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Kommentar zu Brüssel: Der Terror darf Europa nicht zerreißen

Hooligans stören Trauer

Wenige Tage nach den Selbstmordanschlägen standen sich in Brüssel Trauende und Hooligans unmittelbar gegenüber.

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Der Begriff „Europäer“, habe ich heute aus einer Sendung über die Schlacht von Poitiers (732) erfahren, taucht das erste Mal in einer Chronik aus dem achten Jahrhundert als Übernahme eines Begriffs aus dem Arabischen auf. Es sieht so aus, als hätten wir in dem Moment, als wir sie in die Flucht schlugen, ihre Bezeichnung für uns übernommen.

Aber schauen wir in die Hauptstadt Europas, schauen wir nach Brüssel. Für vergangenen Samstag waren zwei Demonstrationen angesagt worden. Die eine sollte eine Trauerfeier sein für die 35 Toten und die 340 Verletzten der Anschläge vom vergangenen Dienstag. Die andere war gedacht als ein Zeichen dafür, dass man sich nicht einschüchtern lässt von Gewalt und Terror, eine Demonstration der Zivilgesellschaft gegen die Kriegserklärung der Islamisten. Die erste Demonstration wurde abgesagt, weil die Behörden mit neuen Anschlägen rechneten.  Die zweite wurde von rechtsradikalen Hooligans überfallen.

Europa lässt sich zerreißen

Man fürchtet, das symbolisch lesen zu müssen. Das mächtige Europa – man betrachte nur, wie es sich in Brüssel architektonisch präsentiert –, die wohl doch größte Demokratie der Welt, geht vor ein paar durchgeknallten Terroristen in die Knie. Nicht lässig im Sinne von „wenn’s der Wahrheitsfindung dient“, sondern demütig: Demonstrativ wird nicht demonstriert. Damit nicht genug,  lässt Brüssel es zu, dass selbst die Trauerfeier zu einer Demonstration der Stärke der Terroristen der - ja gar nicht so – anderen Seite wird.

Europa lässt sich zerreißen, so könnte man das, was da geschieht, interpretieren. Auf der einen Seite der Terror der Kämpfer, die nur einen einzigen Weg zulassen wollen. Sie nennen ihn Islam. Sie benutzen ihn für die Befriedigung ihrer Machtgelüste. Um dasselbe geht es denen der anderen Seite. Dazwischen lässt sich an diesem Samstag das riesige Europa zerreiben.

Vor vielen Jahren sprach Heinrich Böll angesichts des Terrorismus der RAF von den sechs gegen die sechzig Millionen. Das war, was die RAF anging, ein wenig untertrieben. Aber: Europa hat knapp 750 Millionen Einwohner. Kann da das Wort von den Tausenden Terroristen schrecken? Es kann. Es genügen sehr wenige, um Verheerendes zu tun. Wer zu allem entschlossen ist, ist zwar noch nicht zu allem in der Lage, aber er ist jedem überlegen, der an seinem Leben hängt.

Brüssel 3. Attentäter
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Dennoch fällt  auf, dass die Polizei nach jedem Anschlag schon nach wenigen Stunden weiß, wer die Täter sind, dass sie ihrer nach wenigen Tagen habhaft geworden ist. Man sollte meinen, angesichts einer nach Millionen zählenden muslimischen Bevölkerung könne der Terrorist sich – frei nach Mao Zedong – in den Volksmassen wie ein Fisch im Wasser bewegen. Das ist ganz offensichtlich nicht so. Die Terroristen sind viele, sie werden mehr. Sie sind aber eine verschwindend kleine Minderheit.

Sie haben keine Chance. Es sei denn, wir geben sie ihnen. Das gilt für beide Seiten des Terrors. Sie kommen beide aus unserer Mitte. Wir können uns aussuchen, welchen wir für schlimmer halten. Wir dürfen das nicht. Wir dürfen uns nicht zerreißen lassen. Es geht nicht um Rechts und Links. Es geht auch nicht um europäische Werte. Nirgendwo auf der Welt gehört es zum guten Ton, Bomben zu werfen.

Der Staat ist gut im Mauern errichten

Dennoch geschieht es. Immer wieder. Überall. Der Islamismus ist nicht links. Er ist auch nicht rechts. Das Christentum ist es nicht. Auch der Buddhismus nicht. Es gibt keine Religion ohne Gewalt. Keinen Monotheismus, keinen Polytheismus und auch keinen Atheismus ohne sie. Es gibt auch keinen Staat ohne Gewalt. So wichtig das Gewaltmonopol des Staates für den gesellschaftlichen Frieden auch sein mag. Es wäre falsch, ihm die Friedensarbeit zu überlassen. Der Staat ist dazu nicht geeignet.  Der Staat neigt zu militärischen Lösungen. Die verschärfen meist die Probleme.  Der Staat ist gut im Mauern errichten. Eingerissen werden sie von den Bürgern.

In Brüssel muss es schnellstens eine große Demonstration geben gegen  den Terror der Islamisten und der Hooligans. Es wird versucht werden, mit Anschlägen gegen sie vorzugehen. Wir werden – fast – immer und – fast – überall von Anschlägen bedroht. Wir könnten nicht leben, wenn wir uns nach ihnen richteten. Wir könnten aber auch nicht leben, wenn wir uns nicht in Acht nähmen. Wir müssen aufmerksam sein. In des Wortes doppelter Bedeutung. Und das den anderen und uns selbst gegenüber. Wir wissen doch:

„ Auch der Hass gegen die Niedrigkeit / Verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht / Macht die Stimme heiser.“