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Montagsdemos in Berlin: Worum es bei den Montagsdemos wirklich geht

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Lösung von Weltproblemen auf die einfache Art: "Montagsdemo" am Brandenburger Tor. Foto: Benjamin Pritzkuleit
Berlin –  

Von Berlin aus verbreiten sich neue Montagsdemos: Rechte und Linke demonstrieren gemeinsam für Frieden. Aber was treibt die Menschen wirklich auf die Straße? Geht es um Mahnwache oder um Wahnmache? Unser Reporter hat sich unter die Demonstranten gemischt.

Seit dieser Woche hat die Bewegung sogar eine Hymne. Zumindest hat der Rapper Photon extra für die Tausenden Gleichgesinnten im Land, ganz ehrenamtlich, wie er sagt, einen „Info-Rap“ geschrieben. Die Glaubenssätze in Reimform.

Als er am Montagabend in Kapuzenpulli, Sonnenbrille und John-Lennon-Shirt auf die Bühne der wöchentlichen „Friedensmahnwache“ vor dem Brandenburger Tor springt, blickt er auf ein buntes Volk und ziemlich viele Transparente. Die meisten der gut 1000 Demonstranten, die bis zur Dämmerung eintrudeln, sind eher jung. Männer und Frauen. Rastalocken und Anoraks. Batik und Jack Wolfskin. Dazu Friedenstauben, auf Ballons, Ansteckern, aufgeschminkt. Auf den Transparenten: Gandhi, Snowden, Regenbogen. Und viel Schrift: Frieden schaffen ohne Waffen!, Zinseszins – nein danke!, eine Hand in den Farben der US-Flagge entzündet eine Lunte an der Erdkugel, daneben: Schluss damit!

Wie aus dem Nichts tauchen mehr und mehr Demonstrationen wie diese in ganz Deutschland auf. Zuerst in Berlin und, weil kaum 100 Leute kamen, von den Medien ignoriert. Inzwischen skeptisch bestaunt: Protestieren da wirklich linke und rechte Gruppen gemeinsam für den Frieden in der Ukraine? Als „Querfront“ gegen die westliche Russlandpolitik, wie sie selbst sagen?

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In Berlin singt Photon seine Hymnenweltpremiere: „Wir erheben uns für Friede, Freiheit und Information. Denn was fehlt, ist Liebe, Gleichheit in allen Nation’n.“ In den ersten Reihen wird geklatscht, ein Bongospieler mit Palästinensertuch setzt spontan ein. Klar: Friede, Liebe, Gleichheit – wer wäre dagegen? Hinter der Bühne lächeln die Veranstalter. Eine Hymne, mögen sie denken, das ist gut für die vielen Einsteiger, die Woche für Woche neu hinzustoßen. In 42 Städten in ganz Deutschland finden die neuen Montagsdemos inzwischen statt, da kann ein Crashkurs nicht schaden, damit man sie nicht mit den 89er-Montagsdemos gegen die DDR oder denen von 2004 gegen Schröders Hartz-Reformen verwechselt.

Die Teilnehmer jubeln

Doch in den Strophen geht Photon ans Eingemachte: „Die mächtige Zentralbank in Amerika / Hält die Welt im Würgegriff, bereits seit mehr als hundert Jahr’n. / Warum das keiner sah, ist doch sonnenklar: / Die FED lenkt Politik und Presse wie einen Avatar.“ Man muss schon einige der Kundgebungen besucht haben, um zu verstehen, was die US-Notenbank FED mit der Kriegsgefahr zu tun hat. Im Schlusssatz kommt es noch dicker: „Danke JFK, danke Malcom, danke Gandhi, Mr. King, John Lennon, Rio Reiser, Tupac, Bruce Lee, Geschwister Scholl, Che Guevara und Mr. Michael Jackson – sie mussten uns verlassen, weil sie für den Frieden kämpften.“ Das Volk jubelt.

Ein Demonstrant mit Plakat vor dem Brandenburger Tor.
Ein Demonstrant mit Plakat vor dem Brandenburger Tor.
Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit

Es ist leicht, diese selbst erklärte Friedensbewegung als Wochenmarkt für Spinner abzutun. Es ist schwerer, zu verstehen, warum Tausende zusammenkommen, um Frieden in der Ukraine und Syrien zu fordern – und heftig gegen Presse und Fernsehen zu wettern; Parteien und Kapitalismus und das Zinswesen zu verdammen; aber Neonazis, die sich unter sie mischen, zu tolerieren. Was soll das? Was wollen sie?

Marlene, 27, Mediengestalterin aus Berlin-Marzahn, ist seit dem ersten Mal dabei. Von Anfang an mit eigenem Plakat: „Weltfrieden für Mensch, Tier & Natur – jetzt!“ Sie hat damals gezielt nach Demos gesucht, erzählt sie. Bei Facebook fand sie den Aufruf von Lars Mährholz aus Berlin. Der schrieb, er sei zwar unpolitisch, aber jetzt habe er genug. „So geht es mir auch“, sagt Marlene.

Genug wovon? Marlene überlegt kurz, dann zählt sie auf: Die Ukraine. Das Freihandelsabkommen mit den USA. Fracking. Genmais. „Und vor allem, dass die Medien die Information darüber zurückhalten oder beschönigen.“ Sie selbst hatte nie eine Zeitung abonniert und das Fernsehen halte sie keine fünf Minuten aus. Sie informiert sich im Internet: „Auf Blogs, in der ausländischen Presse. Sowas.“ Woher sie wisse, dass die Informationen dort korrekt sind? „Man muss sich doch nur mal ansehen, wie die Tagesschau über die Arbeitslosigkeit berichtet“, sagt sie. „Angeblich sinkt die von Monat zu Monat – dabei steigen die Arbeitslosenzahlen ohne Ende!“ Marlene sucht selbst seit einem Jahr vergeblich einen Job.

Vorn auf der Bühne kündigt Demo-Initiator Mährholz, ein 34-Jähriger mit langen Haaren und blondem Bärtchen, den nächsten Redner an. Zuletzt hatte er zwielichtige Figuren wie den Ex-Linken und neurechten Publizisten Jürgen Elsässer und den Verschwörungstheoretiker Andreas Popp eingeladen, der die „Pyramide der Macht“ erklärte: An der Spitze stehe das US-Finanzkapital und dessen Lobbyisten. Seinen Protest richte er deshalb gar nicht an Angela Merkel: „Ich weiß ja gar nicht mal, ob sie das alles freiwillig macht oder ob sie tatsächlich ab und zu in eine Waffe gucken muss.“ Das gab reichlich Beifall, lockte aber auch Neonazis an und brachten die Demos in den Ruch des Rechtspopulismus. Hetze sei das, klagt Mährholz. Nur dank seinem buddhistischen Glaubenssystem halte er das aus.

Der Organisator der Montagsdemos Lars Märholz  Foto: Benjamin Pritzkuleit

Umso stolzer präsentiert er seinen nächsten Gastredner: Pedram Shahyar, 41, Attac-Aktivist, Lehrbeauftragter der FU Berlin, ausgewiesener Linker. Bevor er spricht, ruft Mährholz noch schnell: „Jeder kennt den Vatikan! Aber kennt jemand die City Of London? Gebt das mal bei Google ein!“ Dann gibt er das Mikro an Shahyar. Eine Zuhörerin googelt flink im Smartphone. „Das Wirtschaftszentrum von London“, raunt sie. Es ist typisch für die Informationen, die hier gehandelt werden: viel Andeutung, wenig Klarheit. Es werden Flyer verteilt, die der BRD den Rechtsstatus absprechen. Eigentlich seien Deutsche staatenlos. „Wahrheit statt alliierter Geschichtsschreibung!“, fordert ein Poster. Was das heißt? Googelt mal!

Gastredner Shahyar spricht laut und aufgewühlt. Er war bei ziemlich jedem Umsturz der letzten Jahre auf der Straße dabei. „Aber in Deutschland ging zuletzt nicht viel. Jetzt bin ich wieder aktiv – dank euch!“ Beifall. Shahyar distanziert sich von Rechtsextremen – auf den Demos, aber auch in der neuen ukrainischen Regierung, die der Westen ja stützt. Er beklagt, dass der Menschheit nach dem Mauerfall „Wohlstand für alle“ versprochen worden sei – stattdessen befände sich die Welt im Dauerkrieg: Irak, Kosovo, Afghanistan, Syrien. Stets angezettelt von den USA, nun mit deutscher Beteiligung. „Eine Schande!“ Applaus. „Und nun versuchen die Medien, die Menschen auf einen neuen Krieg vorzubereiten.“ Jubel.

„In der Ukraine sterben Menschen – die deutsche Regierung hat Blut an den Händen! Wir sagen: Die Regierung repräsentiert uns nicht!“ Es ist der Satz, für den er den meisten Beifall erhält. Die Kriegsangst war es, die die meisten zuerst hertrieb. Doch Protest war das eine. Wie sollte es nun weitergehen?

Beifallklatscher statt Visionen

„Die Menschen sehnen sich nach einer neuen Antwort auf all die Probleme“, sagt Marion, 52, zum zweiten Mal hier. „Sie spüren, dass das bisherige System versagt.“ Sie stammt aus Westdeutschland, ist Juristin, lebt aber seit 30 Jahren in Berlin und arbeitet für die Bundestagsfraktion einer eher linken Partei. Als sie 2003 Assistentin eines wichtigen Abgeordneten wurde, war sie begeistert: „Endlich konnte ich die Gesellschaft mitgestalten! Aber: Nach einem Jahr war ich völlig ernüchtert.“ Statt für eine Vision arbeitete die Partei am Machterhalt, Marion musste Beifallklatscher für die Talkshow-Auftritte ihres Chefs organisieren.

„Als ich nun sagte, ich gehe zur Montagsdemo, warnten mich alle. Dabei ist das hier wie die Friedensbewegung in den 80ern, die war auch bunt gemischt.“ Und selbst wenn Nazis darunter wären: So lange sie nicht beklatscht würden, sei das vielleicht gut. Vielleicht ändern sie ihre Meinung. Bringen sich ein. Für etwas Neues. Die Lösung der Weltprobleme. Wie genau, wisse sie auch nicht. „Aber klar ist, es geht nur gemeinsam.“

Offenbar ist es das, was all die Demonstranten vereint: Das Bewusstsein, dass die Dinge falsch laufen – und das Parteiensystem sie eher verschlimmert. Dass die Politik zu schwach ist, sich gegen die Macht der Wirtschaft zu wehren. Und die Medien eher gemeinsame Sache mit dieser Elite machen, indem sie bestenfalls Showkämpfe der Parteipolitiker inszenieren. Dieser Frust ist nicht neu. Neuer ist die Idee, sich dem Machtprinzip „Teile und herrsche“ zu entziehen: Sich nicht mehr in Rechts und Links teilen zu lassen. „Am Ende gewinnen wir“, steht auf einem Plakat. Aber was?

Wegen seiner antisemitischen Äußerungen wurde er als RBB-Moderator gefeuert: Ken Jebsen. Viele Montagsdemonstranten kommen wegen seiner Reden zum Brandenburger Tor. Foto: Benjamin Pritzkuleit

„Erst mal müssen wir anfangen, was zu ändern“, lautet hier die Antwort. Sie kommt am lautesten von Ken Jebsen, 42. Als RBB-Moderator wurde er 2011 wegen verschwörungstheoretischer und antisemitischer Äußerungen gefeuert, bei den Demos ist er ein umjubelter Star. Er trifft die Gefühle der Menschen hier, sagt Marion. Wenn er rede, bekomme sie Gänsehaut, sagt Marlene.

Jebsen sitzt auf der Bühne, „auf Augenhöhe mit euch“, assoziiert frei, laut, schnell. Er fragt, wer von den vielen Kriegen profitiere. „Ich nicht! Ihr nicht!“ Er ruft, dass es mit dem Wachstumsstreben des Kapitalismus so nicht weitergehe, weil daran die Erde kaputtgehe. Er sagt, es sei egal, welche Politiker man wähle, weil sie sowieso korrumpiert würden. Die Zuhörer jubeln. „Mein Vorbild“, ruft Jebsen, „ist die Natur! Im Wald gibt es keinen Krieg, der Wald produziert keinen Müll! Und die Zugvögel, die schaffen es jedes Jahr nach Afrika! Wenn die das demokratisch organisieren würden, kämen sie nur bis Sylt!“ Gelächter. „Nein“, brüllt Jebsen. „Die kommen bestens ohne Demokratie zurecht.“ Vor dem Brandenburger Tor bricht Jubel aus. Es ist ein Gänsehautmoment, nur kein guter. Man kann nur hoffen, dass alle sich von ihren Emotionen und dem Rausch der Einigkeit haben hinreißen lassen. Für einen kurzen Moment.

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