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NSU-Prozess: Anwälte sprechen von Vernichtungswillen der Attentäter aus der Keupstraße

Demonstranten vor dem Münchner Oberlandesgericht während des NSU-Prozesses.

Demonstranten vor dem Münchner Oberlandesgericht während des NSU-Prozesses.

München -

Die emotionalste Szene am zweiten Tag, in dem es im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München um den Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße geht, kommt unerwartet. Gerade hat ein Hauptkommissar des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen detailreich seine Ermittlungsarbeit nach der Tatortsicherung beschreiben, da meldet sich der Kieler Strafverteidiger Alexander Hoffmann zu Wort, einer der mehr als 60 Nebenklage-Vertreter. Nach dieser Schilderung gebe es keinen Zweifel, dass der Anschlag „objektiv geeignet war, maximalen Personenschaden hervorzurufen“. Aus der Tat, erklärt Hoffmann, „spricht eindeutig eine Tötungsabsicht und ein Vernichtungswille“.

Seine Mandantin ist nicht im Saal, sie wird eventuell in der kommenden Woche als Zeugin nach München kommen. Die Frau wohnt keine 50 Meter Luftlinie von der Stelle entfernt, an der am 9. Juni 2004 die Bombe explodiert ist. Anwalt Hoffmann spricht von einer „gezielten Konstruktion mit maximaler Wirkung“. Die Täter hätten „aus Hass gegen alles von ihnen als fremd Empfundene gehandelt“, sie lasse sich nur mit „überbordendem Rassismus“ erklären.

Nebenklage-Anwalt Hoffmann und sein Kollege Christoph Kliesing sind die Hauptakteure dieses Tages. Stundenlang zieht sich die Vernehmung eines früheren V-Manns des brandenburgischen Verfassungsschutzes hin. Carsten S. erweist sich wie schon bei seiner ersten Befragung Anfang Dezember als hartleibiger Zeuge, der immer dann, wenn es konkret werden könnte, sich auf Erinnerungslücken beruft. Wie vor sechs Wochen trägt er eine Perücke und behält im gut geheizten Sitzungssaal seine Jacke an, Beim Hereinkommen zieht er sich die Kapuze über den Kopf. Wenn er nach vorn zum Richtertisch gebeten wird, um Fotos oder Kopien rechtsradikaler Postillen zu begutachten, blickt er auf den Boden, um wenig von seinem Gesicht preiszugeben.

Artikel für rechtsextreme Fan-Magazine

Einige Details aus der bewegten Vergangenheit kommen trotz aller Wortkargheit zur Sprache, seine zeitweilige Sympathie für den Ku-Klux-Klan zum Beispiel und seine Mitarbeit bei einschlägigen Fan-Magazinen, die in der rechten Szene gelesen werden. Selbst aus der Haft, die er wegen Verstößen gegen das Waffengesetz absaß, betätigte sich der spätere Informant des Verfassungsschutzes publizistisch. Seit seiner Enttarnung als V-Mann (Deckname „Piatto“) befindet sich S. in einem Zeugenschutzprogramm. Seine Artikel habe er während seiner Zeit als Quelle „selbstverständlich“ seinem V-Mann-Führer vorab vorgelegt. Außer Spesen sei da nichts gewesen - Zuwendungen in Höhe von 50 000 Mark, die ihm die beiden Anwälte vorhalten, bestreitet „Piatto“ energisch. An einen Auftrag, „drei sächsische Skins“ (offenbar Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos) ins Visier zu nehmen, kann er sich „beim besten Willen“ nicht erinnern. Zschäpes Anwälte haben erkannt, dass es „um die persönliche Nähe unserer Mandantin“ zu „Piatto“ geht. Und noch mehr um mögliche Querverbindungen des NSU-Trios zum rechtsextremen Netzwerk „Blood and Honour“.


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