Londons Bürgermeisterwahl: Nicht nur mit Jux und Tollerei
Boris Johnson (l.) besichtigt die Olympia-Wassersportanlage in London. Will er Bürgermeister bleiben, kann Synchronspringen wohl eher nicht sein Ziel sein.
dpa
London -
Brian Paddick war früher Polizist. Jetzt ist er der abgeschlagene Kandidat der Liberalen für die Londoner Bürgermeisterwahlen am morgigen Donnerstag. Seinen wichtigsten Beitrag im Wahlkampf hat er jedoch schon hinter sich gebracht: Nach einer hitzigen Radio-Debatte stieg er jüngst mit Boris Johnson, dem Amtsinhaber, und dessen Erzrivalen, Ken Livingstone, in einen Lift.
Livingstone (66), ein alter Fuchs, hatte die Live-Sendung zuvor als Chance gesehen, dem Bürgermeister Steuertricksereien zu unterstellen. Das war insofern perfide, als Livingstone gerade selbst wegen kreativer Steuerarrangements massiv in der Kritik steht. Johnson platzte der Kragen: „Sch...-Lügner“, herrschte er seinen Gegner an. Der unbeteiligte Paddick scherzte später, er habe kurz überlegt, ob er schlichten oder lieber jemanden festnehmen solle.
Dabei ist Zorn eine Eigenschaft, die die Londoner von ihrem blonden, beschwingten Bürgermeister nicht kennen. Er hat noch selten den Humor verloren. Somit scheint der Ausbruch ein Indiz dafür zu sein, dass der konservative Boris Johnson (47) den heißen Atem seines Verfolgers, des Alt-Linken Livingstone, im Nacken spürt. Seine Wiederwahl ist längst nicht sicher. Denn Red Ken, sein Amtsvorgänger, ist ihm in letzten Meinungsumfragen wieder gefährlich nahgerückt.
Das ist eine überraschende Entwicklung. Denn Boris Johnson wird von den meisten Briten wie ein possierliches Exemplar eines Politikers bestaunt: ein Sachwalter, der mit leichter Hand seit 2008 eine Metropole regiert, ins Büro radelt, berufsmäßig gute Laue versprüht, und daneben eine wöchentliche Zeitungs-Kolumne schreibt, die ihm 250.000 Pfund im Jahr extra einbringt.
Wiff-Waff auf abgeräumter Tafel
„Chickenfeed“, Kleinkram, nannte er den Betrag unbesonnen, der zehnmal so hoch liegt wie das britische Durchschnittseinkommen. Diese Bemerkung hätte jeden anderen Tory-Politiker in die Bredouille gebracht. Ihm wird sie verziehen, genauso wie seine früheren Flapsigkeiten: Mal hat er die Einwohner Papua-Neuguineas mit Kannibalen verglichen. Mal den Chinesen allen Ernstes erzählt, dass Ping-Pong in England erfunden wurde, und zwar im 19. Jahrhundert als ein Gesellschaftsspiel auf abgeräumte Tischplatten, das man „Wiff-Waff“ nannte. Insofern, ulkte Johnson bei Olympia 2008 in Peking, sei es angebracht, dass die Briten die Sommerspiele, „und damit Wiff-Waff, 2012 wieder nach Hause holen“.
Vermutlich kann sich so einer nur in London durchsetzten, einer Stadt, die ein Herz für Exzentriker hat. Alexander Boris de Pfeffel Johnson, wie er mit vollem Namen heißt, hat einen türkischen Ururgroßvater und einen deutschen Freiherrn unter seinen Ahnen, verfügt über einen Oxfordabschluss und spricht, wenn es sein muss, Latein.
Nichtsdestotrotz wählen ihn Senioren in den Vorstädten, die er mit der Wiedereinführung eines Roadmaster-Doppeldeckerbusses beglückt, genauso wie Haarstylisten im Szene-Viertel Camden. „Er ist durchgeknallt“, sagt ein Friseur, „aber so einen braucht die Stadt.“
Selbst Politikwissenschaftler sind ratlos, wie sie das Phänomen des großen Wiff-Waff erklären sollen. „Teflon-Politiker“, nennt ihn Tony Travers von der London School of Economics, weil alles an ihm abzuprallen scheint, sogar die Verantwortung für die letztjährigen Sommerkrawalle.
Es ist Londons Bürgermeister gelungen, die Schuld an dem größten Desaster seiner Amtszeit auf Mängel bei der Metropolitan Police zu schieben – obwohl die Aufsicht der Polizei ihm selbst obliegt. „Die Fehler, die ihm unterlaufen“, stellt Travers fest, „nimmt die Öffentlichkeit einfach als Beleg für seine Authentizität.“
Klare Ziele
Tatsächlich erklärt sich sein Erfolg wohl damit, dass er seine politischen Ambitionen und Ziele hinter seiner Jovialität verbirgt. Sein Bürgermeisteramt ist einer der mächtigsten Posten im Land. Denn London ist weit mehr als eine Stadt: Die Einwohnerzahl entspricht der Bulgariens oder der Schweiz; die kommunale Wirtschaftsleistung ist in Europa unübertroffen; die City gilt als weltweit führendes Finanzzentrum. Und außerdem ist London vom 27. Juli bis 12. August noch Olympiastadt. Johnson darf sich inzwischen als zweitwichtigster konservativer Politiker hinter Regierungschef Cameron betrachten – mit besten Chancen, einmal selbst Premier zu werden. So weit kommt keiner nur mit Jux und Tollerei.
Niemand weiß das besser als sein Rivale Ken Livingstone, der selbst von 2000 bis 2008 London regierte. Der Labour-Politiker war Londons erster Bürgermeister, nachdem er bis 1986 das später aufgelöste Greater London Council geleitete hatte. Es ist Livingstone zu verdanken, dass London den Zuschlag für Olympia erhielt, und dass ihm der blonde Schnösel diesen Triumph vor vier Jahren entriss, hat er ihm bis heute nicht verziehen.
Zum Erbe der Ära des Roten Ken gehört die City-Maut für Privatautos und die Durchsetzung des höheren Mindestlohns für eine der teuersten Städte des Planeten. Die Errungenschaften seines Nachfolgers sind weniger spektakulär, sieht man von der Einführung der Stadtfahrräder, der sogenannten „Boris Bikes“, ab. „Johnson hat weniger in Angriff genommen“, sagt Tony Travers, „aber das entspricht auch seiner Philosophie vom kleinen Staat.“
In Wahrheit allerdings verwaltet der Londoner Bürgermeister viel weniger als seine Kollegen in anderen europäischen Städten. Der Aufgabenbereich beschränkt sich auf Nahverkehr und Polizei. Livingstones größtes Wahlversprechen besteht denn auch darin, die Fahrpreise zu senken – ein Geschenk, das sich London laut Johnson nicht leisten kann. Er will stattdessen lieber die älteste U-Bahn der Welt „auf Singapur-Standard“ bringen.
James-Bond-Rivale mit Hund
Bei so wenig substanziellem Unterschied ist es naheliegend, dass hauptsächlich die Egos der Bewerber zur Abstimmung stehen, die in jeder Beziehung der Größe Londons entsprechen. Livingstone machte das schon klar, als er bei Ankündigung seiner Kandidatur von einer „simplen Entscheidung zwischen Gut und Böse“ sprach.
Seit dem „großen Kampf zwischen Churchill und Hitler“ sei die Wahl nicht mehr so eindeutig gewesen, bemerkte er nur halb im Scherz. Johnsons konterte, das Duell erinnere ihn eher an „Bond gegen Blomberg“. Allerdings, so ergänzte er süffisant, streichle Ken Livingstone einen Hund und keine weiße Perserkatze wie James Bonds Film-Rivale.
Mit derlei Witz hätte er London schon fast gewonnen. Zumal sogar Labour-Mitglieder wie der Fernsehprominente Lord Sugar dem knurrigen Roten Ken die Stimme verweigern. Was Johnson indes zu schaffen macht, ist die Krise seiner Konservativen Partei, die wegen des Rückfalls in die Rezession und ihre Nähe zum diskreditieren Medienzaren Murdoch in ein Umfrage-Tief gefallen ist.
Und so hat er am Montag ein zweites Mal uncharakteristisch geflucht, als ihn ein Reporter auf die Murdoch-Abhöraffäre ansprach Seine Anhänger sehen das mit Schmunzeln. „Jede Schimpfkanonade“, glaubt ein Tory-Abgeordneter feixend, „bringt ihm drei Prozentpunkte der Stimmen ein.“