13.01.2012

Neujahrsempfang: Bloß ein Bild der Eintracht

Von Holger Schmale und Daniela Vates
Der Neujahrsempfang von Bundespräsident Christian Wulff im Schloß Bellevue geriet recht unterkühlt.
Der Neujahrsempfang von Bundespräsident Christian Wulff im Schloß Bellevue geriet recht unterkühlt.
Foto: dapd

Ein kurzer Händedruck und eisiges Schweigen: Der Rückhalt in der Union für Wulff bröckelt. Das macht auch der misslungene Neujahrsempfang im Schloss Bellevue klar.

Ach, wenn man doch die Kunst des Lippenlesens beherrschte! Dann wüsste man, was die Bürger und die Politiker dem Bundespräsidenten zum neuen Jahr wünschen. Ob sie ihm Mut machen, die Krise durchzustehen, ob sie ihm raten, das Amt schnell niederzulegen, ob sie verständnisvolle oder kritische Worte für sein Verhalten finden. Oder einfach nur alles Gute sagen.

Um die 250 Hände haben Christian und Bettina Wulff an diesem Vormittag im Schloss Bellevue geschüttelt, 250 kurze Gespräche geführt. Zweieinhalb Stunden dauert das Defileé, das mit dem Auftritt der Kanzlerin und ihres Kabinetts endet. Würde man jetzt sehen können, wie es um das Verhältnis zwischen der Regierungschefin und dem Staatsoberhaupt bestellt ist?

Erst einmal müssen Merkel und ihre Minister 20 Minuten warten, ehe sie dran sind. So sehr hat sich der eigentlich minutiös geplante Ablauf verschoben.

Dann ruft der Mann vom Protokoll am Eingang: „Frau Dr. Angela Merkel, Bundeskanzlerin“, und sie schreitet freundlich lächelnd hinein in genau den Saal, in dem Bundespräsident Horst Köhler vor eineinhalb Jahren seinen Rücktritt erklärt hat. Das sind Assoziationen, die Beobachter hier haben, und die einiges über den Ernst der Lage des Gastgebers sagen.

Merkel steuert direkt auf Wulff zu, der rechts neben der großen Präsidentenfahne steht und ihr erwartungsvoll entgegenschaut. Ein kurzer Händedruck und ein paar Worte für ihn, ein doch deutlich herzlicheres Händeschütteln mit Bettina Wulff, der sie auch noch wie anteilnehmend über den Arm streicht. Das ist es. Dann stellt sich die Kanzlerin flink neben sie, faltet die Hände vor dem Bauch zur Merkel-Schaukel und grinst die Journalisten an. Man kann sich vorstellen, wie albern sie diesen Auflauf findet. Hundert Medienleute, die nur darauf lauern, wie sie dem Präsidenten die Hand gibt. Lachhaft. Wissen sie jetzt mehr? Ehrlich gesagt: Nein.

Eindeutige Körpersprache von Westerwelle

Dann hat auch schon Guido Westerwelle seinen Auftritt, und das ist er wirklich. Denn hier kommt einer, der selber schon im Stahlgewitter der öffentlichen Kritik gestanden hat, um Wulffs Worte zu zitieren. Der genau weiß, wie der Mann vor ihm sich fühlt. Und so umarmt er den Präsidenten fast und gibt seiner Frau zwei Wangenküsschen. Diese Körpersprache ist eindeutig,

Schließlich steht das Präsidentenpaar strahlend inmitten der lächelnden Minister und Wulff sagt: „Noch ein bisschen enger vielleicht“, um es den Fotografen zu erleichtern. Eng in die Mitte genommen zu werden, das dürfte ein über das Aufstellen zum Foto hinausgehender Wunsch dieses einsamen Präsidenten sein. Auf jeden Fall gibt es nun aber dieses Bild der Eintracht zwischen Regierung und Präsident. Wie viel es wert ist, weiß niemand zu sagen.

Abseits des Schlosses Bellevue herrscht indes eisiges öffentliches Schweigen. Kaum ein Unions-Spitzenpolitiker kann sich entschließen, sich zu Wulff zu bekennen. An der Basis ist die Stimmung nicht so eindeutig. In ihren Wahlkreisen haben die Abgeordneten ebenfalls Neujahrsempfänge hinter sich. Positiv überrascht gewesen sei sie von der Reaktion der Gäste, sagt eine CDU-Abgeordnete. Alle sähen Fehler beim Bundespräsidenten: „Keiner findet sein Verhalten gut.“ Die meisten wollten aber das Thema jetzt einfach nicht mehr hören.

Auf diese Weise könnte man die Sache also durchstehen. Ob es aber gelingt, da sind sie sich in der Union nicht so sicher. Auf Wulffs „Steherqualitäten“ wird verwiesen, aber auch darauf, dass der Präsident die vielleicht auch deshalb habe, weil er beruflich als Ex-Präsident ohne Zukunft sei, und als gescheiterter erst recht. Und es gibt neben Hinterbänklern auch hochrangige CDU-Leute, die finden: „Das ist nicht durchzuhalten.“

Die Hoffnung auf ein Ende der Debatte sei umsonst, schließlich sei die schon mehrfach enttäuscht worden. Und nach wie vor stellten sich nicht nur die Bild-Zeitung, sondern auch konservative Medien wie die FAZ gegen Wulff. Der könne nun keine Rede mehr halten, ohne dass die halbe Republik lache. Im Karneval werde das anfangen: In Büttenreden und auf den Umzügen wird es von Mailboxen und Präsidenten wohl nur so wimmeln.

Über Alternativkandidaten denken diese Leute intern tatsächlich nach – den Schaden eines Rücktritts von Wulff halten sie für geringer als den eines Verbleibs im Amt. Aber, so heißt es, man werde Wulff nicht zwingen können. „Wenn er nicht selber geht, können wir uns auf den Kopf stellen.“

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