Grundlagenforschung meist aus. Sie haben derzeit noch den Makel, dass sie nicht für Therapien am Menschen eingesetzt werden können.

Es geht nur langsam voran

Aufgrund bestimmter Hilfsmittel wie Viren bestünde die Gefahr, dass ein Krebs entsteht. Aber die Forscher sind optimistisch, dieses Problem zu lösen. Der hektischen Betriebsamkeit der Anfangsjahre ist zudem eine gewisse Demut gefolgt. Die Natur – in diesem Fall die Entfaltung der embryonalen Zelle zu Hunderten verschiedener Zelltypen – arbeitet ungleich komplizierter, als vermutet. Auch wenn es immer besser funktioniert, Stammzellen in zuckende Herzmuskelzellen oder Nervenzellen umzuwandeln, praktische Therapien stehen noch nicht zur Verfügung. Dabei hätten etliche Forscher vor einigen Jahren gewettet, dass im Jahr 2013 die Heilung von Zuckerkrankheit oder Parkinson bereits Klinikalltag sei.

#bigimage1

Es wird Forscher geben, die gerne mit den jetzt zur Verfügung stehenden geklonten Zellen arbeiten wollen. Dieses therapeutische Klonen hat mehrere Vorzüge. Zum einen würden daraus gezüchtete Organe vom Zellkernspender ohne Abstoßungsreaktion vertragen. Falls die Zelle hingegen von einem Menschen mit Erbkrankheit stammt, könnte die Entstehung solcher Krankheiten in der Petrischale verfolgt werden, und es könnten Möglichkeiten untersucht werden, um das Anschalten krankmachender Gene zu blockieren.

In Deutschland sind sowohl die Herstellung von Stammzellen aus Embryonen als auch das Klonen verboten. Derzeit dürfen embryonale Stammzellen nur unter strengen Auflagen im Ausland für Forschungszwecke erworben werden. Allerdings gibt es Überlegungen, die strengen Vorschriften etwas zu lockern. Dann würde der volle Schutzstatus des Embryos erst mit der Einnistung in der Gebärmutter erfolgen. Im Ausland aber rast der wissenschaftliche Forscherdrang teilweise ungebremst dahin. Geklonte Embryonen sind nun eine Realität. Einer Leihmutter eingepflanzt, könnte daraus ein Mensch entstehen. Deshalb gab es seit 2001 die Bemühung, zumindest dieses reproduktive Klonen weltweit zu ächten.

Es waren die USA, die 2005 gemeinsam mit 60 anderen Staaten – darunter auch Deutschland – nicht nur das Aufwachsen von Klonkindern verbieten wollten, sondern generell die Erzeugung geklonter Embryonen. So weit aber wollten viele andere Staaten nicht gehen, es gab keine Einigung.

Nun sind die Fakten ausgerechnet in US-Labors geschaffen worden. Dass die Ergebnisse sauber sind, wird weltweit nicht mehr angezweifelt. Umso dringender wird deshalb eine weltweite Ächtung des reproduktiven Klonens. Dafür sprechen nicht nur ethische Gründe. Nach Klonschaf Dolly – dem ersten geklonten Säugetier – hat es rund 17 Jahre gedauert, bis die Klonierung eines Embryos auch beim Menschen gelungen ist. Dolly litt unter mehreren Krankheiten, der Klonprozess verläuft nicht so perfekt, wie sich die Tierzüchter das erträumen. Beim Menschen mit seiner hohen Lebenserwartung hätte das sehr viel schlimmere Folgen.


  • Nachrichten
  • Panorama
Newsticker

Neue Nachrichten

Wir haben neue Artikel für Sie. Möchten Sie jetzt die aktuelle Startseite laden?