22.10.2011

Occupy-Bewegung: Das Prinzip Empörung

Von Felix Helbig, Barbara Klimke, Sebastian Moll und Matthias Thieme
Die Maske von Guy Fawkes, der 1605 mit einem Anschlag auf das englische Parlament scheiterte, machte das Internetkollektiv Anonymous als Identitätsschutz populär. Nun trägt sie auch die Occupy-Bewegung weltweit.
Die Maske von Guy Fawkes, der 1605 mit einem Anschlag auf das englische Parlament scheiterte, machte das Internetkollektiv Anonymous als Identitätsschutz populär. Nun trägt sie auch die Occupy-Bewegung weltweit.
Foto: dpa

New York, London, Frankfurt: Immer mehr Menschen protestieren gegen das Finanzsystem. Aber wie wird aus einem weltweiten Gefühl der Ungerechtigkeit eine homogene Bewegung?

In einer dieser Nächte, in denen man den Wind zwischen den Hochhäusern des Frankfurter Finanzviertels heulen hört, sitzt Claudia Keht schon wieder auf einer Holzbank und empört sich. Die 25-Jährige spricht über die Schuldenkrise der Staaten, den Stabilitätsmechanismus, die Defizite der demokratischen Partizipation. Die junge Frau schlingt ihre Decke enger um die Hüften, es ist kalt. Doch sie verhandelt weiter über die neue Zeit. Mit Menschen, die sie bis vor ein paar Tagen noch nie gesehen hat.

Claudia Keht ist eine von Dutzenden, die in der vergangenen Woche hier ihre Zelte aufgeschlagen haben, gleich neben den Zentralen der Großbanken. „Das Schönste ist ja“, sagt sie, „dass ich mit alldem jetzt nicht mehr allein bin.“ Tatsächlich versammeln sich jeden Abend mehrere Hundert Menschen zwischen den Hochhäusern. Sie sind jung und alt, laut und leise, Antifaschisten und Atomkraftgegner, Globalisierungskritiker, Utopisten, Studenten, Lehrer, Angestellte. Sie kommen aus der Stadt und vom Land, aus Hessen, aus Schwaben. Sie alle sind „Occupy Frankfurt“.

        

Gegen Polizeiwillkür und für eine Reichensteuer: New York, Wall Street.
Gegen Polizeiwillkür und für eine Reichensteuer: New York, Wall Street.
Foto: REUTERS

Ein Teil jener weltweiten Bewegung, die am letzten Wochenende Hunderttausende mobilisierte. 5 000 in Frankfurt, 5 000 in London, 10 000 in Spanien, 200 000 in Rom. Es gab keine Anführer bei diesen Protesten, nur ein gemeinsames Gefühl: Empörung darüber, in einem Land zu leben, das mehr Geld für Banken ausgibt als für Menschen. Die Politik war von dem Protest überrascht – und überfordert.

Schließlich war es erst einige Wochen her, dass die Bewegung auf ein paar Hundert Demonstranten beschränkt war, die sich in New York zu einer Gruppe namens „Occupy Wall Street“ zusammengeschlossen hatten. Unrealistische Träumer – die jetzt das Momentum auf ihrer Seite haben. Und die schweigende Mehrheit der Bevölkerung wohl auch. Doch wie nutzt man diese Wucht? Wie wird aus einem weltweiten Gefühl, einer heterogenen Masse eine zielgerichtete Bewegung? Einigkeit herzustellen, ist die große Herausforderung in den Camps, die letzte Woche weltweit entstanden sind.

Demonstration "Global Change" in Berlin

Bildergalerie ( 24 Bilder )
Die Zeit ist um: Protest im Anzug, London, St. Paul's Cathedral.
Die Zeit ist um: Protest im Anzug, London, St. Paul's Cathedral.
Foto: REUTERS

„Natürlich ist es anstrengend“

„Wir fangen bei null an, wir sind völlig unvoreingenommen“, sagt Claudia Keht. „Wir sind uns erst einmal nur einig darüber, dass es so nicht weitergehen kann.“ Auch wenn es keine Hierarchie gibt bei „Occupy Frankfurt“, so hat sich doch schon in den ersten Tagen eine erstaunlich gut funktionierende Organisation herausgebildet, es gibt Arbeitsgruppen und Workshops, jemand schlägt vor, neue Flyer zu gestalten oder über das Bildungssystem zu debattieren, und schon finden sich 15 bis 35 Menschen, die mitmachen. Jeden Mittag und jeden Abend gibt es Asambleas, wie die Aktivisten ihre Versammlungen nach spanischen Vorbild nennen, nach jenen Versammlungen, die im Sommer auf der Puerta del sol in Madrid von den ersten wütenden Europäern abgehalten wurden.

        

Globale Krise oder globaler Wandel? Frankfurt, im Bankenviertel.
Globale Krise oder globaler Wandel? Frankfurt, im Bankenviertel.
Foto: Getty Imags

Da im Frankfurter Oktober das Wetter schlechter ist als im spanischen Mai, drängen sich für die heutige Asamblea etwa hundert Menschen in den Katakomben des nahe gelegenen Schauspielhauses. Während auf einer Bühne George Taboris Hitler-Farce „Mein Kampf“ gegeben wird, steht in der Cafeteria ein junger Mann mit Ziegenbärtchen vor einem Flipchart. Es ist Seba, er erklärt die Regeln der Asamblea. Sagen darf jeder, was er will, es gibt eine Rednerliste und Redezeit. Wer einem Beitrag zustimmt, schüttelt die Hände in der Luft, wer dagegen ist, verschränkt die Arme vor dem Gesicht. Genauso wie in New York, in London, Rom, Sao Paulo und Helsinki, es sind die globalen Codes der Bewegung,

Dennoch ist eine Asamblea eine langwierige Angelegenheit, die erst endet, wenn alle die Hände schütteln, denn nur im Konsens gilt etwas als beschlossen. „Natürlich ist das anstrengend“, sagt Seba, „ aber wir müssen endlich hinnehmen, dass demokratische Prozesse anstrengender sind, als alle paar Jahre ein Kreuz zu machen.“

Für die Verbreitung dieser Codes sorgt eine ebenso globale Vernetzung. Kommunikationswege, die so vielgestaltig sind wie die Bewegung selbst. Vor allem die neuen Medien werden von den Aktivisten benutzt. So finden sich auf der offiziellen Homepage der Bewegung Forderungen der Demonstranten, ein Internet-Livestream von den Protesten und Termine für die Aktivisten. Darüber hinaus haben Sympathisanten eine eigene Seite ins Leben gerufen. Unter dem Motto „Wir sind die 99 Prozent“ haben Hunderte Menschen aufgeschrieben, wie ihre Lebensumstände von der Finanzkrise betroffen sind. Zu Aktionen und Kundgebungen mobilisieren sich die Aktivisten via Twitter und Facebook. Im Gegensatz zu der Occupy-Bewegung in der realen Welt hat dieses virtuelles Netzwerk jedoch eine Art Zentrum.

1 von 2
Nächste Seite »
Anzeige
Prognosen und Ergebnisse
Dossier zur NRW-Wahl

Hannelore Kraft ist die Stärkste im Land. Und wie geht es jetzt weiter? Lesen Sie in unserem Dossier alle Hintergründe, Nachrichten und Analysen zur NRW-Wahl.

Weblog
Frank Nordhausen ist für die Berliner Zeitung in der Türkei.

Frank Nordhausen ist Korrespondent in Istanbul und versucht jeden Tag mehr zu verstehen, wie die Riesenmetropole tickt. Er erzählt von Menschen zwischen den Welten, von Nähe und von Ferne, von Okzident und Orient. Vom Leben unter Türken, das sich hier ganz anders anfühlt als in Neukölln. mehr...

US-Vorwahl
Macht mit unaufgeregten Worten deutlich, wer das Land führen kann: Barack Obama.

Die Republikaner suchen den Mann, der gegen Präsident Obama antreten kann. Bisher liegt Mitt Romney vorn, doch gelaufen sind die Vorwahlen für ihn noch nicht. Alles zum Rennen lesen Sie in unserem Dossier. mehr...

Anzeige
Anzeige
US-Wahlkampf: Wer wird Obamas Gegner?

Wie laufen die Vorwahlen der US-Republikaner? Wer wird Obamas Gegner? Unsere interaktive Grafik hält Sie auf dem neuesten Stand.

Galerie
Neuste Bildergalerien Politik
Dossier
        

Uwe Mundlos (38)galt als der Gebildete in  der Gruppe. Seine Lehrerin beschrieb den Professorensohn als sehr höflich. Weiter heißt es über ihn, er sei ein aufgeschlossener Typ gewesen, rhetorisch begabt und politisch interessiert.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Ermittler und Verfassungsschutz stehen in der Kritik. Analysen, Zeittafel und Karte im Dossier zum Neonazi-Terror. mehr...

PI & Co
Das Bündnis Pro Deutschland gehört zu dem Dunstkreis um die Blogger von Politically Incorrect.

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. In unserem Dossier informieren wir Sie über die Machenschaften der Blogger von "Politically Incorrect" und ihre Vernetzung in der rechtsextremen Szene. mehr...

Aktuelle Videos
Meistgeklickte Artikel
Brutaler Angriff am Alexanderplatz 
Hertha-Präsident Werner Gegenbauer (re.) und Anwalt Christoph Schickhardt.
Relegation Bundesliga 2012 
Ein Lufthansa-Jet landet in Tegel. Zurzeit steuern Flugzeuge mit dem Kranich-Emblem von dort aus acht Ziele an – vom 3. Juni an werden es 38 sein. Die Zahl der stationierten Flugzeuge steigt von 10 auf 15.
Nach dem Berliner Flughafendebakel 
Anzeige
Videos
Molecule Man, permanente Installation von Jonathan Borofsky in Treptow an der Spree. Höhe: 30 Meter, Aluminium, 1997.

"Berlin - Welthauptstadt der Kreativen. Herausforderungen und Chancen." Sehen Sie hier die Video-Aufzeichnung der Podiumsdiskussion vom 8. November im Berliner Verlag.  mehr...

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
45 Staus mit einer Gesamtlänge von 116km
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Fragen zur Politik
Haben Sie Fragen zur Politik? Auf Gutefrage.net finden Sie Antworten.