Die Ermittler rekonstruieren das Netzwerk der Zwickauer Terrorzelle. Eine neue Spur führt in die extrem militante Neonaziszene Sachsens und zu der rassistischen Gruppe „Weiße Bruderschaft Erzgebirge“.
Bei ihren Ermittlungen zum Umfeld der mutmaßlichen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gehen die Behörden neuen Spuren in die extrem militante Neonaziszene Sachsens nach. Ins Visier gerückt ist nach Informationen dieser Zeitung eine Gruppe namens „Weiße Bruderschaft Erzgebirge“ (WBE). Sie steht der seit dem Jahr 2000 in Deutschland verbotenen, international vernetzten rechtsextremistischen Vereinigung Blood & Honour (Blut & Ehre) nahe.
Bei der Frage, wie die im Februar 1998 untergetauchten Jenaer Neonazis Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt so schnell Kontakt aufnehmen konnten zu Helfern aus dem sächsischen Johanngeorgenstadt, sind die Ermittler einen wichtigen Schritt vorangekommen. Die aus der eher lose organisierten Neonazigruppe „Brigade Ost“ stammenden Mandy S., André E. und Matthias D. hatten dem Trio zwischen Februar 1998 und 2011 mehrere konspirative Wohnungen in Chemnitz und Zwickau besorgt sowie Personaldokumente übergeben, mit denen sich die drei in der Öffentlichkeit bewegen konnten.
"Weiße Bruderschaft" als Bindeglied
Die Fahnder gehen davon aus, dass die „Weiße Bruderschaft“ das Bindeglied war. Ihr gehörten neben dem bereits inhaftierten André E. auch der damalige Freund von Mandy S., Frank S., an. Auch Matthias D. soll Mitglied gewesen sein. Die Ende der neunziger Jahre gegründete WBE pflegte enge Verbindungen zu Thüringer Aktivisten von Blood & Honour. In dieser Szene waren auch Böhnhardt und Mundlos aktiv, die vor ihrem Abtauchen Anfang 1998 B & H-Konzerte mitorganisiert hatten.
Am vergangenen Sonntag waren die Wohnungen von Mandy S., Frank S. und Matthias D. durchsucht wurden. D. war danach festgenommen worden. Die Ermittler glauben, dass die „Weiße Bruderschaft“ dem Trio entscheidende Hilfestellung bei dessen Abtauchen in die Illegalität geleistet hat. Offenbar wurde es den drei Neonazis auch ermöglicht, zeitweise einen Unterschlupf bei Schweizer B & H-Aktivisten zu finden. Tatsächlich führten Mundlos oder Böhnhardt nach 1998 mindestens ein Telefonat aus der Schweiz; außerdem war das Trio bei einem Ostseeurlaub in einem Fahrzeug mit Schweizer Kennzeichen unterwegs. Auch stammt die Waffe, mit der die meisten Taten der Mordserie an Migranten verübt worden waren, aus der Schweiz.
Nur anderthalb Stunden später landet der Attentäter von Oslo auf der Insel Utoya, wo die sozialdemokratische Jugend Norwegens ein Sommercamp veranstaltet. Er erschießt 68 Menschen, die meisten von ihnen sind Teenager.
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Der Attentäter Anders Behring Breivik, hier auf dem Weg zum Gericht drei Tage nach der Tat, gibt an, er habe mit den Anschlägen sein Land gegen den Islam und die linke Politik verteidigen wollen. Breivik war nach Erkenntnissen der Ermittler Mitglied der rechtspopulistischen "Fortschrittspartei" und war im Internet in rechtsextremistischen und islamfeindlichen Foren aktiv.
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Am 19. Januar 2009 werden in Moskau der russische Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow und seine junge Kollegin Anastassja Baburowa auf offener Straße erschossen. Für den Mord werden im Frühjahr 2011 ein junger Mann und eine junge Frau verurteilt.
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Beide gehören einer nationalistischen Bewegung an. Russischen Medienberichten zufolge hatten die beiden sich an dem Anwalt rächen wollen, weil er mehrere Opfer von Schlägern aus dem Neonazi-Milieu verteidigt hatte. Das Bild zeigt ultranationalistische Demonstranten bei ihrem "Russischen Marsch" durch Moskau Anfang November.
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Russische Neonazis werden auch immer wieder für gewalttätige Übergriffe auf Ausländer mit vielen Toten und Verletzten verantwortlich gemacht. Die Opfer sind meist Kaukasier. Die rechte Gewalt gegen Nicht-Russen eskalierte besonders im vergangenen Jahr, nachdem am 6. Dezember ein Hooligan des Fußballclubs Spartak Moskau von einem Mann aus der Kaukasusrepublik Kabardino-Balkarien erschossen worden war.
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2007 wird die Neonazi-Kameradschaft "Sturm 34" verboten. Mehrere Mitglieder (im Bild: Tom W.) werden wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und Körperverletzung angeklagt.
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Bei Hausdurchsuchungen wird nicht nur Nazi-Propagandamaterial sichergestellt, sondern auch Waffen. Die Gruppe wird für mehrere brutale Überfälle auf Ausländer und linke Politiker in der Region Mittweida verantwortlich gemacht. 2008 werden mehrere "Sturm 34"-Anführer zu Haftstrafen verurteilt.
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In einer großangelegten Razzia zersprengt die Polizei im Oktober 2003 in Pinneberg einen deutschen Ableger der britischen Neonazi-Organisation "Combat 18". Einige Mitglieder wurden später wegen Körperverletzung und erpresserischem Handeln verurteilt. Die Terrortruppe formierte sich Ende 1991/Anfang 1992 in London. C18 soll für eine ganze Reihe von gewalttätigen Anschlägen und Mordversuchen verantwortlich sein. Die Zahl 18 steht für die Initialen Adolf Hitlers.
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Die Verhaftung eines deutschen "Combat 18" Mitglieds im Oktober 2003. Die Mitglieder des schleswig-holsteinischen Ablegers bedrohten linke Aktivisten. Unter dem Namen "Redwatch" veröffentlichten auch die britischen Neonazis von Combat 18 eine Todesliste. Einige der darin genannten Personen und Organisationen wurden kurz nach der Veröffentlichung Opfer eines terroristischen Anschlags.
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Bei einem Bombenanschlag auf ein Regierungsgebäude in Oklahoma City am 19. April 1995 sterben 168 Menschen, mehr als 800 wurden verletzt.
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Der Attentäter Timothy McVeigh sympathisierte mit rechtsextremistischen Organisationen. Als Motiv gab der 27 Jahre alte Golfkriegsveteran Hass auf die Regierung an, seine Tat rechtfertigte er als eine militärische Aktion.
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Das "Feld der leeren Stühle" in Oklahoma City erinnert heute an den bis dato folgenschwersten Anschlag der US-Geschichte.
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Am Morgen des 2. August 1980 explodiert eine Bombe im Hauptbahnhof der italienischen Stadt Bologna. Bei dem Anschlag sterben 85 Menschen, mehr als 200 werden verletzt.
Foto: Beppe Briguglio, Patrizia Pulga, Medardo Pedrini, Marco Vaccari
Für das Attentat werden die Neofaschisten der Gruppe "Ordine Nuovo" (Neue Ordnung) verantwortlich gemacht. Der rechten Terrorgruppe, deren Motto der Spruch der Waffen-SS "Unsere Ehre heißt Treue" war, werden weitere blutige Anschläge mit Dutzenden Todesopfern in Italien zugeschrieben.
Foto: Beppe Briguglio, Patrizia Pulga, Medardo Pedrini, Marco Vaccari
Auch das Oktoberfestattentat vom 26. September 1980 war rechtsextremistisch motiviert. Eine Bombe am Haupteingang tötete damals 13 Menschen, mehr als 200 wurden teilweise schwer verletzt.
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Ein Gedenkstein erinnert an die Opfer. Der Bombenleger Gundolf Köhler hatte Verbindungen zur rechtsextremen Wehrsportgruppe Hoffmann und war als Student in Tübingen im rechten Hochschulring Tübinger Studenten aktiv. Dennoch wurde Köhler, der bei dem Anschlag selbst ums Leben kam, von den Behörden als Einzeltäter bezeichnet.
Rechtsextremer Terror ist nicht neu. In den vergangenen Jahren starben bei rechtsextremistischen Anschlägen in Europa und den USA hunderte Menschen. Beispiel Oslo: Im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt gehen am 22. Juli dieses Jahres mehrere Bomben hoch. Dabei sterben acht Menschen.
Am Zug sind nun die Verfassungsschützer aus Thüringen und Sachsen. In Erfurt dürfte dabei die Aktenlage recht ordentlich sein – das Landesamt führte gleich zwei hochrangige V-Leute in der Thüringer B & H-Szene. In Sachsen hingegen hat sich der Verfassungsschutz bereits blamiert. In der letzten Sitzung der Parlamentarischen Kontrollkommission am Dienstag musste der Vertreter des Landesamtes kleinlaut einräumen, von der „Weißen Bruderschaft Erzgebirge“ noch nie etwas gehört zu haben. Dabei kursieren seit 1999 fast 50 Seiten dicke Untergrundmagazine der WBE in der Szene. Die Hefte mit dem Titel „The Aryan Law & Order“ (Arisches Recht und Ordnung) rufen zum Kampf gegen Migranten auf, huldigen dem Ku-Klux-Klan und propagieren den terroristischen „weißen arischen Widerstand“ der B & H-Bewegung.
Ermittler in Franken gehen einem Vorfall vom Mai 2008 nach, der in Verbindung mit der NSU stehen könnte. Damals hatte sich ein 53-jähriger Berliner in Bayreuth eine Schießerei mit der Polizei geliefert und sich dann selbst getötet. In seinem Rucksack fanden sich Lagepläne von Erddepots in Bayern, Sachsen, Thüringen, Brandenburg sowie Österreich. Die Depots enthielten Sprengstoff, Waffen, Zünder und Handgranaten sowie gebrauchsfertige Bomben. Die damaligen Ermittlungen ergaben keinen Hinweis auf einen terroristischen Hintergrund und wurden eingestellt. Jetzt werden die Akten wieder geöffnet.
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