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Organspende-Skandal: „Zu viel Wettbewerb ist schädlich“

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Experten fordern weniger Zentren für Organ-Transplantation.
Experten fordern weniger Zentren für Organ-Transplantation.
Foto: dpa

Im Zuge des sich ausweitenden Organspende-Skandals fordern sowohl Ärzte-, als auch Patienten-Vertreter, die Zahl der Transplantations-Zentren in Deutschland zu verringern.

Wegen des Organspende-Skandals fordern Experten weniger Transplantations-Zentren. Auf Dauer solle es lieber wenige große statt vieler kleiner Zentren geben, erklärte der Präsident der Bundesärztekammer Frank Ulrich Montgomery am Donnerstag. Das mache Überprüfungen einfacher und bewirke, „dass falsche ökonomische Anreize keine Rolle spielen“, sagte der Mediziner.
Noch in diesem Jahr sollte die Hälfte der Transplantations-Zentren geschlossen werden, forderte gar der Chef der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Der derzeitige große Wettbewerb sei schädlich. „Organspende braucht Offenheit und Vertrauen statt Profit und Eitelkeit“, sagte Brysch.

Motive in Leipzig noch offen

In dieser Woche wurde nach den bereits 2012 aufgedeckten Regelverstößen in Göttingen, München und Regensburg nun ein weiterer Organspende-Betrug bekannt – an der Universitäts-Klinik in Leipzig. 38 Mal, vor allem 2010 und 2011, hatten Mediziner ihre Patienten als kranker dargestellt, als sie waren, um leichter an Spender-Lebern zu gelangen. Die Motive sind noch offen. Klinik-Chef Wolfgang Fleig sagte, „ich kann nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass kein Geld geflossen ist“.
Insgesamt gibt es derzeit 47 Transplantations-Zentren in Deutschland, die am internationalen Vergabesystem Eurotransplant beteiligt sind. Die Organisation vermittelte 2011 genau 6 536 Organe verstorbener Menschen in seine sieben europäischen Mitgliedsländer. Bei den Transplantationszentren handelt es sich meist um Universitätskliniken wie etwa in Aachen, Freiburg und Dresden sowie um Herzzentren wie in Berlin, aber auch um kommunale Einrichtungen wie etwa die Kliniken der Stadt Köln. Sie alle unterliegen der staatlichen Aufsicht der Bundesländer. Auch an den unangemeldeten Kontrollen der Prüfungskommission der Bundesärztekammer sind die Landesgesundheitsministerien als Aufsichtsbehörden anwesend. Derzeit werden aber zunächst nur die Leberprogramme geprüft. Die Kontrollen sollen künftig alle drei Jahre wiederholt werden.

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Einen Transplantationsskandal wie in Göttingen, wo Patienten gegen Geldzahlungen bevorzugt mit Organen versorgt wurden, ist laut der Ständigen Kommission Organtransplantation bei der Bundesärztekammer künftig ausgeschlossen. „Wir haben aus Göttingen gelernt und das System erfolgreich geändert“, sagte ihr Vorsitzender Hans Lilie am Donnerstag. „Diese Art von Manipulationen sind dort passiert, wo ein oder zwei Leute allein vor sich hingewerkelt haben.“ Nun gebe es überall fachübergreifende Teams, die über die Organvergabe entschieden. Auch die neuen Leipziger Verdachtsfälle stammten aus der Vergangenheit. Seit Göttingen habe er von keinem neuen Fall erfahren.

Die meisten Experten, darunter auch Ärztepräsident Montgomery sowie etliche Gesundheitspolitiker mehrerer Parteien, erwarten im Zuge kommender Prüfungen die Aufdeckung weiterer Fälle. SPD, Union und Grüne forderten schärfere Kontrollen bei der Organ-Vergabe. Auch sie erwägen eine Reduktion der Transplantationszentren in der Bundesrepublik.

Beides verlangt auch die Krankenkasse AOK: „Das ganze System muss transparenter und überprüfbarer werden“, sagte ihr Sprecher Udo Barske der Nachrichtenagentur epd. Zudem müssten sich die Bundesländer innerhalb des Gesundheitssystems besser abstimmen, forderte die Deutsche Stiftung Organtransplantation – wandte sich aber gegen eine staatliche Organisation der Organspende. Die Selbstverwaltung könne Probleme im Grundsatz besser lösen.
2013 soll nun die Reform des Organspendegesetzes für mehr Spender sorgen. Nach den Skandalen von 2012 ging die Spenden-Bereitschaft erstmals seit 2008 deutlich zurück: von 900 Organspendern 2011 auf noch 829. Es wird schwer das Vertrauen wiederzugewinnen.

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