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Berliner Zeitung | Palästina-Reportage: Generation Freiheit
04. January 2012
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Palästina-Reportage: Generation Freiheit

Palästinensische Jugendliche gehen surfen. „Die Bärtigen schnüren uns mit ihren Verboten die Luft ab, während uns die Bomben treffen als Vergeltung für die idiotischen Raketen, die sie auf Israel abfeuern.“

Palästinensische Jugendliche gehen surfen. „Die Bärtigen schnüren uns mit ihren Verboten die Luft ab, während uns die Bomben treffen als Vergeltung für die idiotischen Raketen, die sie auf Israel abfeuern.“

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afp

Wenn die Bomben fallen, geht Ebba Rezeq online. Draußen am Nachthimmel über Gaza knallen die israelischen F-16-Bomber gegen die Schallmauer. Dann folgen die Einschläge. Irgendwo in ihrer Stadt zerbirst Beton, splittert Glas. Oft ist es eine ganze Kette von Detonationen.

Die 21-jährige Studentin der Politikwissenschaft twittert dann, wie sehr sie sich freut über die israelische Gute-Nacht-Symphonie. Je mehr Bomben fallen, desto schriller werden ihre Witze, die sie hinaus in den Cyberspace schickt. Rezeq fühlt sich in den Bombennächten wie aufgesogen vom Internet. „Ich stehe neben mir und bin nur noch ein Anhang meines Laptops“, sagt sie. Wie ein Roboter, dem die Bomben nichts ausmachen können.

Latte Macchiato und Pistazieneis

Wenn die Bomben fallen, zieht sich Azeez El Sakka, ebenfalls 21, die Kopfhörer über und dreht seine Anlage auf. Eminem rappt dann vom Überleben im Ghetto, und Azeez fühlt sich verstanden. Manchmal singt er gegen den Lärm mit seinem eigenen Rap an. Dann ist er ganz Black Soul, ein junger Rapper aus Gaza. Seinen Bruder Tawfik, der mit ihm im Zimmer schläft, stört der Rap-Gesang genauso wenig beim Schlafen wie die Detonationen. Er ist seit dem letzten Krieg mit Israel, der sogenannten „Operation Gegossenes Blei“ Ende 2008, taub.

Auch nach Bombennächten wird es irgendwann mal morgen. Ebba Rezeq und Azeez El Sakka packen dann wie an den übrigen Tagen ihre Taschen für die Al-Azhar-Universität in Gaza. Sie sind nicht nur im selben Jahr geboren, sondern studieren beide Politikwissenschaften. In einem Land, in dem Politik alles, die marode Wirtschaft dagegen nichts ist.

Nach den Vorlesungen trennen sich ihre Wege: Azeez El Sakka besucht so oft es geht das Studio seines HipHop-Lehrers Ayman Jamal Mghames, einem Veteranen der Rapper-Szene in Gaza. Ebba Rezeq macht sich auf ins Kaffeehaus Mazadj. Das im Lounge-Stil eingerichtete Café ist ein Treffpunkt für moderne Jugendliche und Liebespaare. Bei Latte Macchiato und Pistazieneis wird geduldet, was sonst in Gaza undenkbar ist: Händchenhalten und Kritik an der Hamas.

Der Laptop, der Ebba Rezeq überallhin begleitet, liegt aufgeklappt auf einem Bistrotisch. Über Twitter hält sie sich auf dem Laufenden über die Wahlen im Nachbarland Ägypten. „Für die Muslimbrüder läuft es nicht überall so gut, wie es heißt“, sagt sie mit einem breiten Grinsen. Die ägyptischen Muslimbrüder sind für sie mehr als die Brüder im Geiste der islamistischen Hamas. Seit dem Putsch 2007 übt die Hamas die Macht im Gazastreifen alleine aus. Ebba Rezeq sieht die Hamas allerdings als reinen Befehlsempfänger der ägyptischen Muslimbrüder. Was schlecht für die Islamisten am Nil ist, ist deshalb gut für Gaza und Palästina, meint die Jugendaktivistin.

Genau vor einem Jahr schloss sich die Faust der Hamas um die unabhängige Jugendbewegung Sharek. Weil die Hamas es unislamisch fand, dass in den Einrichtungen von Sharek vom Krieg traumatisierte Jungen und Mädchen gemeinsam Töpferkurse besuchten. Am 30. November 2010 stürmte die Polizei das Jugendzentrum der Organisation in Gaza, verhaftete Minderjährige und prügelte auf Kinder ein. Das war der Anfang des Jugendprotestes in Gaza gegen die Herrschaft der Hamas, sagt Rezeq. „Wir waren es gewohnt, von den Israelis angegriffen zu werden, aber dass es unsere eigenen Leute tun, ist unerträglich.“

Der Kampf zerreißt Wohnviertel und Familien

Im Dezember 2010 taten sich Freunde von Ebba Rezeq zusammen. Und sie nahmen ihre Laptops mit in ein Kaffeehaus. Doch statt ihren Frust beim Twittern loszuwerden, stellten sie einen Text ins Netz, dem es an Deutlichkeit nicht mangelt. „Fuck the Hamas“ lauteten die ersten drei Wörter. Gefolgt von einer Aufzählung sämtlicher Akteure des Nahostkonflikts – von Israel bis zur säkularen Fatah von Präsident Mahmud Abbas, die es der Hamas gleich tun sollen.

Kurz vor dem Beginn der Jasmin-Revolution in Tunesien setzte das Manifest des sogenannten „Gaza Youth Breakout“ (des Ausbruchs der Jugend von Gaza) ein rotzfreches Signal für die Aufsässigkeit der Jugend in den Ländern des Mittleren Ostens. Am 15. März 2011 erlebten die Palästinensergebiete dann so etwas wie ihren arabischen Frühling: In Gaza und im Westjordanland folgten mehr als 10 000 Menschen dem über Facebook verbreiteten Aufruf, auf die Straße zu gehen.

Den Jugendlichen ging es um das Ende des Kampfes der beiden Palästinenserorganisationen. Denn seit dem Hamas-Putsch 2007 zerreißt der Parteienkampf nicht nur Wohnviertel und Familien. Er zwingt die Palästinenser dazu, sich einer der Fraktionen anzuschließen. „Hamas und Fatah sind wie zwei Seiten einer Medaille. Sie haben das Land unter sich und ihren Anhängern aufgeteilt, für den Rest bleibt nichts übrig“, sagt Ebba Rezeq.

Offiziell haben sich die gegnerischen Parteien im Mai 2011 dem Votum der Straße gebeugt und Neuwahlen ausgerufen. Erst Ende November haben der Hamas-Führer Khaled Meshaal und Palästinenserpräsident Mahmud Abbas ihren Willen zur Zusammenarbeit in Kairo bekräftigt. Doch den Jugendaktivisten reichen die Worte der Parteiführer nicht aus. Sie haben die Cliquenherrschaft satt, besonders aber die Hamas.

„Sie schnüren uns mit ihren Verboten die Luft ab, während uns die Bomben treffen als Vergeltung für die idiotischen Raketen, die sie auf Israel abfeuern. Und dank der Hamas denkt die ganze Welt, wir hätten alle irgendwo unseren Sprenggürtel versteckt“, sagt Ebba Rezeq. Niemand habe außerdem vergessen, dass die Hamas den Marsch vom 15. März mit Gewalt beendet hat: „Meine Freundin Smah Ahmad haben sie festgenommen und verprügelt. Jetzt ist sie in Kairo auf dem Tahrir-Platz.“

Demonstrieren in Ägypten

Sie ist nicht die einzige Palästinenserin, die in Ägypten die jungen Demonstranten unterstützt. Viele junge Männer und Frauen aus Gaza pendeln zwischen dem von der Hamas kontrollierten Landstrich und dem Nachbarland, das mitten in einer Revolution steckt. Sie gehen ein großes Risiko ein. Denn Palästinenser, die in Ägypten auf Kundgebungen erwischt werden, riskieren ein Einreiseverbot – und damit die Möglichkeit, überhaupt den Gazastreifen verlassen zu können. Ebba Rezeqs Freundin Smah Ahmed wurde in Kairo festgenommen. Weil sie bei einem Protest gegen das Assad-Regime Bäume vor der syrischen Botschaft angezündet hat.

Hinter dem Wagnis, das die einzige Ausreisemöglichkeit aus dem seit Jahren isolierten Gebiet kosten kann, steckt pure Verzweiflung. „Scheitert die Revolution in Ägypten, bleiben wie unter Husni Mubarak die Grenzen dicht, und wir bleiben für alle Zeiten eingesperrt mit der Hamas und mit den israelischen Bombern“, sagt Ebba Rezeq. Dann bliebe das Internet ihr einziger Zugang zur Welt, in einer Gegend, in der die Wege schnell an Betonmauern und Stacheldrahtverhauen enden.

Die Palästinenser, die auf dem Tahrir-Platz mitdemonstriert haben, bringen zudem das Wissen mit, wie eine friedliche Revolution funktioniert – mit Subversion. Weil Demonstrationen in Palästina immer noch ausschließlich Parteikundgebungen sind, schleichen sich unabhängige Jugendliche ein und halten ihre Parolen auf Englisch hoch. „Das können viele Polizisten nicht lesen, viele junge Leute dagegen schon“, sagt Ebba Rezeq.

Hamas-Kämpfer stürmen die Bühne

Azeez El Sakka dreht am Regler, damit die Bässe dumpfer werden. Seine Reime beschäftigen sich mit dem internationalen Tag der Solidarität mit Palästina – einer offiziellen von der Hamas geduldeten Kundgebung der unterschiedlichen Parteien. Der junge Mann hat an ihr teilgenommen. In Baggy-Hosen und Sweatshirt zwischen all den bärtigen Islamisten und streng blickenden Kommunisten der Volksfront zur Befreiung Palästinas.

Ayman Jamal Mghames lehnt an der Wand des Studios, das mit seiner Styroporverkleidung an eine Gummizelle erinnert. Er ist stolz, dass Azeez sich auf eine solche politische Kundgebung wagt. „Als ganz normaler Jugendlicher“, sagt er. Noch vor fünf Jahren wäre er vielleicht gesteinigt worden, sagt er.

Als Mahmud Abbas 2005 den Gazastreifen besuchte, versuchte Jamal Mghames mit Freunden, auf der Bühne einen Begrüßungsrap aufzuführen. „Plötzlich kam ein Bärtiger und hat mir das Mikro aus der Hand gerissen, dann ging es los: ,Allahu Akbar, Allahu Akbar’.“ Die Hamas-Kämpfer mit ihren grünen Stirnbändern stürmten die Bühne – mit Pflastersteinen in der Hand. „Es war knapp“, sagt Mghames.

Azeez El Sakka saß nach der Schließung des Jugendzentrums von Sharek im Gefängnis. Denn die Repression gegen die HipHop-Szene hat seit den Protesten im März wieder zugenommen, obwohl sich die Künstler bemühen, die Hamas-Regierung nicht zu provozieren. „Wir singen von der Freiheit unseres Landes, aber für die Hamas sind wir trotzdem Sünder“, sagt Azeez El Sakka. Sündig ist HipHop für die Islamisten, weil der Musikstil aus dem Westen kommt – und weil Eminem und andere Idole der jungen Rapper aus Gaza nicht gerade dem entsprechen, was die Hamas unter islamischer Moral versteht.

Ayman Jamal Mghames zuckt mit den Schultern. Ihm ist das egal: „Mal sind die Raketen sündig, die andere Milizen auf Israel abfeuern, mal sind sie Ausdruck von Heldentum. Je nachdem, wie es den Bärtigen passt.“ Außerdem sei Hip-Hop die Musik der Afro-Amerikaner in den USA, meint Azeez El Sakka. „Und wir sind die Schwarzen des Nahen Ostens.“

„Ich bräuchte eine Therapie“

Black Soul hat seinen Rapper-Namen gewählt, weil es tief in ihm genauso ausgesehen hat, bevor er mit dem HipHop anfing. „HipHop ist mein Tramadol“, sagt er und grinst. Tramadol ist ein Schmerzmittel, das palästinensische Ärzte an die Menschen verteilen, die Gliedmaßen im Krieg verloren haben. Heute verhilft sich die Jugend in Gaza mit dem Medikament zu einem Rausch, in dem alles wie in Watte verpackt erscheint. „Freunde nehmen Tramadol, die Leute an der Uni, fast alle, die ich kenne.“

Azeez El Sakka greift lieber zum Mikro oder haut in die Tasten seines Computers, wenn ihn die Alpträume aus dem ewigen Krieg mit Israel plagen. Ebba Rezeqs Tramadol ist das Internet. „Eigentlich bräuchte ich eine Therapie“, sagt sie und lacht verzweifelt. „Wie wir alle.“

In knapp zwanzig Jahren hat ihre Generation alles erlebt – Krieg, Bürgerkrieg und einen Volksaufstand –, nur keine Sicherheit. Während der „Operation Gegossenes Blei“ saß die damals 19-Jährige über Wochen mit ihrer Familie in ihrer Wohnung fest. „Wir waren alle so bemüht, die Kinder nicht zu erschrecken und haben ihnen erzählt, dass sie draußen Ballons zum Platzen bringen.“ Ebba Rezeq ist es leid, keine Gefühle zeigen zu dürfen. Wenn sie über ihr Leben und die Lage in Gaza spricht, dann werden die Worte der zierlichen Frau drastisch. „Es ist ein herrliches Gefühl, endlich der ganzen Welt sagen zu können: Fuck You!“

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