15.12.2011

Rechter Terror: Neue Spur führt in die Nazi-Szene Sachsens

Von Andreas Förster
NPD-Kundgebung im Dezember in Gera.
NPD-Kundgebung im Dezember in Gera.
Foto: dpa
Dresden –  

Die Ermittler rekonstruieren das Netzwerk der Zwickauer Terrorzelle. Eine neue Spur führt in die extrem militante Neonaziszene Sachsens und zu der rassistischen Gruppe „Weiße Bruderschaft Erzgebirge“.

Bei ihren Ermittlungen zum Umfeld der mutmaßlichen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) gehen die Behörden neuen Spuren in die extrem militante Neonaziszene Sachsens nach. Ins Visier gerückt ist nach Informationen dieser Zeitung eine Gruppe namens „Weiße Bruderschaft Erzgebirge“ (WBE). Sie steht der seit dem Jahr 2000 in Deutschland verbotenen, international vernetzten rechtsextremistischen Vereinigung Blood & Honour (Blut & Ehre) nahe.

Bei der Frage, wie die im Februar 1998 untergetauchten Jenaer Neonazis Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt so schnell Kontakt aufnehmen konnten zu Helfern aus dem sächsischen Johanngeorgenstadt, sind die Ermittler einen wichtigen Schritt vorangekommen. Die aus der eher lose organisierten Neonazigruppe „Brigade Ost“ stammenden Mandy S., André E. und Matthias D. hatten dem Trio zwischen Februar 1998 und 2011 mehrere konspirative Wohnungen in Chemnitz und Zwickau besorgt sowie Personaldokumente übergeben, mit denen sich die drei in der Öffentlichkeit bewegen konnten.

"Weiße Bruderschaft" als Bindeglied

Die Fahnder gehen davon aus, dass die „Weiße Bruderschaft“ das Bindeglied war. Ihr gehörten neben dem bereits inhaftierten André E. auch der damalige Freund von Mandy S., Frank S., an. Auch Matthias D. soll Mitglied gewesen sein. Die Ende der neunziger Jahre gegründete WBE pflegte enge Verbindungen zu Thüringer Aktivisten von Blood & Honour. In dieser Szene waren auch Böhnhardt und Mundlos aktiv, die vor ihrem Abtauchen Anfang 1998 B & H-Konzerte mitorganisiert hatten.

Am vergangenen Sonntag waren die Wohnungen von Mandy S., Frank S. und Matthias D. durchsucht wurden. D. war danach festgenommen worden. Die Ermittler glauben, dass die „Weiße Bruderschaft“ dem Trio entscheidende Hilfestellung bei dessen Abtauchen in die Illegalität geleistet hat. Offenbar wurde es den drei Neonazis auch ermöglicht, zeitweise einen Unterschlupf bei Schweizer B & H-Aktivisten zu finden. Tatsächlich führten Mundlos oder Böhnhardt nach 1998 mindestens ein Telefonat aus der Schweiz; außerdem war das Trio bei einem Ostseeurlaub in einem Fahrzeug mit Schweizer Kennzeichen unterwegs. Auch stammt die Waffe, mit der die meisten Taten der Mordserie an Migranten verübt worden waren, aus der Schweiz.

Rechter Terror ist nicht neu

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Am Zug sind nun die Verfassungsschützer aus Thüringen und Sachsen. In Erfurt dürfte dabei die Aktenlage recht ordentlich sein – das Landesamt führte gleich zwei hochrangige V-Leute in der Thüringer B & H-Szene. In Sachsen hingegen hat sich der Verfassungsschutz bereits blamiert. In der letzten Sitzung der Parlamentarischen Kontrollkommission am Dienstag musste der Vertreter des Landesamtes kleinlaut einräumen, von der „Weißen Bruderschaft Erzgebirge“ noch nie etwas gehört zu haben. Dabei kursieren seit 1999 fast 50 Seiten dicke Untergrundmagazine der WBE in der Szene. Die Hefte mit dem Titel „The Aryan Law & Order“ (Arisches Recht und Ordnung) rufen zum Kampf gegen Migranten auf, huldigen dem Ku-Klux-Klan und propagieren den terroristischen „weißen arischen Widerstand“ der B & H-Bewegung.

Ermittler in Franken gehen einem Vorfall vom Mai 2008 nach, der in Verbindung mit der NSU stehen könnte. Damals hatte sich ein 53-jähriger Berliner in Bayreuth eine Schießerei mit der Polizei geliefert und sich dann selbst getötet. In seinem Rucksack fanden sich Lagepläne von Erddepots in Bayern, Sachsen, Thüringen, Brandenburg sowie Österreich. Die Depots enthielten Sprengstoff, Waffen, Zünder und Handgranaten sowie gebrauchsfertige Bomben. Die damaligen Ermittlungen ergaben keinen Hinweis auf einen terroristischen Hintergrund und wurden eingestellt. Jetzt werden die Akten wieder geöffnet.

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