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Kommentar: Grün-Schwarz und das süddeutsche Wesen

Kretschmann

Wahlsieger Winfried Kretschmann (Grüne) mit dem CDU-Spitzenkandidat Guido Wolf.

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dpa

Geschichte ist nicht gerecht. Dieser Satz ist fast immer richtig. Ganz gelegentlich aber entscheidet sich die Geschichte doch konsequent mit einem  Happy End.

Eine dieser glücklichen Fügungen spielt sich derzeit in Baden-Württemberg ab. Dort vollendet sich vorerst eine über 30 Jahre alte politische Debatte über Bündnisse von Christdemokraten und Grünen mit einer Art historischem Bonus. Die Grünen, viele Jahre von den Christdemokraten geschmäht, dann geduldet, dann für interessant befunden und erst nach Jahrzehnten mit politischer Satisfaktion versehen, diese Grünen also werden jetzt – so nicht alles schief geht – nicht Juniorpartner oder Mehrheitsbeschaffer sein. Sie werden ein Bündnis mit der CDU anführen. 

Wir erleben eine historische Zäsur in der Geschichte der Parteienbündnisse. Wie tiefgreifend sie ist, zeigt ein kurzer Blick zurück: Die Grünen, 1980 auch von vielen Konservativen, Naturschützern, politischen Moralisten gegründet, entschieden schnell in einem harten Machtkampf, dass ihre Richtung links sein sollte. Lange Jahre war alles bürgerliche  Gedankengut überall im Grünen-Land eliminiert. Überall? Nein, ganz im Süden der Republik, in Baden-Württemberg überlebte ein Rest von Bürgerlichkeit.

Es war deshalb auch kein Zufall, dass ausgerechnet in Baden-Württemberg das erste Mal über ein Bündnis mit der CDU herumspintisiert wurde. 1984 war es der damalige frisch gewählte Landtagsabgeordnete  Rezzo  Schlauch, ein Freund guten Essens und guter Weine, der das Denkverbot ankratzte. Den verbalen Tabubruch bei der CDU  beging der damalige Ministerpräsident Lothar Späth, das „Cleverle“ genannt, im Jahr 1988. Vier Jahre später wurde erstmals verhandelt. Doch der damalige CDU-Spitzenkandidat Erwin Teufel ließ die Sondierungsgespräche mit den Grünen platzen. Dass die erste schwarz-grüne Regierung dann in Hamburg ins Amt kam, die zweite jetzt in Hessen regiert, war dieser beharrlichen Debatte im Land der Spätzle-Esser geschuldet.

Und jetzt also die späte Genugtuung. Wenn es schon nie Schwarz-Grün sein konnte im Süden, dann jetzt eben Grün-Schwarz. Dass dieser Gedanke weder aus der Ferne noch im Land Schrecken hervorruft – sieht man mal von den Machtverlustgefühlen der christdemokratischen Funktionäre ab –, dann ist das natürlich ganz und gar Winfried Kretschmanns Verdienst. Kretschmann wurde aus vielen Gründen gewählt, aber auch, weil er  geradezu idealtypisch das baden-württembergische Selbstverständnis verkörpert.

Der Baden-Württemberger ist nämlich zwar durch und durch konservativ, hat ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis, ist heimatverbunden und liebt die Ordnung. Was der Baden-Württemberger aber auf keinen Fall sein will, ist hinterwäldlerisch. Mit Verbohrtem oder Rückständigem will er in aller Regel nichts zu tun haben. Das muss wissen, wer verstehen will, warum die CDU-Politiker Günther Oettinger, Stefan Mappus oder Guido Wolf nicht erfolgreich waren.

Warum dieser Blick auf die Mentalität der Baden-Württemberger? Um zu erklären, warum eine solche scheinbare Ungeheuerlichkeit wie eine grün geführte Regierung mit den Schwarzen für die Menschen südlich des Mains keine große Sache sein wird. Das weiß Winfried Kretschmann, das wissen auch die Christdemokraten. Gedeihlichen Koalitionsgesprächen steht im Grunde nichts im Wege. Und das Land bekäme eine stabile Regierung, die vorleben könnte, wie man im bürgerlich-konservativen Grundkonsens die große Aufgabe der Integration der Flüchtlinge meistern kann. Baden-Württemberg ist ein wirtschaftlich starkes, aber auch ein moralisch starkes Land. Es wird der rechtslastigen AfD und ihren Hetzreden solides Regieren entgegensetzen.

Beide Parteien wissen, dass sie keine andere Option haben. Das macht Koalitionsgespräche einfacher und schwerer zugleich. Beide Parteien sind natürlich gut beraten, jetzt die Hürden bei den Einzelthemen hoch zu legen, sie aber dann aber auch zügig zu überspringen. Die ganz großen Brocken sind sowieso nicht in Sicht. Stuttgart 21, dieses sinnlose Bahnprojekt, ist im Bau. Daran wird so mancher Grüner vielleicht rühren wollen, aber nicht können. In der Wirtschafts- und Finanzpolitik sind die Differenzen nicht groß. Die CDU wird mehr Verkehrsprojekte fordern. Die Grünen werden ihre Schulpolitik nicht rückgängig machen wollen. Kompromisse scheinen da möglich.  Und Kompromisse, wenn sie denn keine faulen Kompromisse sind, nimmt der Süddeutsche in seiner Lebensart nicht übel.