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Nach Bangladesch-Katastrophe: Massive Kritik an Textilbranche

Das zerstörte Rana-Plaza-Gebäude nach dem Unglück vor einem Jahr. Foto: Abir Abdullah

Das zerstörte Rana-Plaza-Gebäude nach dem Unglück vor einem Jahr. Foto: Abir Abdullah

Berlin/Dhaka -

Ein Jahr nach dem Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch haben Politiker und Gewerkschafter die Branche aufgefordert, in den Entschädigungsfonds rasch einzuzahlen. «Noch immer warten Opfer und deren Angehörige auf Entschädigungszahlungen - auch von deutschen Firmen», kritisierte Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU).

Nach Angaben der Verwalter sind in den Treuhandfonds erst 11 von 29 Millionen Euro eingezahlt worden. Beim schwersten Unglück in der Textilindustrie starben vor einem Jahr mehr als 1130 Menschen, über 2500 wurden teils schwer verletzt. Tausende gedachten der Opfer.

Der scheidende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes, Michael Sommer, kündigte sein persönliches Eingreifen an. Wenn die Kompensationszahlungen der deutschen Textilbetriebe nicht bis Freitag eingingen, werde er die säumigen Unternehmen anschreiben und diese Briefe veröffentlichen. «Wir werden da keine Ruhe geben», sagte Sommer dem Bayerischen Rundfunk.

Der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes des Deutschen Textileinzelhandels, Jürgen Dax, geht davon aus, dass alle Firmen, die sich zu Zahlungen verpflichtet haben, dies auch tun werden. «Die Firmen nehmen sich selbst in die Pflicht und werden sich gegenseitig in die Pflicht nehmen», sagte Dax der Nachrichtenagentur dpa.

Müller nannten es wie Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) nicht akzeptabel, dass die internationale Textilwirtschaft bisher erst etwa ein Drittel der vorgesehenen Summe für den Fonds geleistet habe. Auch die Kampagne für Saubere Kleidung bemängelte ausgebliebene Zahlungen. Mindestens 40 Millionen Dollar würden für Lohnausfälle, Behandlungskosten und andere Zahlungen gebraucht.

Die Grünen-Politikerin Renate Künast kritisierte Müller und Nahles: «Es grenzt an Verhöhnung der Opfer, am Jahrestag von Rana Plaza mit laschen Aufrufen an die Konzerne an die Presse zu gehen.» Beide hätten sich schon früh für gesetzliche Offenlegungspflichten entlang der gesamten Lieferkette einsetzen müssen.

Beim schwersten Unglück in der Textilindustrie starben mehr als 1130 Menschen, mehr als 2500 wurden teils schwer verletzt. Der Einsturz am 24. April 2013 war zugleich das schwerste Fabrikunglück in der Geschichte Bangladeschs, wo viele Textilfirmen nähen lassen. Der Asienexperte Christian Brüser sagte im Deutschlandradio Kultur, es habe sich nicht um einen Unfall gehandelt, sondern um fahrlässige Tötung. Denn ein Bauingenieur habe schon einen Tag vor der Katastrophe vor einem möglichen Zusammensturz des Gebäudes gewarnt.

An der Unglücksstelle in Savar, einem Vorort der Hauptstadt Dhaka, kamen am Jahrestag des Einsturzes Tausende Menschen zusammen, um der Opfer der Katastrophe zu gedenken. Sie legten Blumenkränze nieder und beteten zusammen. Einige Hundert Textilarbeiter blockierten ganz in der Nähe der einstigen Fabrik eine Hauptstraße. Sie forderten, dass die Gebäude- und Fabrikbesitzer endlich zur Rechenschaft gezogen werden sollen. «Hängt sie, hängt sie», schrien die Demonstranten.

Die Arbeiterschutzorganisation Sramik Sanghati forderte, die Regierung solle den 24. April zum Tag der Arbeitssicherheit in Bangladesch ausrufen. Zahlreiche Fabriken in Savar ließen schwarze Fahnen über ihren Dächern wehen. Unter den Versammelten waren auch einige Menschen, die früher in einer der fünf Fabriken im Rana Plaza arbeiteten.

Sharifa Begum (25) sagt, sie habe früher in der Phantom Tac Factory genäht. Bei dem Unglück sei ihr Bein so schwer verletzt worden, dass sie nicht mehr richtig laufen könne. Aus Angst vor einem neuen Einsturz traue sie sich in keine Fabrik zurück - deswegen sei sie auf Hilfszahlungen angewiesen. «Ich kam hierher, um herauszufinden, ob mein Name unter denjenigen ist, die Unterstützung bekommen», sagte sie. (dpa)


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