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Medizinische Versorgung: Notruf nach dem Landarzt

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dpa

Berlin -

Vor fast 15 Jahren stellten mehrere Wissenschaftlicher ein Gutachten über die Lage im deutschen Gesundheitswesen vor, das die Reformdebatte in den Folgejahren maßgeblich mitbestimmte: Der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ kam damals zu dem Ergebnis, es herrsche in Deutschland gleichzeitig eine Über-, Unter- und Fehlversorgung der Patienten bei der Behandlung einzelner Krankheiten.

Nun hat das Gremium wieder ein Gutachten vorgelegt, und der Titel könnte ähnlich lauten. Diesmal geht es allerdings um die regionalen Unterschiede bei der medizinischen Versorgung der Patienten. Der Befund: In Städten und Ballungszentren nimmt die Überversorgung mit Ärzten zu, in den ländlichen Regionen droht gleichzeitig eine massive Unterversorgung, es fehlen also Mediziner. Die Politik und die Akteure im Gesundheitswesen, so die Gutachter, tun jedoch zu wenig, um die wachsenden Probleme in den Griff zu bekommen.

„Abwarten ist keine Lösung“, warnte der Vorsitzende des Gremiums, Ferdinand Gerlach. In den ländlichen Regionen fehlten schon heute vor allem Allgemeinmediziner. „Die Lage wird sich langsam, aber sicher zuspitzen“, prognostizierte er. Je früher man gegensteuere, desto besser. Gerlach kritisierte, allen bisherigen Maßnahmen reichten bei weitem nicht aus, um die sich abzeichnende Unterversorgung der Bevölkerung in strukturschwachen, ländlichen Gebieten entgegenzuwirken.

Landarztzuschlag steht zur Debatte

Der Expertenrat, der den gesetzlichen Auftrag zur Beratung des Bundesgesundheitsministeriums hat, empfiehlt ein Bündel von Reformschritten. „Es gibt nicht die eine Lösung“, betonte der Vorsitzende des Gremiums. Der Sachverständigenrat schlägt unter anderem die Einführung eines „Landarztzuschlags“ vor. Um mehr Allgemeinmediziner für eine Tätigkeit auf dem Land zu gewinnen, sollen alle Leistungen mit einem Zuschlag von 50 Prozent vergütet werden. Voraussetzung ist, dass in einer Region weniger als 90 Prozent der eigentlich geplanten Arztsitze besetzt sind. Bei den Fachärzten soll es den Zuschlag bei einem Versorgungsgrad von unter 75 Prozent geben. Außerdem regen die Experten eine Reform der Aus- und Weiterbildung an, um mehr Studenten für die Allgemeinmedizin zu gewinnen.

Für die ländlichen Gebiete schlagen die Experten zudem eine völlig neue Form der Patientenversorgung vor: Künftig sollen „Lokale Gesundheitszentren“ eingerichtet werden, in denen zum Beispiel angestellte Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen zusammen arbeiten, umso vor allem ältere Patienten und chronisch Kranke besser betreuen zu können. Bei diesen „Land-Polikliniken“ handelt es sich letztlich um eine Weiterentwicklung der bereits bestehenden Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Sie sollen aber neben ambulanten auch stationäre Leistungen anbieten. Die Experten stellen sich darüber hinaus vor, dass diese Zentren auch mobile Praxen betreiben oder Hol- und Bringedienste für die Patienten organisieren.

Vorschrift für Arztsitze?

Nach Überzeugung der Wissenschaftler haben diese Zentren auch für Ärzte und Pfleger deutliche Vorteile, was die Attraktivität der Tätigkeit auf dem Land erhöht. So könne die Belastung der Beschäftigten durch Bereitschaftsdienste und die Notfallversorgung auf mehrere Schultern verteilt werden, sagte Gerlach. Auch die Kinderbetreuung könne besser organisiert werden.

Durch den vorgeschlagenen Landarzt-Zuschlag sei es zudem möglich, den Ärzten und Pflegenden eine deutlich höhere Vergütung anzubieten.

Parallel dazu regt der Sachverständigenrat an, gegen eine hohe Arztdichte in den Ballungszentren und Städten vorzugehen. Konkret wird vorgeschlagen, bei einer gegenüber der Planung doppelten so hohen Zahl von Medizinern den Aufkauf frei werdender Arztsitzen durch die Kassenärztlichen Vereinigungen gesetzlich vorzuschreiben. Bisher gibt es hier im Gesetz nur eine „Soll“-Vorschrift, die die Kassenärztlichen Vereinigungen zu nichts verpflichtet. Durch den Aufkauf eines Arztsitzes wird die Praxis quasi vom Markt genommen, so dass sich hier kein neuer Arzt niederlassen kann.


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