08.12.2011

Polen: Im ersten Kreis der Hundehölle

Von Ulrich Krökel
        

Matsch, Kälte und viel zu viele Tiere: Das Hundeheim in Celestynow
Matsch, Kälte und viel zu viele Tiere: Das Hundeheim in Celestynow
Foto: Ulrich Krökel
Celestynow –  

Polens Tierheime sind chronisch unterfinanziert und hoffnungslos überfüllt. Doch Tierschützer warnen davor, aus falsch verstandener Tierliebe polnische Hunde zu adoptieren. Ein Ortstermin.

Die Villa im Wald ist nicht zu verfehlen. Schon von Ferne dringen ohrenbetäubende Laute aus hunderten von Hundekehlen herüber. Kurzes, abgehacktes Kläffen mischt sich mit rauem Gebell. Im Hintergrund schwillt sirenenartiges Jaulen an und wieder ab. Eine Schleuse aus gusseisernen Gitterstäben führt auf das Gelände des Tierheims. Nur so lässt sich der Freiheitsdrang der Insassen bändigen.

Warnung vor Adoptionen

Tierschützer warnen davor, aus falsch verstandener Tierliebe polnische Hunde zu adoptieren. „Die Hunde können neben tödlichen Infektionen auch Erbkrankheiten und Verhaltensstörungen aufweisen“, sagt Stephanie Eschen vom Tierschutzverein Berlin.

Etwa 500.000 Welpen werden nach Schätzungen jährlich illegal nach Deutschland geschmuggelt. Viele davon werden in Polen illegal gezüchtet, um das schnelle Geld zu machen, sagt Eschen. „Die Gesundheit der Tiere bleibt dabei auf der Strecke.“

Unverantwortlich sei es, solche Hunde nach Deutschland zu holen. „Die erhöhte Nachfrage kurbelt das Angebot erst recht an. Der Strom wird dann nie versiegen“, sagt die Berliner Tierschützerin. Wer helfen wolle, solle dies durch Spenden vor Ort tun.

Jenseits der Sperren stürzen die Hunde in Rudeln herbei, springen und schnappen in die Luft. Ein gedrungener Stafford-Mischling stemmt die Vorderbeine in den Morast, zieht die Lefzen zurück und funkelt den Fremden drohend an. Sein Knurren ist in dem Lärm nur zu erahnen. Dann stutzt der Hund, fährt sich kurz mit der Zunge über die Schnauze und schaut verloren zur Seite. Schließlich wandern die dunklen Augen wieder zum Besucher, ein Flehen liegt in dem Blick.

Gestank von Urin, Kot, Essensresten

Die „Szefowa“ hinkt herbei und weist die Meute in ihre Schranken. Die wiegenden Schritte fallen der 71-Jährigen sichtlich schwer. Seit Stunden geht Schneeregen nieder und verwandelt den Boden zusehends in einen zähen Morast. Und Izabella Dzialak hat gerade erst eine Knieoperation hinter sich. Sie hat auch schon eine Krebserkrankung überstanden. Dennoch kommt sie seit 22 Jahren fast täglich hier heraus in das Tierasyl im Wald von Celestynow, 20 Kilometer südöstlich von Warschau. Die 15 Arbeiter nennen sie nur „die Chefin“ – Szefowa. Ihre Begrüßungsworte gehen im Gebell unter. Die alte Frau zeigt auf das kleine zweistöckige Haus mit den Säulen unter dem Balkon. „Wir reden später in der Villa“, ruft sie, so laut sie kann, und ordnet zunächst einen Rundgang über das Gelände an.

Alles trieft an diesem Tag. Durch die porösen Wellblech-Abdeckungen der Gitterboxen rinnt das Wasser und durchtränkt die verfilzten Felldecken und modrigen Matratzen, die den Tieren die Kälte des Winters erträglicher machen sollen. Was nicht mehr nutzbar ist, wird im Hof angezündet. Der beißende Rauch des Schwelbrandes mischt sich mit dem stechenden Geruch von Kot, faulendem Urin und Essensresten. In einer rostigen Schubkarre steht eine bräunlich-gelbe Masse aus Brühe, Trockenfutter und Nudeln. Knochenreste schwimmen darin. Die Mitarbeiter füllen den Brei mit schmutzigen Schaufeln in Kübel und Näpfe. Doch Futter bleibt Futter.

Überall dort, wo sich ein Mensch zeigt, springen kläffend hungrige Hunde herbei oder drücken ihre Schnauze jaulend durch den Maschendraht der Gatter. Nur die Schwächsten, die Kleinen und Kranken harren in den notdürftig zusammengenagelten Hütten aus, die verstreut auf dem Gelände im Schneematsch stehen. Ein Terrier lugt mit fiebrigem Blick aus dem Dunkel.

Der Begriff „Hundehölle“ für Orte wie diesen stammt von polnischen Tierschützern. Immer wieder appellieren sie an die Regierung, weil sie die Lage in den etwa 100 Tierheimen des Landes für „einen einzigen Albtraum“ halten. So formuliert es Jan Cyndecki vom Verein „Intervention für Tiere“. Die meist von den Kommunen betriebenen Heime sind chronisch unterfinanziert und hoffnungslos überfüllt. Allein in Wojtyszki südwestlich von Lodz, dem größten Tierheim Europas, leben 3 700 Hunde zwischen Betonmauern in Großgehegen. Im Vergleich dazu ist die Villa in Celestynow mit ihren 400 Bewohnern nur der erste Kreis der Hölle.

Cyndecki spricht von „Systemversagen“. Es gebe in Polen weder geordnete Verfahren zur Sterilisation und Kastration von Tieren, noch ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, dass heimatlose Lebewesen schutzbedürftig sind. Die oberste staatliche Kontrollkommission NIK hat das nach einer groß angelegten Prüfung bestätigt. Jeder vierte Hund und jede dritte Katze stirbt demnach in polnischen Tierheimen vorzeitig oder wird gezielt getötet. In 68 Prozent der Gemeinden gibt es keine Präventionsprogramme. Der Tierschützer sieht in dieser „flächendeckenden Tragödie“ ein Erbe der kommunistischen Volksrepublik. „Die bolschewistische Beschränktheit und die Nähe zum wilden Asien haben in unserem Land ihre Spuren hinterlassen“, sagt er und bedient Klischees, wo es um Fakten gehen sollte.

Tatsache ist, dass Polens Regierung das Tierschutzgesetz seit dem 1. Januar 2012 verschärft hat. Wer Hunde, Katzen oder andere Tiere quält, muss mit härteren Strafen rechnen. Tierschützer wie Cyndecki glauben nicht, dass sich dadurch schnell etwas ändern wird. Sie sehen sich durch die staatlichen Kontrolleure bestätigt. „Die Gesetzesänderungen lösen das Problem der Obdachlosigkeit von Tieren nicht“, heißt es im Bericht der Kommission. Und wie zum Beleg für Cyneckis Theorien vom wilden Osten machen Berichte aus dem Nachbarland Ukraine die Runde. Dort werden streunende Straßenhunde vielerorts vergiftet und in mobilen Krematorien verbrannt.

Organisierte kriminelle Züchter

Drinnen in der Villa in Celestynow bietet Izabella Dzialak zur Beruhigung der Nerven stark gesüßten Tee an. Das Haus dient als Büro, Speicher und letzte Zuflucht für die Tiere vor Wind und Wetter. Es stinkt hier genauso nach bakteriell verseuchtem Urin wie auf dem Hof. „Die Menschen sind es, die das Leben der Tiere zerstören“, sagt Dzialak. Sie weiß so gut wie Jan Cyndecki, dass es in Polen nicht nur ein Systemversagen, sondern auch organisierte Kriminelle gibt, die mit illegaler Hundezucht Geld verdienen. Sie verkaufen Welpen ohne jede veterinärmedizinische Kontrolle – meist in Deutschland oder anderen westeuropäischen Ländern. Cyndecki spricht ebenso wie der Deutsche Tierschutzbund von regelrechten Hundefabriken. Geht bei der „Hundeproduktion“ etwas schief, werden die Tiere ausgesetzt und landen bei Izabella Dzialak

Sie arbeitet dagegen an, trotz ihres Alters. „Ich kann nicht guten Gewissens aufhören“, sagt sie. Auf dem Balkon kauert eine schmächtige weiße Taube im Schutz einer Holzabdeckung. Die Szefowa bettet die Daunenjacke einer Mitarbeiterin darüber, um den verletzten Vogel im Schneeregen zu wärmen.

„Ich kann das alles kaum ertragen“, sagt Izabella Dzialak und spielt gedankenverloren mit einer Postkarte in ihrer Hand. Es ist ein Spendenaufruf. Die Villa im Wald von Celestynow gehört nicht dem Staat, sondern der gemeinnützigen Gesellschaft zum Schutz der Tiere (TOZ). Haus und Gelände hat eine 1971 verstorbene Tierliebhaberin vererbt. Doch die Gesellschaft ist für den Betrieb auf Spenden angewiesen. „An allen Ecken und Enden fehlt es an Geld, nicht nur für Futter und Material. Meine Leute bekommen sechs Zloty pro Stunde“, sagt Izabella Dzialak – etwa 1,40 Euro. Es sind die Ärmsten der Armen, die sich hier als Tierpfleger ein Zubrot verdienen. Die als Decke missbrauchte Daunenjacke will die Szefowa der Mitarbeiterin ersetzen.

Spenden aus Deutschland

Izabella Dzialak selbst nimmt kein Geld. „Ich habe zu Hause sechs Hunde, vier Katzen, drei Vögel und sogar Wildschweine. Ich bin eine Tier-Mama“, erklärt sie und fügt hinzu: „Ich habe jeden Hund hier gleich lieb. Es ist wie in einem Kinderheim. Man darf niemanden bevorzugen.“ Der Blick wandert hinaus zur Taube. Unten auf dem Hof liefern sich zwei Hunde einen kurzen, aber blutigen Kampf. Hat ihre Tierliebe Izabella Dzialak blind für solche Szenen gemacht?

Vor einem Jahr wollten Amtsveterinäre die „Hundehölle“ in Celestynow schließen. Damals lebten 900 Hunde auf dem Gelände, das nur für 200 ausgelegt ist. „Die Boxen, die Einhegungen, die technische Ausstattung – alles ist in einem erbärmlichen Zustand. Es gibt nicht einmal eine Quarantänestation für neu aufgenommene Tiere“, urteilten die Prüfer, die seit dem EU-Beitritt Polens unter wachsendem Druck stehen. Dzialak mobilisierte die Medien. „Wie kann man etwas zerstören wollen, das vierzig Jahre lang existiert hat?“, fragt sie.

Am Ende rettete die Ausweglosigkeit die Villa. Angesichts der Überfüllung auch der kommunalen Heime habe niemand gewusst, wo die Hunde sonst hin sollten, erzählt Dzialak und lächelt. Tierfreunde, auch aus Deutschland, adoptierten mehr als 500 Hunde aus Celestynow und spendeten viel Geld. Doch noch immer sind mehrere hunderttausend Euro nötig, um alles auf einen tiergerechten Stand zu bringen. „Die Renovierung läuft auf Hochtouren“, sagt Izabella Dzialak und zeigt vom Balkon aus auf fünf nagelneue Verschläge. Ein Verein aus Nordrhein-Westfalen hat die Boxen gespendet. Verloren stehen sie in den Rauchschwaden, die vom Müllfeuer herüberziehen.

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