04.01.2012

Palästina-Reportage: Generation Freiheit

Von Cedric Rehman
        

Palästinensische Jugendliche gehen surfen. „Die Bärtigen  schnüren uns mit ihren Verboten die Luft  ab, während  uns die Bomben treffen als Vergeltung für die idiotischen Raketen, die sie auf Israel abfeuern.“
Palästinensische Jugendliche gehen surfen. „Die Bärtigen schnüren uns mit ihren Verboten die Luft ab, während uns die Bomben treffen als Vergeltung für die idiotischen Raketen, die sie auf Israel abfeuern.“
Foto: afp
Gaza-Stadt –  

Immer mehr Jugendliche im palästinensischen Gazastreifen wehren sich gegen die Politik der Hamas. Sie wollen selbst über sich bestimmen und das Leben genießen.

Wenn die Bomben fallen, geht Ebba Rezeq online. Draußen am Nachthimmel über Gaza knallen die israelischen F-16-Bomber gegen die Schallmauer. Dann folgen die Einschläge. Irgendwo in ihrer Stadt zerbirst Beton, splittert Glas. Oft ist es eine ganze Kette von Detonationen.

Junge Mehrheit

Circa 60 Prozent der Bevölkerung des Gazastreifens sind nach Angaben des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA) 19 Jahre alt oder jünger. Die Angabe basiert auf der letzten Volkszählung, die 2007 stattfand.

Kinder und Jugendliche leben unter den Bedingungen eines Kriegszustandes mit Israel und der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Palästinenserfraktionen. Sie leiden auch unter den Folgen des eingeschränkten Grenzverkehrs mit Israel und Ägypten. Er lähmt immer wieder die Wirtschaft.

Nach Schätzungen der UNRWA betrug die Arbeitslosenrate der 15- bis 24-Jährigen im Gazastreifen in der ersten Jahreshälfte 2011 mehr als 50 Prozent.

Die schweren Lebensbedingungen sowie die Gewalt belasten die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Psychiater des halbstaatlichen Gaza-Community-Mental-Health- Programms gehen davon aus, dass 80 Prozent der Minderjährigen in Gaza unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden.

Die 21-jährige Studentin der Politikwissenschaft twittert dann, wie sehr sie sich freut über die israelische Gute-Nacht-Symphonie. Je mehr Bomben fallen, desto schriller werden ihre Witze, die sie hinaus in den Cyberspace schickt. Rezeq fühlt sich in den Bombennächten wie aufgesogen vom Internet. „Ich stehe neben mir und bin nur noch ein Anhang meines Laptops“, sagt sie. Wie ein Roboter, dem die Bomben nichts ausmachen können.

Latte Macchiato und Pistazieneis

Wenn die Bomben fallen, zieht sich Azeez El Sakka, ebenfalls 21, die Kopfhörer über und dreht seine Anlage auf. Eminem rappt dann vom Überleben im Ghetto, und Azeez fühlt sich verstanden. Manchmal singt er gegen den Lärm mit seinem eigenen Rap an. Dann ist er ganz Black Soul, ein junger Rapper aus Gaza. Seinen Bruder Tawfik, der mit ihm im Zimmer schläft, stört der Rap-Gesang genauso wenig beim Schlafen wie die Detonationen. Er ist seit dem letzten Krieg mit Israel, der sogenannten „Operation Gegossenes Blei“ Ende 2008, taub.

Auch nach Bombennächten wird es irgendwann mal morgen. Ebba Rezeq und Azeez El Sakka packen dann wie an den übrigen Tagen ihre Taschen für die Al-Azhar-Universität in Gaza. Sie sind nicht nur im selben Jahr geboren, sondern studieren beide Politikwissenschaften. In einem Land, in dem Politik alles, die marode Wirtschaft dagegen nichts ist.

Nach den Vorlesungen trennen sich ihre Wege: Azeez El Sakka besucht so oft es geht das Studio seines HipHop-Lehrers Ayman Jamal Mghames, einem Veteranen der Rapper-Szene in Gaza. Ebba Rezeq macht sich auf ins Kaffeehaus Mazadj. Das im Lounge-Stil eingerichtete Café ist ein Treffpunkt für moderne Jugendliche und Liebespaare. Bei Latte Macchiato und Pistazieneis wird geduldet, was sonst in Gaza undenkbar ist: Händchenhalten und Kritik an der Hamas.

Der Laptop, der Ebba Rezeq überallhin begleitet, liegt aufgeklappt auf einem Bistrotisch. Über Twitter hält sie sich auf dem Laufenden über die Wahlen im Nachbarland Ägypten. „Für die Muslimbrüder läuft es nicht überall so gut, wie es heißt“, sagt sie mit einem breiten Grinsen. Die ägyptischen Muslimbrüder sind für sie mehr als die Brüder im Geiste der islamistischen Hamas. Seit dem Putsch 2007 übt die Hamas die Macht im Gazastreifen alleine aus. Ebba Rezeq sieht die Hamas allerdings als reinen Befehlsempfänger der ägyptischen Muslimbrüder. Was schlecht für die Islamisten am Nil ist, ist deshalb gut für Gaza und Palästina, meint die Jugendaktivistin.

Genau vor einem Jahr schloss sich die Faust der Hamas um die unabhängige Jugendbewegung Sharek. Weil die Hamas es unislamisch fand, dass in den Einrichtungen von Sharek vom Krieg traumatisierte Jungen und Mädchen gemeinsam Töpferkurse besuchten. Am 30. November 2010 stürmte die Polizei das Jugendzentrum der Organisation in Gaza, verhaftete Minderjährige und prügelte auf Kinder ein. Das war der Anfang des Jugendprotestes in Gaza gegen die Herrschaft der Hamas, sagt Rezeq. „Wir waren es gewohnt, von den Israelis angegriffen zu werden, aber dass es unsere eigenen Leute tun, ist unerträglich.“

Der Kampf zerreißt Wohnviertel und Familien

Im Dezember 2010 taten sich Freunde von Ebba Rezeq zusammen. Und sie nahmen ihre Laptops mit in ein Kaffeehaus. Doch statt ihren Frust beim Twittern loszuwerden, stellten sie einen Text ins Netz, dem es an Deutlichkeit nicht mangelt. „Fuck the Hamas“ lauteten die ersten drei Wörter. Gefolgt von einer Aufzählung sämtlicher Akteure des Nahostkonflikts – von Israel bis zur säkularen Fatah von Präsident Mahmud Abbas, die es der Hamas gleich tun sollen.

Kurz vor dem Beginn der Jasmin-Revolution in Tunesien setzte das Manifest des sogenannten „Gaza Youth Breakout“ (des Ausbruchs der Jugend von Gaza) ein rotzfreches Signal für die Aufsässigkeit der Jugend in den Ländern des Mittleren Ostens. Am 15. März 2011 erlebten die Palästinensergebiete dann so etwas wie ihren arabischen Frühling: In Gaza und im Westjordanland folgten mehr als 10 000 Menschen dem über Facebook verbreiteten Aufruf, auf die Straße zu gehen.

Den Jugendlichen ging es um das Ende des Kampfes der beiden Palästinenserorganisationen. Denn seit dem Hamas-Putsch 2007 zerreißt der Parteienkampf nicht nur Wohnviertel und Familien. Er zwingt die Palästinenser dazu, sich einer der Fraktionen anzuschließen. „Hamas und Fatah sind wie zwei Seiten einer Medaille. Sie haben das Land unter sich und ihren Anhängern aufgeteilt, für den Rest bleibt nichts übrig“, sagt Ebba Rezeq.

Offiziell haben sich die gegnerischen Parteien im Mai 2011 dem Votum der Straße gebeugt und Neuwahlen ausgerufen. Erst Ende November haben der Hamas-Führer Khaled Meshaal und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ihren Willen zur Zusammenarbeit in Kairo bekräftigt. Doch den Jugendaktivisten reichen die Worte der Parteiführer nicht aus. Sie haben die Cliquenherrschaft satt, besonders aber die Hamas.

„Sie schnüren uns mit ihren Verboten die Luft ab, während uns die Bomben treffen als Vergeltung für die idiotischen Raketen, die sie auf Israel abfeuern. Und dank der Hamas denkt die ganze Welt, wir hätten alle irgendwo unseren Sprenggürtel versteckt“, sagt Ebba Rezeq. Niemand habe außerdem vergessen, dass die Hamas den Marsch vom 15. März mit Gewalt beendet hat: „Meine Freundin Smah Ahmad haben sie festgenommen und verprügelt. Jetzt ist sie in Kairo auf dem Tahrir-Platz.“

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