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Kommentar: Überall nur Vernunft

Fahrradhelm

Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

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imago/Jochen Tack

Ihhh“, sagt das Kind, zieht sich die Jacke über die Nase und wendet sich von dem Mann ab, der uns mit brennender Zigarette entgegenkommt. Nein, es ist nicht schön, wenn einen all die aus öffentlichen Gebäuden vertriebenen Raucher auf dem Bürgersteig vollqualmen. Aber: Als ich im Alter des Kindes war, rauchten die Leute innen, und das war noch weniger schön. Noch Anfang der 90er-Jahre gab es in der Maaßenstraße einen Arzt, der sogar in seinem Sprechzimmer rauchte.

Ich selbst habe das Rauchen aufgegeben, nachdem die erste Kollegin im Großraumbüro schwanger wurde. Der eine Schritt vor die Bürotür, um den sie bat, setzte mich so unter Stress, dass ich es lieber ganz sein ließ. Heute sind die Süchtigen froh, wenn sie wenigstens im gleichen Stadtteil bleiben dürfen!

Helmträger in der Überzahl

Oder nehmen wir die Gurtpflicht, die Mülltrennung und die lactosefreien Lebensmittel. Das alles war einst undenkbar. Und die Fahrradhelme erst. 43 erwachsene Radfahrer mit Helmen habe ich neulich auf dem Weg zur Arbeit gezählt, 19 ohne. Das Sicherheitsbedürfnis wächst, keine Frage, auch die ohne Helme sind bereits latente Helmträger, sie warten nur noch auf die Verordnung.

Das alles zeigt, wie gut es uns geht. Denn je mehr man hat, desto ängstlicher und detailfreudiger wird man. Und es zeigt, wie rückstandslos sich in dieser Gesellschaft kleinere Veränderungen durchsetzen lassen: Joggen nur noch in Funktionskleidung, Hundehaufen ins Tütchen, Allergene auf Nahrungsmittelpackungen fettgedruckt – ein Sieg der Vernunft nach dem anderen, und wirklich tasten die Hundebesitzer mit ihrem Säckchen über der Hand sogar bei Nacht auf dem Gras herum. Weil sie es einsehen! Und es dem Hund ja selbst peinlich ist.

Anlass zur Hoffnung, dass auch größere Missstände zu überwinden sind, gibt es also durchaus. Seit sich die Nachrichten häufen, dass Fleisch der Gesundheit schadet, ist das Ende der Massentierhaltung ein gutes Stück näher gerückt. Auch das Leiden der Tiere fanden viele schlimm. Aber die Nachricht, dass reduzierter Fleischkonsum das Leben jedes Einzelnen verbessert und womöglich verlängert, verschaffte der Anti-Agrarindustrie-Bewegung echten Zulauf.

Lebensverlängerung als Kernmotiv

Denn Lebensverlängerung ist das wichtigste Motiv, den Abgrund, in dem früher das Laster hockte, der Leichtsinn und die Lust am Leben, zuzuschütten mit all den Vernunftwerken des Tages. Tatsächlich: Strebertum, wohin man schaut, nur um wohl 116 zu werden wie die Amerikanerin Susannah Mushatt Jones. Es ist die postreligiöse und postethische Sublimation der Angst vor dem Tod, sich zu einem Projekt zu erklären, das erfolgreich gemanagt werden kann. Schon weckt ein Unfall oder Unglück weniger Mitleid als vielmehr sofortige Präventionsaktivität: Nach jedem Vorfall werden Vorschriften schärfer, wird Technik ausgefeilter, Überwachung unabdingbar. Daher kommen uns Boni der Krankenkassen für Vorsorge ganz natürlich vor, und Sanktionen im Unterlassungsfall werden wir ebenfalls verstehen.

Nicht dass es der Fortschritt im Tierschutz nicht wert wäre. Aber wird, wer eine Richtung nur aus Ängstlichkeit einschlägt, am Ende irgendwo ankommen? Den Schrittzähler der Gesundheitsapp fest im Auge, spurtet man weiter, immer weiter, in der Hoffnung, dort zu bleiben, wo man ist.