Feuerkorb vor der Shoppingmall: 43 solcher Koksowniki genannten Brikettöfen hat die Warschauer Stadtverwaltung zum Aufwärmen in der Metropole aufgestellt. Foto: Reuters
Feuerkorb vor der Shoppingmall: 43 solcher Koksowniki genannten Brikettöfen hat die Warschauer Stadtverwaltung zum Aufwärmen in der Metropole aufgestellt. Foto: Reuters
Warschau –
Europas Osten friert. In Polen sinkt die Temperatur auf 27 Grad Minus. Wer auf der Straße lebt, dem droht der Tod. Vor allem Ältere und Schwächere, die ein langes Leben auf der Straße hinter sich haben, bleiben bei Dauerfrost als Erste auf der Strecke bleiben. Alljährlich erfrieren in Polen 200 bis 300 Menschen.
Ein Dutzend Männer und Frauen schart sich um den gusseisernen Gittereimer, in dem ein Haufen Briketts glimmt. Dichte Rauchschwaden steigen empor. Doch die Wärme, die von der provisorischen Feuerstelle hinter die Absperrung dringt, kann es mit dem Frost nicht aufnehmen. 17,5 Grad unter null zeigt das Thermometer am Warschauer Platz der Verfassung an.
Die sibirischen Hochdruckgebiete Cooper und Dieter drücken seit Tagen eisige Luftmassen nach Polen. 29 Menschen sind seit dem Wochenende landesweit erfroren. Meist trifft es Männer wie Janusz, der seine speckigen Handschuhe der Kohleglut entgegenstreckt. Die abgegriffene Fellmütze und der graue Vollbart rahmen ein farbloses Gesicht ein, von dem fast nur die kraftlosen Augen zu sehen sind.
Erinnerung an das Kriegsrecht
Janusz ist obdachlos. „Ich lebe hier und dort“, sagt er mürrisch. Er mag 60 Jahre alt sein, vielleicht auch erst 50. Verraten will er es nicht. Dass er seinen Namen genannt hat, bereut er bereits. Er möchte nicht reden. Mit einem Gefährten steht er am Koksownik auf dem Verfassungsplatz, mitten zwischen den Berufstätigen, die hier auf ihren Bus oder die Tram warten.
Koksowniki nennen die Polen jene eisernen Brikettkörbe, die während des Kriegsrechts im Winter 1981/82 zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten. Damals wärmten sich an der Glut die Soldaten, die das Land und das Leben kontrollierten. 30 Jahre später hat die Stadtverwaltung in Warschau 43 Koksowniki aufgestellt, damit sich Passanten und Obdachlose zumindest ein wenig vor Cooper und Dieter schützen können.
Licht und Schatten: Die gefährliche Schönheit der Kälte
Schöner als ein Gemälde zieren Eisblumen die Fenster.
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Dick eingemummelt genießen viele Menschen den verwandelten Lebensraum. Auf dem Schlachtensee kann man wandern und schliddern.
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Das Tempelhofer Feld ist eine Eisfläche, dennoch zieht es viele dorthin.
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Der Stillstand mancher Verkehrsmittel, hier zweier Boote auf der Spree, bringt Ruhe in die Stadt.
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Doch für viele Menschen in Berlin ist die Eiseskälte eine Gefahr für Leib und Leben. Wer keine Wohnung hat, keine Heizung und kein Bett, ist ihr schutzlos ausgeliefert.
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Die Berliner Kältehilfe, die Obdachlose mit Tee, Kleidern versorgt und sie in Notunterkünfte bringt, hat viel zu tun.
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Doch die Nachfrage in den Notunterkünften übersteigt das Angebot weit.
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Es gibt viel mehr Frierende als Betten.
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Jeder kann helfen: Schlafsäcke können Leben retten.
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Denn hunderte Berliner können keine Heizung aufdrehen.
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Und eine Mütze reicht nicht mehr bei zweistelligen Minustemperaturen auch am Tage.
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Es gibt zwar sogar kleine offene Feuer in der Stadt, wie hier am Alexanderplatz.
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Doch nichts wärmt besser als etwas Warmes im Magen. In der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo können Obdachlose essen.
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Es soll vorerst nicht wärmer werden.
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Der Frost setzt sich fest. Kantig, schroff, eiszeitlich gibt sich die Spree.
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Die Enten am Tegeler Hafen nehmen es mit dem Eis auf.
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Die Spatzen stärken sich am Meisenknödel.
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Schön und schrecklich zugleich herrscht die Kälte über die Stadt.
Janusz friert trotzdem. Das ist ein gutes Zeichen, denn es ist ein Lebenszeichen. Seit Tagen rufen die Behörden die Polen auf, „ein besonderes Augenmerk auf obdachlose Mitbürger zu richten“. Der Tod durch Erfrieren kommt schnell, und er kommt meist im Schlaf. „Obdachlose trinken gegen die Kälte oft Alkohol, schlafen im Freien ein und wachen nie wieder auf“, erklärt eine Beamtin der Stadtwache, die am Verfassungsplatz nach dem Rechten sieht. Sie redet auf Janusz und seinen Begleiter ein, mitzukommen. Man könne sie im warmen Auto zu einer Sozialstation fahren. Dort gebe es Brot, eine heiße Brühe und einen ruhigen Platz zum Schlafen. Doch Janusz will nicht. Er tritt den Rückzug an. Sein Gefährte murrt, doch dann verschwinden die beiden in Richtung U-Bahn.
Warschaus Wärmestuben haben geöffnet – aber wer an das Leben im Freien gewöhnt ist, zögert oft zu kommen.
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Warschaus Wärmestuben haben geöffnet – aber wer an das Leben im Freien gewöhnt ist, zögert oft zu kommen.
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Man kann den Frost über dem Boden stehen sehen. Die unteren Luftschichten verdichten sich. Aus den Gullys steigt Dampf. Der holzige Geruch der Braunkohleheizungen mischt sich mit dem Gestank der Autoabgase. „Die meisten Obdachlosen verkriechen sich in diesen Tagen in Unterführungen, Bahnhofshallen oder Gartenlauben“, sagt die Beamtin der Stadtwache schulterzuckend. „Wir können nicht mehr tun als Hilfe anbieten.“ Wer die annimmt, findet Zuflucht in einem Tunnel der Fernwärmeversorgung. Doch die Plätze dort sind bekannt und im Winter hart umkämpft. Rund 300.000 Obdachlose soll es in Polen geben, schätzt die nichtstaatliche Wohlfahrtsorganisation Monar. Daran habe sich trotz des Wirtschaftswunders nicht allzu viel geändert. Wer auf der Straße lebt, dem hilft auch kein Aufschwung, sagen die Experten. Das Sozialministerium gibt die Zahl der Betroffenen deutlich niedriger an, mit 30.000. Eine belastbare Statistik gibt es nicht.
Unstrittig ist, dass die Älteren und Schwächeren, die ein langes Leben auf der Straße hinter sich haben, bei Dauerfrost als Erste auf der Strecke bleiben. Alljährlich erfrieren in Polen 200 bis 300 Menschen, fast ausnahmslos Obdachlose, Alkoholiker und Drogenabhängige. In diesem Winter hat das Innenministerium seit November 67 Frosttote gezählt. Bis Cooper kam, war es vergleichsweise warm im Land.
Heizungsausfälle in der Ukraine
Doch jetzt wütet die Kälte, und dies nicht nur in Polen. In Russland sind in den vergangenen Tagen mindestens zwei Dutzend Menschen an Unterkühlung gestorben, in Rumänien 22 und in der Ukraine sogar 63. Dort sind nicht nur die Temperaturen mit bis zu 32 Grad unter dem Gefrierpunkt noch eisiger als in Polen, wo bislang nur 27 Grad unter null gemessen wurden. In dem größten europäischen Flächenstaat ist zudem die Infrastruktur so marode, dass vielerorts Heizungen oder der Strom ausfallen.
Die Regierung in Kiew hat mehr als 1.500 Notstationen eingerichtet, in denen sich Obdachlose aufwärmen können. Doch längst nicht alle Betroffenen kommen. Davon weiß in Polen Pater Marcin Brzeziński ein trauriges Lied zu singen. Der Vizedirektor des katholischen Hilfswerks Caritas berichtet zwar stolz, dass seine Organisation landesweit rund 10.000 Schlafplätze für Obdachlose anbietet. „Allein in Warschau sind es 1.568“, rechnet er vor. Wer jedoch an ein Leben im Freien gewöhnt ist, dem ist es in den Asyl-stationen oft zu eng. „Unsere Heime sind nicht aus Schaumstoff. Ein Stück Fußboden, eine Matratze und eine Wolldecke müssen manchmal als Nachtlager ausreichen“, sagt der Pater. Es ist genug, um zu überleben.
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