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Neonazi-Terror: Die braune Verschwörung

Neonazi-Kundgebung bei Hannover (Archivbild).

Neonazi-Kundgebung bei Hannover (Archivbild).

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dpa

#Es ist 16.08 Uhr an einem Samstag im Januar. Aufgeregt berichtet Ralf Wohlleben, lange Zeit einer der engsten Vertrauten des Zwickauer Terror-Trios um Uwe Mundlos, in einem geheimen Forum der neonazistischen „Freien Netze“: Er habe gerade die Bestätigung erhalten, dass bald ein interessanter Vortrag in Jena stattfinden werde. Im Neonazi-Treff „Braunes Haus“ spreche der verurteilte Holocaust-Leugner Horst Mahler über „Die Kernschmelze der judaisierten Welt“ und die „Auferstehung zum Nationalsozialismus“. Ein Vortrag, so Wohlleben, „dessen Sprengkraft uns jetzt schon von den Socken haut“.

Wohlleben ist im braunen Sumpf von Thüringen eine Größe: Der Mittdreißiger war NPD-Kreischef von Jena, Thüringer Landesvize und ist bereits wegen Körperverletzung und Nötigung verurteilt worden. Derzeit untersucht die Polizei seine Beziehungen zu den abgetauchten Rechtsterroristen, mit denen er in den 90er-Jahren die rechte „Kameradschaft Jena“ bildete. Auch das Internetforum, in dem er Termine wie den Mahler-Besuch von 2009 mit anderen Szene-Köpfen berät, hat es in sich: Die geheime Plattform namens „Hard To Hate“ diente als passwortgeschützter Treffpunkt für die Führungsleute der Freien Netze, in denen sich die wichtigsten gewaltbereiten Neonazi-Kameradschaften organisieren.

Dieser Zeitung liegen die kompletten Datenbestände des Online-Forums vor: Deck- und Klarnamen der Protagonisten, E-Mails und Protokolle von internen Diskussionen. Insgesamt mehr als tausend Einträge; Material, das tiefe Einblicke in die Welt der gewaltbereiten Neonazis gibt – und ihre enge Verknüpfung mit der NPD.

Vom militanten Liedgut zur Tat

Ralf Wohlleben ist einer der Administratoren der Website, im Forum nennt er sich „Old School Skinhead“. Seine Einträge reichen von Klatsch und Tratsch bis zur Planung von Aufmärschen und anderem „Straßentheater“. So preist er im Februar 2009 ein Konzert von „drei Herren der Rechtsrockband Frontalkraft aus Cottbus“ an. Es werde sicher schön, wenn wieder der ganze Saal das Lied mitsinge: „Schwarz wie die Nacht, in der wir Euch kriegen…“

Vom militanten Liedgut geht es schnell zur Tat. 2009 ruft Wohlleben zum „Trauermarsch“ zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten auf, die er „Bombenholocaust“ nennt. Die Idee eines anderen Forumsmitglieds, danach „eine Polizeiwache abzufackeln“, lobt er im Namen der Jenaer Kameraden: „Die Wache der Miliz anzugreifen findet bei uns bestimmt auch breite Zustimmung.“

Auch die anderen Daten zeigen: Die Freien Netze sind kein schlichtes Internetportal zur Selbstdarstellung der Gruppen, wie der Verfassungsschutz lange vermutete, sondern eine bundesweite gewaltbereite Neonazi-Organisation. Die Mitglieder wollen eine Welt ohne Juden, ohne Ausländer, ohne Demokratie. Sie begreifen sich als neonazistische Avantgarde, als „politische Soldaten“ nach dem Vorbild von Hitlers paramilitärischer Kampforganisation SA, und agieren bundesweit als gewalttätige Straßentrupps. Und sie haben viele Posten in der NPD ergattert bis hinauf zur Parteispitze, sitzen in Kreisparlamenten und Landtagen.

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