15.01.2012

Porträt: Das Experiment

Von Marijke Engel
Zeigen statt sprechen: Martin Zierold ist Gebärdensprachendozent und Abgeordneter der Grünen.
Zeigen statt sprechen: Martin Zierold ist Gebärdensprachendozent und Abgeordneter der Grünen.
Foto: Markus Wächter

Martin Zierold ist taub. Und er ist der erste gewählte Abgeordnete in Deutschland, der nicht hören kann. Seit dem Herbst sitzt er für die Grünen im Bezirksparlament von Berlin-Mitte. Das ist eine größere Herausforderung – für ihn, seine Dolmetscher, die Politik-Kollegen und die Gesellschaft.

Man würde sich den Rahmen für ein wegweisendes demokratisches Experiment anders wünschen. Repräsentativer vielleicht. Nicht so rumpelig, so voller Ordner und Umzugskisten, so eng. Bei genauer Betrachtung ist das Sitzungszimmer der Grünen-Fraktion im Rathaus Mitte dann aber doch genau der richtige Ort, weil er so typisch ist in seiner Schmucklosigkeit. Weil die Form erst einmal zweitrangig ist, wenn es um Inhalte geht, ums politische Tagesgeschäft, die Mühen der Ebene. Oder eben darum, wie man im Otto-Park von Moabit die letzten Bäume vor der schon beschlossenen Fällung bewahren kann.

Es ist noch früh, als Martin Zierold hereinfedert. Um das Kinn trägt er einen kleinen Bart und auf der Nase eine große Brille – beides passt modisch ganz gut nach Berlin-Mitte. Er winkt kurz, lächelt freundlich in die noch kleine Runde und richtet sich am vorderen Ende des langen Sitzungstischs ein, mit Laptop, Block und Stift. Die Tagesordnung liegt schon auf dem Tisch, er beginnt darin zu lesen. Zierold ist 26 Jahre alt, von Beruf Gebärdensprachendozent. Und Martin Zierold ist von Geburt an taub. Er ist der erste gewählte Abgeordnete in Deutschland, der nicht hören kann. Der erste und einzige von 80 000. Man könnte also sagen: Zierold selbst ist das Experiment – zunächst einmal für die Dauer einer Legislaturperiode.

Schräg gegenüber von Martin Zierold sitzt Andrea Fischer, die einmal Bundesgesundheitsministerin war und gerne Bürgermeisterin von Mitte geworden wäre. Jetzt führt sie die stärkste Oppositionsfraktion im Bezirksparlament. Auch sie vertieft sich in Papiere, und man wird den Eindruck nicht los, dass sie nur ungern damit aufhört, als sich um sie herum ein Small Talk über Kinder, Kälte und Kollegen entspinnt. Zierold liest ebenfalls in seinen Unterlagen. Er steigt nicht ein in das Geplänkel vor der Sitzung. Das kann er gar nicht, seine Kommunikationsassistentinnen sind noch nicht da. Sie aber sind es, die die Worte der anderen in seine Muttersprache, die Deutsche Gebärdensprache, übersetzen. Und umgekehrt. Sie sind auch Mittlerinnen in die Kultur der Tauben, in der Zierold sich zu Hause fühlt. Martin Zierold ist Außenseiter, eine Ein-Mann-Minderheit innerhalb seiner fünfzehnköpfigen Fraktion.

Der Wille ist da

Wie sich die Mehrheit gegenüber einer Minderheit verhält, das sagt viel über den Grad der Zivilisation. Sei es im kleinen Bezirksparlament oder im großen Weltparlament. Dort, bei den Vereinten Nationen in New York, wurde die Behindertenrechtskonvention verabschiedet. Seit nunmehr drei Jahren ist sie auch in Deutschland Gesetz. In vielen Hundert Unterpunkten wird darin immer wieder das eine Ziel verhandelt: das universelle Menschenrecht auf gleichberechtigte Teilhabe am ganz normalen Leben. Das sperrige Stichwort heißt Inklusion. In Deutschland fällt es bisher vor allem dann, wenn behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden sollen. Es wird auch bemüht, wenn Hörende und Nicht-Hörende zusammen Politik machen sollen.

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