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Nazi-Deutschland : Hitlers Vorkosterin

Gefragt haben die Nazis sie nicht, sagt Margot Woelk. Trotzdem musste sie lange mit der Furcht leben, als eine von ihnen zu gelten.

Gefragt haben die Nazis sie nicht, sagt Margot Woelk. Trotzdem musste sie lange mit der Furcht leben, als eine von ihnen zu gelten.

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Pablo Castagnola

Berlin -

Der 27. Dezember 1917 ist in Berlin ein bitterkalter Tag. In Brest Litowsk, 750 Kilometer östlich, verhandeln Deutsche und Sowjets über ihren separaten Frieden im Ersten Weltkrieg. Die konservative Berliner Presse tobt. Im Deutschen Theater lässt Max Reinhardt den „Don Carlos“ spielen, das Haus ist ausverkauft. Und in Schmargendorf, das noch eine eigenständige Gemeinde am Rande der Stadt ist, wird in ihrer elterlichen Wohnung Margot Woelk geboren. Im hinteren, dritten Raum, dem Schlafzimmer der Familie.

Dort, vor dem Fenster zum Hof, steht auch heute ihr Bett. Margot Woelk, eine sehr kleine und zierliche Frau, ist jetzt 95 Jahre alt. Sie lebt allein und kommt zu Hause noch gut klar. Immer hat sie in diesen drei Zimmern gelebt. Schon das ist eine Geschichte: Fast ein Jahrhundert in einer Berliner Mietwohnung.

Aber dann gibt es da noch diese zwei Jahre, in denen sie Berlin doch einmal verlassen hat. Margot Woelk hat lange über diese Zeit geschwiegen. Im Krieg war sie nahe der Ostfront zu einem Dienst eingeteilt, der ihr später so bizarr vorkam, dass sie nicht darüber sprechen konnte. Ihre Aufgabe? Gemüse essen – als Vorkosterin für Adolf Hitler. Sie leistete diesen besonderen Küchendienst an der sogenannten Wolfsschanze, Hitlers Hauptquartier in Ostpreußen. Fast zwei Jahre lang, von Anfang 1943 bis in den Herbst 1944.

Nun, da sie sich entschlossen hat zu reden, reißt der Strom ihrer Erinnerungen nur selten ab. Es muss alles raus. Sie spricht zügig, aber nicht gehetzt. Oft liegt die Fünfundneunzigjährige dabei halbwegs auf ihrer dunkelgrünen Ledercouch. Manchmal richtet sie sich auch auf, soweit es ihr möglich ist. Dann sitzt sie ganz vorn auf der Kante. Wenn sie besonders resolut klingen will, hebt sie im Berliner Stakkato an. Also: Möhren und Spargel, Blumenkohl und Chicorée, das ist in der Wolfsschanze ihr Speiseplan, so gut wie jeden Tag. „Immer ganz feine Sachen“, sagt Margot Woelk, „toll zubereitet und streng vegetarisch.“

Schmale Kost

Auch ein wenig spartanisch. Denn von solch einer Existenz schwärmt der Diktator hier in Masuren, von einem „Leben im Felde“. Tief hat er sich im Wald verbarrikadiert. Gleich nach dem Angriff auf die Sowjetunion Ende Juni 1941 zieht er in die Bunkeranlage. Hitler bleibt bis November 1944, verlässt dieses militärische Lager nur selten. Immer gibt es schmale, gesunde Kost für ihn, so ist es überliefert.

Auf dem Speiseplan des Diktators stehen Leipziger Allerlei und Gemüsepfanne, selten Suppen. Die Braten bekommen die Generäle und Günstlinge.

Weil Hitler panische Angst vor Giftanschlägen hat, muss jede Kartoffel, jeder Sack Reis für ihn geprüft werden. „Wir waren fünfzehn Mädchen und junge Frauen“, sagt Margot Woelk. Zu ihrer Zeit als Vorkosterin ist sie Mitte zwanzig. Jeden Vormittag hat sie in einer Küchenbaracke in Krausendorf zum Dienst zu erscheinen, das ist ein Vorort von Rastenburg, dem heutigen Kętrzyn. Von dort aus sind es nur wenige Kilometer bis zum Sperrkreis I der Wolfsschanze, in dem Hitlers Wohnbunker und das Kasino I mit dem Speisesaal liegen.

Zwischen dem Vorkosten der Speisen und deren Verzehr mussten mindestens 45 Minuten liegen, um ein mögliches Gift auch tatsächlich ausschließen zu können. Dass es diese Prozedur gab, ist belegt. Die NS-Führung reagierte damit auf die angeblichen Pläne des englischen Geheimdienstes, Hitler mittels einer Giftattacke auszuschalten. „Wir Mädchen wussten das“, sagt Margot Woelk, „es war Tagesgespräch. Wir hatten einfach nur Angst, wirklich einmal Gift zu schlucken.“

Die Abendessen fanden oft sehr spät statt. Wie ein Kammerdiener nach dem Krieg berichtete, habe Hitler dort gern über die „vegetable Ernährungsweise“ sinniert. So gesund seine Mahlzeiten auch gewesen sein mögen, ein Magenelixier habe stets griffbereit in Hitlers Nähe stehen müssen. Paradoxerweise sei entgegen aller sonstigen Kontrollen genau dieser Saft für jeden erreichbar gewesen. Ein Giftattentat durch einen Angehörigen aus Hitlers engstem Umfeld wäre damit im Grunde immer möglich gewesen. Keiner aus dem Sicherheitsapparat dachte offenbar daran, auch Medikamente vorkosten zu lassen.

Kein Salatblatt ist unverdächtig

Kurz bevor Margot Woelk ihren Dienst antrat, war die Widerstandsgruppe der Roten Kapelle verhaftet worden, danach verschanzt sich Hitler noch stärker hinter Beton und Paranoia. Er lässt seine Vertrauten wissen, dass „hohe Offiziere, Priester und sogenannte Intelligenz“ ihn vergiften wollten. Nichts, nicht einmal ein Salatblatt, ist in dieser Bunkerwelt mehr unverdächtig.

Eigentlich hat Margot Woelk, die Sekretärin aus der Reichsversicherungsanstalt, in Ostpreußen nur Schutz und Unterkunft gesucht. Ihr Wohnhaus in Schmargendorf ist bei einem Fliegerangriff auf Berlin Anfang 1943 von einer Bombe getroffen worden. Ihr Mann Kurt Woelk, mit dem sie seit 1939 verheiratet ist, kämpft seit Jahren an der Front. Sie steht allein da. Also flieht die junge Frau zu ihren Schwiegereltern nach Groß Partsch, heute Parcz, in Masuren. Der Schwiegervater arbeitet für die Gutsbesitzer Schenk zu Tautenburg. Von deren Ländereien haben die Nazis Flächen annektiert, um darauf die Bunker der Wolfsschanze zu errichten.

Keine zwei Tage habe es damals gedauert, sagt Margot Woelk, da seien SS-Männer aufgetaucht, um sie bei ihrer Gastfamilie abzuholen. „Es herrschte ja Arbeitspflicht. Der Bürgermeister hatte sofort gemeldet, dass ich da war.“ Sie leistet den normalen Küchendienst, wie viele Frauen aus den umliegenden Dörfern auch. Allerdings vergattert man sie zudem zum Vorkosten.

Es sei ein Zwangsdienst gewesen, sagt sie, und widerspricht vehement der Vermutung, nur überzeugte Nationalsozialistinnen seien dazu auserkoren worden. Sie sei jung und gesund gewesen, das allein habe sie für diese Aufgabe qualifiziert. Sie, die Städterin, fällt zwischen den Landmädels nicht auf. „Ich galt als eine aus Rastenburg“, sagt sie. Da sie Erfahrung als Bürokraft hat, teilt sie der Zahlmeister der Küche für Verwaltungsdienste ein. Sie führt Einkaufslisten, rechnet Lieferungen ab. Auch über das, was sie als Vorkosterinnen essen, müssen die Frauen penibel Buch führen. Bei der Arbeit verdient Margot Woelk 200 Mark im Monat, das ist viel im Krieg. Dennoch hätten sie und die anderen Frauen sich missbraucht gefühlt, sagt sie. „Wehren konnten wir uns nicht.“

Ihre Angst sollte sie Jahrzehnte begleiten, fast ein Leben lang. Nachts sei sie immer wieder aufgewacht, erzählt sie, schweißgebadet. In ihren Träumen blieb sie in der Wolfsschanze gefangen. Am Tage verdrängt sie diese Zeit, bis sie sich kaum noch daran erinnern konnte.
Und jetzt, was ist heute anders? Auf einmal wisse sie wieder die kleinsten Details, sagt sie. „Wenn überhaupt, dann muss ich jetzt darüber reden.“

Der Psychiater Philipp Kuwert von der Universität Greifswald hat solche Worte dutzendfach gehört, hundertfach. Kuwert erforscht seit gut zehn Jahren die deutschen Traumatisierungen im Zweiten Weltkrieg – etwa von Frontsoldaten und Flüchtlingen, aber auch Zivilisten und Bombenopfern. Es ist ein vergleichsweise junges Forschungsgebiet. Grundsätzlich, sagt Kuwert, äußerten sich Kriegstraumata in einem Wechselspiel aus Vermeidung und drohender Überflutung. Bis die Vergangenheit wieder gegenwärtig ist – und das mit all ihrer Wucht, wie man heute weiß. So können noch im hohen Alter Depressionen als Spätfolge des Kriegs auftreten.

"Nicht der Typ für Depressionen"

„Für Depressionen bin ich nicht der Typ“, sagt Margot Woelk. Eher trifft sie wohl eine andere Nachwirkung der Zeit des Nationalsozialismus, musste sie doch „Täteranteile“ übernehmen, wie es in der Forschung heißt. Sie ist instrumentalisiert worden, sie war ein Rädchen, das das Schreckenssystem am Laufen hielt. So musste Margot Woelk jahrzehntelang mit der Furcht leben, für die anderen als Nazi zu gelten. Wer hat denn schon im Führerhauptquartier in Ostpreußen gearbeitet? Das war die Frage, vor der sie sich ihr halbes Leben gefürchtet hat. Für ihre Geschichte würde wohl niemand in ihrer Umgebung Verständnis haben, denkt sie lange Zeit. Nicht einmal mit ihrem Mann, der den Krieg als Spätheimkehrer überlebt, spricht sie darüber. 1990 ist er gestorben. Seither lebt sie allein.

Als Margot Woelk vor zehn Jahren 85 Jahre alt wird, interessiert sich eine Zeitung für sie. 85 Jahre in einer Mietwohnung, das ist das Thema. „Hier bin ich geboren, hier will ich sterben“, sagt sie damals. Über die Wolfsschanze spricht sie nicht. Vor Kurzem, zum Fünfundneunzigsten, kommen wieder Journalisten. Nun bricht sie ihr Schweigen.

Sie erzählt dann auch, wie sie dem fatalen Dienst entrinnt, das muss im November 1944 gewesen sein, als auch Hitler von der Wolfsschanze flieht. Im Sonderzug des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels kommt sie zurück nach Berlin. Ein Oberleutnant aus dem Stab habe ihr einen Platz besorgt, sagt sie. Sie sollte sich in Sicherheit vor den nahenden Russen bringen. Im zerstörten Berlin muss sie sich verstecken, damit sie nicht zurückgeschickt wird nach Ostpreußen. Sie findet einen Arzt, der früher ihre Mutter behandelt hatte. „Eindeutig ein Nazigegner“, wie sie sagt. Der Arzt schreibt Atteste, die ihre Arbeitsunfähigkeit bescheinigen. Bald nimmt sie die elterliche Wohnung wieder in Beschlag, richtet sich ein Zimmer im zerbombten Haus ein.

Die Anderen wurden erschossen

Später steht auch ihre Schwiegermutter aus Masuren in der Tür, sie konnte aus Partsch entkommen. Die anderen vierzehn Vorkosterinnen, erfährt sie nun, seien von den Russen erschossen worden. Als sie das hört, ist die Angst wieder da. Der Wahnsinn des Kriegs holt sie in Berlin bald ein. Ihr älterer Bruder, der mit ihr in der Wohnung in der Friedrichshaller Straße lebt, wird beim Rauchen vor dem Haus von einer Granate zerfetzt.

Aber auch nach der Kapitulation ist der Schrecken nicht vorbei. Margot Woelk erzählt, wie sie zu einem russischen Offizier beordert wurde, der sie eine Woche lang vergewaltigte. Die alte Frau redet nun ohne Rücksicht – auf niemanden. Eigene Kinder habe sie nach diesen Torturen nicht bekommen können, sagt sie. So gab es im Laufe der Zeit immer weniger Menschen, die mit ihren Fragen an ihrer Vergangenheit hätten rühren können.

Der Psychiater Philipp Kuwert sagt, dass gerade diese Vergewaltigungen kriegstraumatisierte Frauen verstummen ließen, dies habe sich bei seinen Untersuchungen immer wieder gezeigt. Margot Woelk bestätigt das. „Auch mit meinem Mann habe ich nur ein Mal kurz darüber geredet. Dann ging es nicht mehr. Es war zu schwer.“ Er habe später auch nicht mehr gefragt.

So konnte das Schweigen immer mehr Raum in ihr einnehmen, bis es für sie zu einer Selbstverständlichkeit geworden war. Dass sie es nun bricht, hat ausgerechnet wieder mit Hitler zu tun. Und dieser ewigen Faszination der Deutschen für den Diktator. Jetzt wollen alle wissen, wie nahe sie ihm damals kam. „Gesehen habe ich ihn nie“, sagt Margot Woelk. „Nur Blondie, die Hündin.“

Am Mittag des 20.Juli 1944 hat Margot Woelk in Krausendorf ihre Essensprobe für diesen Tag gerade absolviert, als bei der Lagebesprechung in Hitlers Hauptquartier die Bombe der Attentäter um Claus Schenk Graf von Stauffenberg explodiert. Sie erinnert sich genau: "Da knallte es, aber wie."


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