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Das Pathos des „Wir schaffen das“

John F. Kennedy

US-Präsident John F. Kennedy (1917-1963) bei seiner Redeauf dem Balkon des Schöneberger Rathauses.

Foto:

Imago/Sven Simon

Am Sonntag wird wieder gesprochen werden von dem Wunder der Auferstehung, von der Hoffnung, dass auch das Unmögliche möglich gemacht werden kann. Wen die Aussicht auf ein ewiges Leben von Tante Erna nicht wirklich lockt, wer außerdem meint, es wäre vielleicht besser, seine Hoffnung  auf wirkliche Menschen zu richten, dem empfehle ich als Osterlektüre die Rede, die der US-Präsident John F. Kennedy am 12. September 1962 in der Rice University im texanischen Houston hielt.

Kennedy warb für die bemannte Raumfahrt. Ihn trieb ein Schock an:  die UdSSR hatte es geschafft, dass der erste Mensch im All der neuen kommunistischen Spezies des Sowjetmenschen angehörte. Interessanter aber als dieses Motiv ist eine andere treibende Kraft. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der  Amerikas Präsident hoffte. Nicht auf Erlösung, sondern auf  Techniker und Wissenschaftler, auf Politiker und auf die Einsatzbereitschaft der US-Bürger.

Verteidigung des Status quo dient nicht seiner Erhaltung

Kennedy sagte: „Das ist ein atemberaubendes Tempo, und ein solches Tempo schafft zwangsläufig neue Übel, während alte beseitigt werden: neue Ignoranz, neue Probleme, neue Gefahren. Die sich eröffnenden Perspektiven des Weltraums versprechen hohe Kosten und große Mühsal, aber auch eine große Belohnung. Daher ist es nicht überraschend, dass es manchen lieber wäre, wenn wir noch ein wenig länger dort blieben, wo wir sind, um auszuruhen, um zu warten. Aber diese Stadt Houston, dieser Staat Texas und dieses Land der Vereinigten Staaten wurden nicht von jenen errichtet, die warteten und ruhten und den Blick lieber in die Vergangenheit richteten. Dieses Land wurde von jenen erobert, die nach vorne strebten, und so wird es auch beim Weltraum wieder sein.“

Das ist das Pathos des   „Wir schaffen das“. Es dient dazu, klarzumachen, dass es gilt, Schwierigkeiten zu meistern, dass  man mit einem „Weiter so“ gerade nicht weiterkommen wird. Die Verteidigung des Status quo dient – angesichts großer Herausforderungen – nicht dazu, ihn zu erhalten.   Mit dem Pathos allein ist es freilich nicht getan. Man muss daneben auch noch ein paar Milliarden in die Hand nehmen, um die Voraussetzungen zu schaffen, den Himmel zu stürmen.

Eine völlig sinnlose Aktion, sagten die Bedenkenträger damals, und sagen die Bedenkenträger heute. Die von damals konnten sich nicht durchsetzen. Da war die Konkurrenz mit der Sowjetunion, da war aber auch das Bewusstsein, dass es nicht Aufgabe der Politik ist, der Menschheit vor Schwierigkeiten die Augen zu verbinden, sondern dass alles darauf ankommt, die Leute mitzunehmen bei der Bewältigung der Aufgaben.

Einwanderer sind weder Last noch Bereicherung

„Dies alles wird uns selbstverständlich eine Menge Geld kosten“, erklärte Kennedy,  „denn wir haben diesem Programm eine hohe nationale Priorität eingeräumt, auch wenn mir bewusst ist, dass dies in mancher Hinsicht ein Akt des Glaubens und der Vision ist, weil wir nicht wissen, welche Vorteile uns erwarten. Wir müssen zahlen, was zu zahlen ist.“

Das ist schönste Blochmusik! Ernst Bloch wird das damals geleugnet haben. Dennoch ist selten von einem Politiker das Prinzip Hoffnung so beredt verkündet und gleichzeitig so entschlossen realisiert worden. „Der Weg ins Offene“ war damals eine schöne Aussicht. Heute ergänzen wir nur noch „Messer“. Es heißt, im Kirchenkalender ein wenig vorausgreifen, wenn ich jetzt zu Ostern Kennedys Himmelfahrttext zur Lektüre empfehle. Aber er stellt sich so gegen unseren Zeitgeist, der so stolz darauf ist, dass er alles bewahren möchte, und der gleichzeitig so besessen davon ist, alles bewahren zu müssen. Diese Rede und die sie begleitenden Aktionen zeigen, dass es kein Bewahren gibt ohne den Mut zur riskanten, teuren Veränderung.

In den europäischen Hauptstädten steht heute niemand auf und sagt uns, dass Europa sich nicht schützen kann, indem es sich von der Welt abkapselt. Die einzige Chance, dass Europa sich erhält, ist aufzubrechen in die neue Zeit der Völkerwanderungen. Europa muss die Menschen, die Verzweiflung, Angst und manchmal auch Gier nach Europa treiben, aufnehmen. Es muss ihnen Platz verschaffen, Möglichkeiten der Entfaltung. Nur so wird auch Europa sich wieder entfalten können.

Dazu  werden Milliarden gebraucht. Nicht, um Hunderttausende durchzufüttern, sondern um scheiternd und besser scheiternd Industrien, Gewerbe, verlassene Landschaften aufzubauen. Die Menschen, die kommen, sind weder eine Last, noch sind sie eine Bereicherung. Sie sind das, was wir zusammen mit ihnen aus uns und ihnen machen.