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Piratenpartei im Aufwind: Gefährliche Eroberungen der Piraten

Im Landtag: Die vier Saar-Piraten Michael Hilberer, Jasmin Maurer, Michael Neyses und Andreas Augustin (von links nach rechts).

Im Landtag: Die vier Saar-Piraten Michael Hilberer, Jasmin Maurer, Michael Neyses und Andreas Augustin (von links nach rechts).

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dapd

Münster -

Die ersten Zahlen sind gerade über die Bildschirme geflimmert, der erste Jubel verhallt, der Sonntagabend ist noch jung, da macht der Kreislauf nicht mehr mit. Jasmin Maurer klappt weg. Es war alles zu viel. Die anderen feiern, sie braucht Erholung, ein bisschen frische Luft.

Es war ja auch heftig, was die saarländische Ober-Piratin in den vergangenen Wochen wegstecken musste: Von jetzt auf gleich nach dem Kollaps der untauglichen Jamaika-Koalition ein hektischer Hauruck-Wahlkampf, ein anstrengender Parteitag, auf dem sich die Piraten holterdiepolter ein Programm strickten. Und am Ende der Wahlsonntag, die Spannung, die Auflösung: 7,4 Prozent, vier Abgeordnete im Saarbrücker Landtag. Dabei: Jasmin Maurer, 22 Jahre, IT-Fachfrau. Da kann einem schon schwummerig werden.

Seit Herbst sitzen sie im Berliner Abgeordnetenhaus, seit Sonntag im Saarbrücker Landtag. Geht es so weiter, dann ab 6. Mai im Landtag von Schleswig-Holstein und eine Woche später auch im Parlament in Düsseldorf. Ihre Umfragen sind günsti

Die Piraten - 2006 in Berlin gegründet - segeln auf einer Erfolgswelle dahin, angetrieben von Politikverdrossenheit und Sympathie. 22.000 Mitglieder hat die Partei – es werden stündlich mehr. Und die Piraten, sie platzen fast vor Tatendrang und Selbstbewusstsein.

Ihr Markenkern: absolute Transparenz, Basisdemokratie, Netz-Themen. Anders sein. Alle dürfen mitreden und mitstimmen. Keine Delegierten, keine innerparteilichen Ochsentouren.

Die Piraten, das ist in einer Partei organisierte Parteienverdrossenheit. Inhalte: blumig bis dürftig. Im Grundsatzprogramm stehen mehr Zeilen zum Patentwesen als zur deutschen Energiepolitik. Gedanken zur Außenpolitik, zu Europa? Fehlanzeige. Man lernt noch, tastet sich vor. Der Weg ist das Ziel, die Methode alles. Und die Methode ist verdammt anstrengend.

Vergangenes Wochenende, Landesparteitag in Münster. Es geht um die Liste für die Landtagswahl. 400 Piraten in der Halle Münsterland, fast nur Männer, viele schwarze Pullover, orangene T-Shirts, mindestens 30 Piraten stehen andauernd vorm Eingang und rauchen.

Allein 56, davon acht Frauen, wollen Spitzenkandidat werden. Im Gang links steht eine Frau, Marina Weisband. Die 24-jährige Piratin war im Bundesvorstand. Sie lebt in Münster, macht gerade Pause von der Politik, kümmert sich um ihr Studium. Sie steht am Rand und staunt, als sie das Gedränge um Posten sieht. Sie nennt es einen „Goldrausch“. Am Vormittag, als es losging, hat sie kurz zu den Piraten gesprochen. Sie warnte: „Überprüft noch mal, ob ihr wirklich kandidieren wollt. Und ob ihr euch das psychisch und physisch zutraut.“

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Das Bild stimmt: Goldrausch. Alle wollen ganz schnell etwas sein. Noch nie war es so einfach, Politiker zu werden wie bei den Piraten.

Im Saal herrscht ein Gefühl schierer Selbstverständlichkeit. Die Zeit ist gekommen. Natürlich werden die Piraten in den Landtag gewählt. Politik machen? Das wäre doch gelacht. Es ist wie in einem Baumarktwerbespot, in dem jeder alles kann. Nur wollen muss er. „Keine Frage“, sagt ein Pirat, ein Dicker, der sich tatsächlich piratenhaft ein Tuch um den Kopf gebunden hat. „Um das Ob geht es doch gar nicht mehr.“

Was dann folgt und acht Stunden 32 Minuten dauern wird, nennt man bei den Piraten scherzhaft oder eher schmerzhaft „zerdietern“. Nach Dieter Bohlen, dem flegelhaften Deutschland-sucht-den-Superstar-Juror, der Teenager runtermachen kann wie kein zweiter. Zerdietern oder Grillen. Spaß ist das nicht.

Lesen Sie weiter, wie die Piraten mit ihren Kandidaten umgehen.

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