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Europa muss sich einen atomaren Angriff vorstellen können

atomkraftwerk

Der Bund für Umwelt und Naturschutz  warnt davor, Kernkraftwerke als potenzielle Anschlagsziele für Terroristen zu unterschätzen.

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imago/Reporters

Da fährt einem doch ein gehöriger Schreck in die Knochen: Die beiden Bombenbrüder von Brüssel, Ibrahim und Khalid El Bakraoui, waren an der planmäßigen und offenbar über längere Zeit laufenden Ausspähung eines belgischen Atomspezialisten beteiligt. Sie wurden als diejenigen Männer identifiziert, die eine heimlich vor dem Wohnhaus des  Direktors des Zentrums für Nuklearenergie (CEN) in Mol angebrachte Überwachungskamera abmontierten.

Aufnahmen dieser Kamera hatten Fahnder bei Ermittlungen zu den Pariser Anschlägen in einer Wohnung eines mutmaßlichen Terroristen im belgischen Auvelais entdeckt. Da das CEN zu den weltweit größten Herstellern von radioaktiven Isotopen für Krebstherapien gehört, liegt die Vermutung nahe, Terroristen hätten von dem Wissenschaftler radioaktives Material für eine schmutzige Bombe erpressen wollen. Das passt zu Berichten von Nachrichtendiensten aus Syrien und dem Irak aus dem vergangenen Jahr: Während des IS-Vormarsches habe die Terrormiliz in eroberten Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen genug strahlendes Material erbeutet, um eine sogenannte radiologische Waffe zu bauen.

Sollte sich der neue Verdacht in Belgien erhärten, würde dieses erschreckende  Bild ergänzt, und Europa müsste sich Gedanken machen über eine bislang noch nicht erlebte Gefahr.

Vor dem 11. September war ein solcher Terroranschlag undenkbar

Vor den Terrorakten in New York konnte sich niemand vorstellen, dass große Passagierflugzeuge von Laienpiloten in Hochhäuser gesteuert werden könnten. Vor ein paar Jahren konnte man sich nicht vorstellen, dass ein gnadenlos fundamentalistischer Islamismus ein staatsähnlich funktionierendes Kalifat etablieren könnte. Derzeit können oder wollen sich  Experten nicht vorstellen, dass Strahlenbomben mitten in europäischen Großstädten platzen oder Terroristen in Atomkraftwerke eindringen und diese zu Megabomben machen.

Derzeit bringen die Ermittlungen in Belgien und Frankreich zutage, dass das terroristische Netzwerk, das die Anschläge von Paris und Brüssel plante und ausführte, größer und dichter war, als es sich die Sicherheitsbehörden vorstellen konnten. Täglich werden neue Zellenstrukturen sichtbar.  Europol-Director Robin Wainwrigth sprach am Donnerstag von einer „Gemeinde von 5000 Verdächtigen, die sich in Europa radikalisiert haben, nach Syrien und in den Irak gereist sind, um Konflikterfahrung zu sammeln; einige von ihnen, nicht alle, sind wieder zurück in Europa“.

Das nicht Vorstellbare muss organisiert werden

Europas Sicherheitsbehörden ringen derweil um einen verbesserten Datenaustausch. Aus zwei belgischen Atomkraftwerken wurde externes Personal aus Sicherheitsgründen verbannt. Man erinnert sich, dass schon einmal ein Dschihadist über ein Subunternehmen einen Job in einem belgischen AKW hatte. Der Bund für Umwelt und Naturschutz  warnt davor, Kernkraftwerke als potenzielle Anschlagsziele für Terroristen zu unterschätzen. Die Bundesregierung betont, deutsche AKWs seien umfassend geschützt und sieht keine akute Gefahr.

Es ist ja richtig, keine Panik zu schüren.  Es wäre aber gut zu wissen, dass sich die Zuständigen auch das bislang nicht Vorgestellte vorstellen und die Abwehr organisieren - und zwar schneller als die Terroristen die größten anzunehmenden Anschläge verüben können.