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Missbrauch in der katholischen Kirche: Hinweise auf Pädophilen-Netzwerke

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Auch in Limburg haben sich Geistliche an den Domsingknaben vergangen.
Auch in Limburg haben sich Geistliche an den Domsingknaben vergangen.
Foto: ddp
Trier –  

Beim sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch katholische Geistliche haben die Täter die moralische Autorität ihres Amtes und den religiösen Kontext planvoll ausgenutzt. Erstmals gibt es zudem Hinweise auf Täternetzwerke, die sich potenzielle Opfer nach Art von Pädophilen-Ringen zugeführt haben.

Dies geht aus einer systematischen Auswertung von fast 9000 Beratungsgesprächen und Internet-Korrespondenzen einer zentralen Hotline hervor, die die katholische Bischofskonferenz von März 2010 bis Ende Dezember 2012 unterhalten hatte. Bei der Präsentation der Ergebnisse sprach der Missbrauchsbeauftragte der Bischöfe, der Trierer Oberhirte Stephan Ackermann, von einem Angebot für die Opfer sexuellen Missbrauchs, das „weltweit seinesgleichen sucht“. Es sei eingestellt worden, weil sich am Ende lediglich noch ein bis zwei Anrufer pro Mitarbeiterschicht gemeldet hätten. Die Anlaufstellen in den 27 Bistümern blieben aber erhalten.

Nach den Erkenntnissen aus den Hotline-Kontakten nutzten kirchliche Amtsträger ihren spezifischen Vertrauensvorschuss aus, setzten die Strahlkraft religiöser Riten zur Ausschaltung von Schutzmechanismen der Opfer ein und gaben die eigenen Vergehen als „Ausdruck liebender Verbundenheit in Christus oder Auserwählung vor Gott“ aus. Diese „Spiritualisierung des Verbrechens“ sei für ihn das besonders Perfide und Abscheuliche, sagte Ackermann.

Überwiegend männliche Opfer

Andreas Zimmer, der als Fachverantwortlicher für die Hotline die Auswertung der Kontakte zu mehr als 2000 Ratsuchenden erläuterte, sprach von schweren Schäden für die Religiosität als besonderer „psychischer Kraft der Kinder“. Der Abschlussbericht zur Tätigkeit der Hotline erlaube neue Einblicke in das „Dunkelfeld“ der Opfer. So habe sich im Raum der Kirche ein überproportional hoher Anteil männlicher Opfer erhärten lassen. Während gesamtgesellschaftlich das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Opfern bei 3:1 liege, seien in kirchlichen Schulen und Einrichtungen in bis zu 90 Prozent aller Fälle Jungen die Opfer sexueller Gewalt gewesen.

Die Kontakte von Opfern mit der Hotline wurden anonym erfasst und ausgewertet. Sie hätten „die zuständigen Stellen erreicht und zu Konsequenzen für Täter geführt“, sagte Zimmer. Die erhobenen Daten sollen in verbesserte Prävention und weitere Forschungsprojekte einfließen. Zimmer konstatierte insgesamt eine „chronische therapeutische Unterversorgung“ der Opfer.

Bischof Ackermann versicherte, dass sich die Bischöfe „weiterhin mit gleichbleibender Intensität und Konsequenz um eine gründliche und transparente Aufarbeitung bemühen“ würden. Ausdrücklich schloss der Bischof die Frage nach spezifisch kirchlichen Rahmenbedingungen und systemischen Ursachen für sexuellen Missbrauch ein. Ein herber Rückschlag in diesem Bemühen sei der Bruch mit dem Hannoverschen Kriminologen Christian Pfeiffer gewesen, der die Personalakten der Bistümer nach Hinweisen auf – womöglich bislang unentdeckte – Missbrauchsfälle durchforsten sollte.

Forschungsprojekt soll ohne Pfeiffer fortgeführt werden

Gelitten habe darunter auch das Ziel der Kirche, Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Das von Pfeiffer seit 2011 betreute und von den Bischöfen in der vorigen Woche gekündigte Forschungsprojekt solle aber mit verändertem Design fortgesetzt werden. Es gebe bereits eine Reihe von Meldungen und Angeboten interessierter Wissenschaftler, sagte Ackermann.

Er nannte aber weder Zahlen noch Namen oder einen Zeitplan. Nach dem hohen öffentlichen Druck, unter dem die Bischöfe 2010, nach dem Bekanntwerden zahlreicher Missbrauchsfälle durch katholische Geistliche, gestanden hätten, solle nun „möglichst zeitnah, aber solide“ gehandelt werden. Offen ließ Ackermann auch die Frage, ob und in welcher Form sich alle Bistümer an einer Folgestudie beteiligen werden. Pfeiffer hatte scharfe Kritik insbesondere an der Weigerung der Bistümer München und Regensburg geübt, ihm entgegen vertraglicher Vereinbarung die Personalakten kirchlicher Mitarbeiter zur Verfügung zu stellen.

Ackermann trat dem Eindruck entgegen, die Kirche wolle die Täter schützen und ihre Vergehen vertuschen. Im Vergleich zu vielen anderen gesellschaftlichen Gruppen sei die katholische Kirche in der Aufarbeitung sehr weit fortgeschritten, so Ackermann. Glaubwürdigkeit aber könne man „nicht verordnen“, sondern nur für sie werben. Einen eigenen Anteil für die öffentliche Wahrnehmung in einem „hoch sensiblen, emotionalen Feld“ schrieb Ackermann der Berichterstattung in den Medien zu.

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