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Rechte Gewalt: Kein schlimmer Land als Sachsen

Am 21. August 2015 vor einer Asylunterkunft im sächsischen Heidenau.

Am 21. August 2015 vor einer Asylunterkunft im sächsischen Heidenau.

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DPA/Arno Burgi

Spinnen die Sachsen? Das werde ich jetzt öfter gefragt. Die Anschläge auf Geflüchtete in Meißen, Heidenau, Bautzen, Clausnitz. Alles in Sachsen. Die Satirezeitschrift Titanic hat die 100, nein 10 anständigsten Sachsen präsentiert: vier Wölfe, Michael Ballack, ein Becher Bautz’ner Senf. Nicht alle Sachsen sind fremdenfeindlich. Natürlich nicht. Aber doch erschreckend viele, denkt die Republik.

Ich wuchs in Sachsen auf. Seit 25 Jahren bin ich zwar fort, aber man wird seine Herkunft ja nicht los. Also glauben Nicht-Sachsen, dass ein Sachse vielleicht erklären kann, was mit den Sachsen los ist. Damit fangen die Probleme schon an. Dass einer Bescheid wissen soll, weil er aus Sachsen kommt – das ist Blut- und Bodendenken. Als wären die Sachsen ein eigener Stamm, als gäbe es ein sächsisch’ Wesen und Wollen. Dietmar Dath hat jüngst in der FAZ geschrieben, Clausnitz zeige, dass Tribalismus Alltag werde. Sachsen dient hier als herausragendes Beispiel für Stammesfehden: „Sie wollen möglichst später arbeits- und obdachlos werden als Fremde, am besten gar nicht, es soll die anderen treffen.“

Prozess der Zivilisation als Mythos

Die Zeit schrieb, man erlebe derzeit eine Art umfassende Entzivilisierung, nicht nur in Sachsen, aber dort doch besonders deutlich: „Clausnitz, auch nur ein Dorf wie viele andere, wirkt wie ein Failed State.“ Ein gescheiterter Staat. Hilft das, Fremdenfeindlichkeit zu verstehen?

Wer einfache Antworten sucht, wird falsche Fragen finden. Es gibt keine geradlinigen Erklärungen, es kommt zu viel zusammen in der mentalen und politischen Krise derzeit. Der Prozess der Zivilisation zum Beispiel hat sich längst als Mythos erwiesen. Jörg Baberowski schreibt in seinem Essay „Räume der Gewalt“, der Mensch werde nicht, was er ist, er sei niemals ein anderer gewesen: „Gewalt ist eine attraktive Handlungsoption, wenn sich Räume öffnen, in denen sie sich entfalten kann.“

Sie öffnen sich gerade wieder. Der diffuse Nachwendefrust im Osten, dazu das verbreitete Gefühl, vernachlässigt zu werden. Aber wieso grassiert das in Sachsen besonders, einem Land, dem es wirtschaftlich hervorragend geht? Stimmt überhaupt, dass Sachsen fremdenfeindlich herausragt?

Gegen „die da oben“

Es gibt Zahlen. Pro Einwohner werden in Sachsen mehr als doppelt so viele Gewalttaten wie in den anderen Ostländern verzeichnet. 2004 holte die NPD 9,2 Prozent bei den Landtagswahlen, knapp hinter der SPD. Zehn Jahre später verpassten sie nach zwei Legislaturperioden zwar den Landtag, aber es fehlten nur ein paar hundert Stimmen. „Das Land leidet seit Jahren unter einer hohen rechtsextremistischen Belastungsquote“, sagt Frank Richter, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung in Dresden.

Aber warum ist das so? Historiker verweisen darauf, dass Sachsen in den 30er-Jahren eine nationalsozialistische Hochburg war. Bereits 2009 veröffentlichte das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung eine Studie: Jeder zweite unter den Berufsschülern gab eine fremdenfeindliche Grundhaltung an.

Das ist nicht neu. In einem umzäunten Backsteinhaus waren in meinem Heimatort Mosambikaner untergebracht. Ich erinnere mich an wenige meiner näheren und ferneren Nachbarn, die sie nicht „Neger“ nannten. Ein oder zwei Mal kam es zu Übergriffen, man jagte sie mit Zaunlatten die Straße hinunter. Rassismus war offiziell zwar verboten, aber alles offiziell Verbotene war verhasst, bei fast allen. Man konnte gegen den Staat sein, indem man gegen vom Staat herbeigeschaffte Fremde war, man grenzte „die anderen“ aus und signalisierte damit Distanz zu „denen da oben“.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die SED-Politik den Nährboden für einen Anti-Antifaschismus legte.

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