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Berliner Zeitung | Piratenpartei im Aufwind: Gefährliche Eroberungen der Piraten
27. March 2012
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Piratenpartei im Aufwind: Gefährliche Eroberungen der Piraten

Im Landtag: Die vier Saar-Piraten Michael Hilberer, Jasmin Maurer, Michael Neyses und Andreas Augustin (von links nach rechts).

Im Landtag: Die vier Saar-Piraten Michael Hilberer, Jasmin Maurer, Michael Neyses und Andreas Augustin (von links nach rechts).

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dapd

Die ersten Zahlen sind gerade über die Bildschirme geflimmert, der erste Jubel verhallt, der Sonntagabend ist noch jung, da macht der Kreislauf nicht mehr mit. Jasmin Maurer klappt weg. Es war alles zu viel. Die anderen feiern, sie braucht Erholung, ein bisschen frische Luft.

Es war ja auch heftig, was die saarländische Ober-Piratin in den vergangenen Wochen wegstecken musste: Von jetzt auf gleich nach dem Kollaps der untauglichen Jamaika-Koalition ein hektischer Hauruck-Wahlkampf, ein anstrengender Parteitag, auf dem sich die Piraten holterdiepolter ein Programm strickten. Und am Ende der Wahlsonntag, die Spannung, die Auflösung: 7,4 Prozent, vier Abgeordnete im Saarbrücker Landtag. Dabei: Jasmin Maurer, 22 Jahre, IT-Fachfrau. Da kann einem schon schwummerig werden.

Seit Herbst sitzen sie im Berliner Abgeordnetenhaus, seit Sonntag im Saarbrücker Landtag. Geht es so weiter, dann ab 6. Mai im Landtag von Schleswig-Holstein und eine Woche später auch im Parlament in Düsseldorf. Ihre Umfragen sind günsti

Die Piraten - 2006 in Berlin gegründet - segeln auf einer Erfolgswelle dahin, angetrieben von Politikverdrossenheit und Sympathie. 22.000 Mitglieder hat die Partei – es werden stündlich mehr. Und die Piraten, sie platzen fast vor Tatendrang und Selbstbewusstsein.

Ihr Markenkern: absolute Transparenz, Basisdemokratie, Netz-Themen. Anders sein. Alle dürfen mitreden und mitstimmen. Keine Delegierten, keine innerparteilichen Ochsentouren.

Die Piraten, das ist in einer Partei organisierte Parteienverdrossenheit. Inhalte: blumig bis dürftig. Im Grundsatzprogramm stehen mehr Zeilen zum Patentwesen als zur deutschen Energiepolitik. Gedanken zur Außenpolitik, zu Europa? Fehlanzeige. Man lernt noch, tastet sich vor. Der Weg ist das Ziel, die Methode alles. Und die Methode ist verdammt anstrengend.

Vergangenes Wochenende, Landesparteitag in Münster. Es geht um die Liste für die Landtagswahl. 400 Piraten in der Halle Münsterland, fast nur Männer, viele schwarze Pullover, orangene T-Shirts, mindestens 30 Piraten stehen andauernd vorm Eingang und rauchen.

Allein 56, davon acht Frauen, wollen Spitzenkandidat werden. Im Gang links steht eine Frau, Marina Weisband. Die 24-jährige Piratin war im Bundesvorstand. Sie lebt in Münster, macht gerade Pause von der Politik, kümmert sich um ihr Studium. Sie steht am Rand und staunt, als sie das Gedränge um Posten sieht. Sie nennt es einen „Goldrausch“. Am Vormittag, als es losging, hat sie kurz zu den Piraten gesprochen. Sie warnte: „Überprüft noch mal, ob ihr wirklich kandidieren wollt. Und ob ihr euch das psychisch und physisch zutraut.“

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Das Bild stimmt: Goldrausch. Alle wollen ganz schnell etwas sein. Noch nie war es so einfach, Politiker zu werden wie bei den Piraten.

Im Saal herrscht ein Gefühl schierer Selbstverständlichkeit. Die Zeit ist gekommen. Natürlich werden die Piraten in den Landtag gewählt. Politik machen? Das wäre doch gelacht. Es ist wie in einem Baumarktwerbespot, in dem jeder alles kann. Nur wollen muss er. „Keine Frage“, sagt ein Pirat, ein Dicker, der sich tatsächlich piratenhaft ein Tuch um den Kopf gebunden hat. „Um das Ob geht es doch gar nicht mehr.“

Was dann folgt und acht Stunden 32 Minuten dauern wird, nennt man bei den Piraten scherzhaft oder eher schmerzhaft „zerdietern“. Nach Dieter Bohlen, dem flegelhaften Deutschland-sucht-den-Superstar-Juror, der Teenager runtermachen kann wie kein zweiter. Zerdietern oder Grillen. Spaß ist das nicht.

Lesen Sie weiter, wie die Piraten mit ihren Kandidaten umgehen.

56 Kandidaten für den heiß begehrten Platz 1, den dicken Goldklumpen bei der Landtagswahl. Den sicheren Einzug ins Düsseldorfer Parlament. Jeder darf sich drei Minuten lang vorstellen. Die Kandidaten haben Nummern, sie werden gezogen wie die Lottozahlen. Die Uhr läuft, 180 Sekunden. Danach sind Fragen erlaubt. Fragen, das heißt zerdietern.

Die meisten Kandidaten werden verschont. Es geht insgesamt manierlich zu. Einige aber werden zerdietert. Kandidat 19, Hans Immanuel Herbers, 53, Pastor aus Bad Salzuflen. Ein wortgewaltiger Mann. Er füllt seine drei Minuten mit Geschimpfe auf die Politiker der anderen Parteien. Schräge Vögel, Typen, Gestalten, er lässt wenig aus. Er schüttelt sich. Dann preist er sich selbst als eine politische Rampensau. Er kommt nicht gut an damit.

Frage: „Wie kannst du denn als Pastor bei den Piraten sein?“ Antwort, laut: „Was hat es denn damit zu tun, dass ich Pastor bin?“

Nächste Frage: Er habe doch in seiner Rede CDU, FDP und SPD plattgemacht. Wieso nicht die Grünen? Seine Antwort wird zu einem heftigen Orkan aus Verachtung gegen die Grünen und ihr Gutmenschengehabe. Aber all das reicht nicht für Listenplatz eins.

Kandidat 125, Robin Fermann, kurdischer Migrant, von Beruf Dolmetscher, Kommunalpolitiker in Bielefeld, vor Kurzem noch bei den Linken. Er erzählt, dass er im Herbst 2010 aus Protest gegen eine Schulschließung zu Fuß von Bielefeld nach Düsseldorf marschiert sei.

Frage: „Robin, sag mal, wie stehst du zu deinen antisemitischen Äußerungen?“ Fermann schluckt. Es geht um ältere Geschichten. „Ich bin kein Antisemit“, sagt er. „Ich kritisiere die jüdische Lobby in Amerika und die Politik Israels. Ich bin mit Sicherheit nicht judenfeindlich.“

Nächste Frage: „Robin, hast du es überhaupt begriffen, Pirat zu sein?“ Fermann schluckt wieder. „Ich war mir nicht so sicher, ob ich kandidieren sollte.“ Noch eine Frage: „Robin, warum bist du überhaupt eingetreten?“ Robin Fermann merkt: Das wird hier nichts. „Ich werde nicht austreten“, stammelt er.

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Draußen ist es längst dunkel. Der Nachmittag hat sich hingezogen wie Sitzen im Wartezimmer. Stunden über Stunden ging es. Vorstellungsreden, mal keine Fragen, dann wieder Fragen. Mal Zerdietern, mal harmlos und nur interessiert. „Das ist der ganz normale Wahnsinn eines Piratenparteitages“, erzählt Christoph Lauer, Pirat, Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus. Er beobachtet, was seine Kollegen an Rhein und Ruhr machen. Er hilft und berät im Wahlkampf. Er ist angekommen im Politikbetrieb. Um die Berliner Piraten ist es stiller geworden. Sie arbeiten sich ein, nehmen Kontakt zur Wirklichkeit auf.

Am Ende ist einer übrig, der nicht damit gerechnet hat. Es geht auf 22 Uhr zu. Endlose Vorstellungsrunden sind vorüber und nur einer schaffte die nötigen 50 Prozent Zustimmung auf Anhieb. Der Rest wird am Sonntag abgearbeitet.

Listenplatz eins geht an Joachim Paul, 54, er ist Medienpädagoge. Und im Internet auch bekannt als Nick Haflinger. Seine Verdienst für die Partei: Er hat sich Gedanken zur Bildungspolitik gemacht, das NRW-Wahlprogramm 2010 Korrektur gelesen. Warum er kandidiert? Er will mit den Piraten einen grundlegend anderen Politikstil etablieren.

Sie sind Anwälte, Steuerfachangestellte, Lehrer, Handwerker, IT-Fachleute, Schüler, Systemadministratoren, Betriebsräte, Arbeitslose, Mathematiker, Krankenpfleger oder Rentner. Sie waren parteilos, in der CDU, FDP, SPD, Linken. Von allen Parteien verachten sie die Grünen am meisten. Die Grünen sind die Verräter. Die Brüder und Schwestern, die einmal unschuldig wie Piraten waren und sich haben korrumpieren lassen von der Macht.

Die Piraten haben alle Alias-Namen im Internet: Henne und Schwarzbart, Duisblog oder Thot23, Nobody oder Psychotron oder Tigrinus. Sie sind Piraten geworden, weil sie „wirklich etwas verändern wollen“, weil sie „endlich etwas tun müssen“, weil etwas grundsätzlich falsch läuft, weil sie „das Geschäft nicht mehr den anderen überlassen“ wollen.

Sie halten sich für unbestechlich, unideologisch, uneitel und rein. Sie loben das Team und halten ihre Politik für die wahre und einzig richtige, ein mit kühler Logik und Basisdemokratie steuerbares Problemlösungsprogramm.

Wahrscheinlich werden sie sich noch wundern. Mit dem Erfolg wird der Ärger kommen und die Leichtigkeit verfliegen. Sie werden, wie in Berlin, Fraktionen bilden, Posten vergeben, Ausschussvorsitzende bestimmen, sie werden Strukturen bilden müssen, auch Machtstrukturen, die ihnen, denen das Team angeblich über alles geht, so verhasst sind. Sie werden sich streiten.

„Manchmal wird mir angst und bange“, sagte Stefan Bartels. Kiel, in der „Pumpe“, Kommunikationszentrum und Kneipe. Jeden Donnerstag ist hier Piratenstammtisch. Manchmal kommen 20, manchmal 100 Leute. Es gibt 700 Piraten in Schleswig-Holstein, doppelt so viele wie im vergangenen Herbst. „Es ist ein Hype“, sagt Bartels, 44, Angestellter in der Kieler Vollstreckungsbehörde. Er war nie in einer Partei, verbringt aber seit Oktober fast jedes Wochenende damit, Mitglieder für die Piraten zu werben und Plakate aufzuhängen.

Am 6. Mai ist Landtagswahl. Man hat eine lange Landesliste, man hat in 33 von 34 Wahlkreisen Direktkandidaten. „Natürlich ziehen wir ein“, sagt er. „Sieben Prozent, vielleicht auch neun. Die Leute wollen es.“ Er tritt in Eckernförde an, einer der Gegenkandidaten: Wolfgang Kubicki, FDP-Fraktionschef, Anwalt, Selbstdarsteller. Gegensätzlicher können zwei Kandidaten gar nicht sein. Bartels war überall im Land auf Marktplätzen und in Fußgängerzonen. Er erzählt, wie freundlich er überall begrüßt wurde. Wenn die Leute schimpfen, geht es immer um die anderen Parteien, denen „mal ordentlich Feuer unterm Hintern gemacht werden soll“.

Es ist dunkel in der „Pumpe“, eine kleine Frau kommt dazu. Angelika Beer, einst Mitgründerin der Grünen, Bundestag, Europaparlament, im Krach geschieden. Heute Listenplatz sechs, Direktkandidatin in Neumünster für die Piraten. Sie sagt: „Die Leute haben die Schnauze voll davon, wie heute Politik gemacht wird. Sie wollen verstehen, was läuft. Sie wollen mitreden.“

Der Piratenstammtisch in der „Pumpe“ füllt sich. Gut 40 sind es diesmal. Thema: Plakatieren. Arbeit wird verteilt.

Stefan Bartels wird wohl nicht in den Landtag einziehen, sein Listenplatz 19 ist aussichtslos. Aber er interessiert sich für Finanzpolitik, liest sich ein, will sein Wissen der Partei zur Verfügung stellen, wie er sagt. 2050, meint er, müsste das schwer verschuldete Schleswig-Holstein schuldenfrei sein. „Ein ehrgeiziges Ziel, aber zu schaffen.“ Und wie? Er lächelt. „Das Geld liegt auf der Straße. Die Einnahmeseite erhöhen, mehr Steuerfahnder einstellen.“

Die Nord-Piraten trauen sich alles zu, auch, nach dem 6. Mai in die Regierung mit wem auch immer einzusteigen. „Das könnte so kommen“, meint Bartels.

Angelika Beer nickt. Alles ist möglich. Es ist wie ein Rausch. „Wenn wir in den Landtag einziehen, schaffen wir es 2013 auch in den Bundestag.“ Sie ist vergnügt, ihr Zöpfchen wippt. Sie sagt: „Wir fangen doch jetzt erst richtig an.“ Und ist dann im Dämmerlicht der „Pumpe“ verschwunden.

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