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Berliner Zeitung | Piratin Marina Weisband: "Das Internet verleitet dazu, sich hochzuschaukeln"
04. April 2012
http://www.berliner-zeitung.de/10761312
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Piratin Marina Weisband: "Das Internet verleitet dazu, sich hochzuschaukeln"

Marina Weisband hält die Piraten nicht für regierungsfähig.

Marina Weisband hält die Piraten nicht für regierungsfähig.

Foto:

dapd

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Erneut wird über die Risiken des Internet debattiert, seit gegen einen Emdener Schüler, der des Kindsmords verdächtigt wurde, eine Netzkampagne bis hin zu Mordaufrufen lief. Aus dem virtuellen Mob wurde ein realer, jetzt ermittelt der Staatsanwalt. Die Piraten-Partei ist dennoch gegen Einschränkungen der Anonymität im Netz, sagt ihre Geschäftsführerin Marina Weisband – ruft aber die User zur Vernunft.

Frau Weisband, sind Sie schon mal in einen Shitstorm geraten?

In einen leichten. Als ich bei den Piraten Themenbeauftragte einführen wollte, wurde das Konzept verrissen – teils sachlich, teils verhöhnend und verspottend. Am Ende war es konstruktiv, weil ich das Konzept überarbeitet und zur Bearbeitung online gestellt habe, so dass ein besseres entstand. Aber der Ton war oft unterirdisch. Zwei Tage ging ich nicht mehr an den Computer, weil ich keine Lust mehr auf diese Partei hatte.

Ein krasser Auswuchs zeigte sich jetzt in Emden. Zweifeln Sie da nicht daran, dass das Netz zu mehr Bürgerbeteiligung führt?

Der Fall in Emden hat mich erschreckt. Leider zeigt sich da etwas im Internet, das im Menschen verankert ist und das es schon immer gab. Schon vor langem hat sich in meinem Umfeld ein Mobbingopfer umgebracht – ohne jeden Bezug zum Internet.

Typisch ist aber, jeden mit übler Kritik zu überschütten, der der Netzgemeinde widerspricht. Zuletzt FDP-General Döring, der Shitstorms mit einer „Tyrannei der Masse“ verglich.

Keiner von uns rechnet damit, dass Döring alle Reaktionen und Beschwerden tatsächlich liest. Der Protest bricht nicht über Döring selbst herein, es ist eher ein Lästern innerhalb der Gemeinschaft. Jedenfalls per Twitter.

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"Mancher entgleist unglaublich"

Oft werden die Gescholtenen in Hunderten Mails beschimpft, die mit Debatte nichts zu tun haben.

Ja, und diese Tendenz ist eine Gefahr für das, was mir an Partizipation per Internet vorschwebt. Ich glaube nicht, dass Online-Drohungen so ernst gemeint sind wie Drohungen im realen Leben. Aber das Internet verleitet dazu, sich hochzuschaukeln. Mancher entgleist dann unglaublich. Dazu sage ich ganz klar: Die größere Bedrohung der Freiheit im Netz sind nicht Vorratsdatenspeicherung, Zugangsbeschränkung oder ACTA – sondern dieser Umgang miteinander. Freiheit bringt auch Verantwortung mit sich.

Und bis das besser ist, taugt das Netz nicht als Demokratie-Tool?

Es gibt kein einheitliches Demokratie-Tool. Wir gehen immer noch zur Wahl, und das ist auch gut so. Aber man kann die Demokratie durchs Internet ergänzen. Wenn User sehen, dass das Netz wichtiger, offizieller, demokratischer wird, wissen sie: Ich kann hier keinen bedrohen. Zugleich ist das Voraussetzung für diese Entwicklung. Aber ich sehe schon Bewegung: Als der Piraten-Vorstand anfing, war das ein Horrorjob. Nie gab es Lob, man wurde für jede Entscheidung mit Dreck beworfen. Weil die Zufriedenen schwiegen und die Unzufriedenen schrien. Inzwischen gibt es aber die Formel „#flausch“ als Zeichen der Anerkennung. Jetzt gibt es öfter auch Flausch-Stürme.

Innenminister Friedrich schlägt vor, einen neuen Ton durch Klarnamen-Pflicht zu erzwingen.

Ja, Anonymität kann eine Gefahr sein. Aber wir müssen als Gesellschaft damit leben, weil ihr Verlust die größere Gefahr wäre. Würde eine Regierung repressiv gegen das Volk, müsste man anonym zu Protesten aufrufen können. Wir wollen diese Bürgerrechte im Internetzeitalter bewahren.

"Ich mag Flashmobs"

Online lassen sich leicht Anhänger rekrutieren, für Kampagnen wie für Flashmobs. In Hessen rufen Sie jetzt zum öffentlichem Massentanz gegen Tanzverbote am Karfreitag auf. Ist es noch Politik, Spaß-User gegen religiöse Bräuche zu mobilisieren?

Wir mobilisieren nicht gegen eine Religion, sondern dagegen, dass der Glaube Einzelner das Leben aller beeinflusst. Jeder Katholik kann beten und beschaulich sein. Aber wir möchten nicht, dass deshalb außerhalb ihrer Sichtweite Tanzverbot herrscht, und rufen alle, die unsere Sicht teilen, übers Internet zum Mitmachen auf. Das ist doch Widerstreit der Ideen und ganz normale Demokratie.

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Zu Flashmobs kommen Hunderte, ohne ein Argument zu lesen.

Die Leute, die zu so etwas gehen, denken sich schon was dabei. Ich mag Flashmobs: Sie bringen Fremde zusammen, man lernt einander kennen, ist aktiv. Wir zocken nicht nur Online-Spiele, sondern treffen uns. Am letzten Karfreitag war ich bei so einem Tanz-Mob. Es hat Spaß gemacht, mit Fremden zu tanzen und zugleich ein politisches Signal zu geben.

Das kommt wohl an: In Umfragen liegen Sie bei 12 Prozent. Ist so viel Erfolg gefährlich für eine Anti-Establishment-Partei?

Eher das Tempo des Wachstums. Wir haben das Geld einer 0,2-Prozent-Partei, Programm und Struktur einer 2-Prozent-Partei – aber an uns werden die Erwartungen einer 12-Prozent-Partei gestellt. Aber anscheinend treffen wir einen Nerv und werden gebraucht. Also müssen wir uns jetzt schnell entwickeln. Bisher hat das immer geklappt.

Das Interview führte Steven Geyer.

Update: Marina Weisbach schildert in ihrem Blog ihre Überlegungen hinter den hier im Interview geäußerten Gedanken.

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