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Ronja Schmitt (CDU): Die jüngste Bundestagsabgeordnete zieht Bilanz

Fototermin im Paul-Löbe-Haus: Ronja Schmitt (CDU) ist derzeit die jüngste Bundestagsabgeordnete.

Fototermin im Paul-Löbe-Haus: Ronja Schmitt (CDU) ist derzeit die jüngste Bundestagsabgeordnete.

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Markus Wächter / Waechter

BERLIN/ULM -

Nach 48 Stunden hatte Ronja Schmitt sich entschieden. Dass sie das alles packt und unbedingt will: ihren Master der Volkswirtschaftslehre abschließen, während sie zwischen Berlin und Baden-Württemberg pendelt. Mitten in der laufenden Legislaturperiode mit der parlamentarischen Arbeit beginnen – und das auch noch als jüngste Abgeordnete im Deutschen Bundestag. Vor einem Jahr war das.

Für Ronja Schmitt, damals gerade mal 25, war es nicht abzusehen, dass eins der wildesten und ereignisreichsten politischen Jahre seit dem Zweiten Weltkrieg folgen würde. Ein Jahr mit Hunderttausenden auf der Flucht, überforderten Politikern, brennenden Notunterkünften und heftigen Debatten darüber, wie es weitergehen soll. Ein Jahr, das die Nation und die CDU in zwei Lager spaltete: in die „Wir-schaffen-das“-Optimisten und die „Nicht-Schaffer“. Ein Jahr, in dem Merkel-Kritiker zu Merkel-Bewunderern wurden – und umgekehrt. Ein Jahr, in dem der CSU-Chef Horst Seehofer die Bundeskanzlerin beim Parteitag öffentlich demütigte, indem er ihre Flüchtlingspolitik kritisierte. Ein Jahr mit besorgten Bürgern, verzweifelten Asylsuchenden, einer Nation zwischen Solidarität, Ressentiments und Rassismus.

„Mit Dankbarkeit und Demut“

All das lag noch in weiter Ferne, als Ronja Schmitt Weihnachten 2014 beschloss, für die CDU als Bundestagsabgeordnete ins Parlament nachzurücken. Wenige Tage zuvor, am 13. Dezember 2014, war der Bundestagsabgeordnete Andreas Schockenhoff mit nur 57 Jahren verstorben – Kreislaufversagen in der Sauna. Schmitt stand auf der Landesliste der CDU Baden-Württemberg auf Rang 19 und wurde damit zu Schockenhoffs Nachfolgerin. Sofern sie nicht, wie ihr die Bundeswahlleiterin telefonisch mitteilte, innerhalb einer Woche schriftlich widerspräche.

„Ich habe mich mit meinen Eltern und Freunden beraten, aber nicht lange gezögert. Ich hatte keine Zweifel an meiner neuen Aufgabe“, sagt sie. „Ich bin ehrgeizig, ich wusste, dass es geht. Auch wenn sich keiner wünscht, so ins Parlament einzuziehen. Der Tod Schockenhoffs war ein Schock.“ Mit Dankbarkeit und mit Demut habe sie diese besondere Aufgabe angenommen, erklärt sie – und klingt dabei sehr viel staatstragender als die meisten 26-Jährigen.

650 Kilometer liegen zwischen dem rauen Berlin und ihrem beschaulichen Wahlkreis an der Donau, am Rand der Schwäbischen Alb, wo sanfte Hügel die Orte rahmen. Hier die kommunale Politik zwischen Straßenneubau, Elektrifizierung der Südbahn und Sanierung einer alten Burg, dort die Debatten über Kriegseinsätze in Syrien, über Kontingente, über Dublin II: Wie bewältigt sie diesen thematischen Spagat? Oder ist das alles miteinander verwoben?

„Mit dem Flüchtlingsthema bin ich auch im Wahlkreis konfrontiert. Wenn ich mit den Bürgermeistern oder dem Landrat spreche, ist das ständig ein Thema. Das bewegt die Region“, erzählt Schmitt. Sie muss die Dinge nicht zusammenhalten, sie kann ihnen gar nicht entgehen, nicht an der Donau, nicht in Berlin. Im Sommer war sie in Notunterkünften unterwegs, sie redete mit den Helfern und den Bürgermeistern, im Herbst debattierte sie im Parlament mit.

Keine Alternative zu „Wir schaffen das“

Ronja Schmitt sagt: „Nach diesem brisanten Jahr fühle ich mich natürlich ganz bei der CDU. Auch wenn es immer wieder unterschiedliche Meinungen innerhalb der Fraktion gibt. Aber das ist jetzt auch nicht unnormal, dass man sich bei Themen wie der Asylpolitik in der Fraktion nicht immer einig ist.“ Viele gute Beschlüsse seien gefasst worden, vieles müsse aber nachgebessert werden. Sie steht hinter Angela Merkel. Zum „Wir schaffen das“ gebe es keine Alternative. Nicht für Merkel, nicht für Schmitt.

Die Jüngste ist sie immer noch. Ronja Schmitt mag diesen Superlativ nur so gar nicht. Sie sagt das nicht. Aber man sieht es ihr an. Sie drückt dann ein wenig die Lippen aufeinander und sagt knapp: „Irgendwann fängt halt jeder mal an.“ Sie will nicht an ihrem Alter gemessen werden, sondern an ihrer Leistung, was sonst. Womöglich treibt sie dieses Alleinstellungsmerkmal besonders an.

Zu Beginn hätten alle gedacht, sie sei zu jung für das Amt, bekennt Thomas Kienle, der CDU-Fraktionsvorsitzende im Ulmer Gemeinderat. Heute gehen Schmitt und Kienle auf viele Termine in der Region gemeinsam. „Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie das kann. Ronja steht hier jeden Tag ihre Frau und bringt als analytische Politik-Erklärerin Dinge auf den Punkt. Deshalb kommt sie so frisch rüber. Das hat hier gefehlt“, sagt er.

Angefangen mit der Politik hat Ronja Schmitt ohnehin schon früh: Nach dem Abitur tritt sie 2009 in die Junge Union in Baden-Württemberg ein, ein Jahr später wird sie Kreisvorsitzende in Calw und CDU-Mitglied. In den kommenden vier Jahren verdoppelt sie die Mitgliederzahl der Jungen Union, bietet eine Schnuppermitgliedschaft an, um jungen Menschen die Politik näherzubringen. In Tübingen engagiert sie sich während ihres Bachelorstudiums der Wirtschaftswissenschaften in der Hochschulpolitik, wird Landesvorsitzende vom Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) in Baden-Württemberg. „Politisch interessiert war ich schon immer. In meinem Elternhaus wurde beim Abendbrot viel über Politik diskutiert“, erzählt Schmitt, die ländlich im Nordschwarzwald, in der kleinen Gemeinde Althengstett, aufgewachsen ist.

Keine Rebellion gegen die Älteren

Doch warum ausgerechnet die CDU? Als junge Frau? Gläubig sei sie, entgegnet sie, sie gehe regelmäßig in die Kirche. „Außerdem stehe ich zu den Grundwerten, für die die CDU steht, vor allem das Prinzip der Subsidiarität: Jeder ist erst einmal für sich allein verantwortlich, der Staat aber schafft dafür die Rahmenbedingungen.“ Wenn Ronja Schmitt von etwas so Wesentlichen wie Weltanschauung spricht, dann schiebt sie mit einem Zeigefinger die große schwarze Brille auf der Nase ein Stückchen höher. Es ist ihr persönliches Ausrufezeichen.

Mit ihr sind es 76 Frauen in der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag. Und 234 Männer. Schmitt ist keine, die gegen die Verhältnisse, gegen die Älteren rebellieren will: „Auch die Jüngeren sind nicht immer gleicher Meinung, nur weil sie jung sind. Ich kenne viele Jüngere, die sind verstaubter als manche Ältere“, sagt sie. Aber über manches müssten Jüngere eben auch nicht mehr debattieren. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es in Westdeutschland eine Diskussion darüber gab, wie viel uns die Wiedervereinigung kosten würde. Als jemand, der damit aufgewachsen ist, würde mir sowas gar nicht in den Kopf kommen.“

Im August stimmte Ronja Schmitt mit einer Minderheit der CDU/CSU-Fraktion gegen das dritte Hilfspaket für Griechenland – und damit auch gegen den Finanzminister und die Bundeskanzlerin. „Mir fehlt das Vertrauen in die Umsetzungsbereitschaft von Reformen der griechischen Regierung“, schrieb sie hinterher als Begründung auf ihrer Homepage. Aus tiefster Überzeugung.

Vor gut einem Jahr hat sie ihr Büro im sechsten Stock des Paul-Löbe-Hauses bezogen. „Langsam kehrt Alltag ein, wenn es überhaupt Alltag in der Politik gibt. Aber ich bin angekommen “, sagt Schmitt. Es gibt die großen Dinge – und auch die ganz kleinen: Wo ist der Drucker? Wer installiert mir meinen Laptop? Wer darf wann in den Sitzungen Fragen stellen? Und es gibt Termine, Termine, Termine. Mehr als 200 hat sie binnen eines Jahres absolviert, dazu die erste Rede im Bundestag gehalten, die Masterarbeit fertig geschrieben und eine Zweitwohnung in Berlin bezogen.

Freizeit? Fehlanzeige

Mit Freizeit ist es erst einmal vorbei. Ab und an geht sie joggen – oder sie kocht. „Das ist aber in Ordnung“, sagt sie schnell, „das hier ist eine besondere Aufgabe.“ Alles andere muss warten: der Freund, die Freunde, die Familie. Ronja Schmitt will Politik machen. Wer auch nur ein Quäntchen Zweifel daran aus ihr herausquetschen möchte, wird nicht fündig werden.

„Einer der bewegendsten Momente für mich in diesem Jahr war meine erste Rede im Bundestag. Das vergisst man nie. Ich war nervös und aufgeregt. Man hofft einfach, dass alles gut geht, man nicht stolpert, sich nicht verspricht“, erzählt sie. Natürlich ging alles gut. Ein souveräner Auftritt mit sparsamer, aber pointierter Gestik – nur die klitzekleinen Versprecher, die ihr in normalen Gesprächen nicht passieren, lassen erahnen, wie aufgeregt sie gewesen sein muss. Danach gab es Applaus.

Im Februar wurde Ronja Schmitt von ihrer Fraktion in den Europa-Ausschuss berufen. Für sie der „Traumausschuss“: „Ich zähle zur Generation Europa. Ich bin ohne unterschiedliche Währungen und mit offenen Grenzen groß geworden. Für meine Generation ist es selbstverständlich, in wenigen Stunden in einer anderen europäischen Großstadt zu sein.“ Sie selbst ist der Beweis: Einen Teil ihres Masterstudiums verbrachte sie im italienischen Pavia.

Für Reisen ins Ausland hat sie momentan allerdings keine Zeit. Präsenz muss sie zeigen, im Wahlkreis 291. Hier soll man wissen, wer Ronja Schmitt ist.

Es ist genau zwei Minuten vor zehn, als Ronja Schmitt mit ihrem blauen Audi um die Ecke biegt. „RS“ – ihre Initialen sind auf dem Ulmer Autokennzeichen zu sehen. Gerade noch hat sie einem Ortsvorsteher einen Besuch abgestattet. Durchgefroren ist sie. In ihrem petrolfarbenen Kleid, dem weißen Blazer, den hohen Schuhen und einem dünnen Mantel hat sie den Termin absolviert.

Hochdeutsch trifft Schwäbisch

Nun trifft Ronja Schmitt Ralph Seibold, den Geschäftsführer der Schapfenmühle in Ulm. Schmitt hört zu, nickt, blickt ernst und konzentriert. Wenn es um Europa geht, fragt sie nach: Wie hoch ist der Lebensmittelstandard? Wird ins Ausland verschickt? Und: „Produzieren Sie auch Spätzlemehl?“ Da ist er plötzlich viel stärker als in Berlin, ihr schwäbischer Dialekt. „Ich bin bilingual aufgewachsen, Hochdeutsch und Schwäbisch“, sagt sie später. Solche Sätze sind rar. Ronja Schmitt schmückt Dinge selten aus. Ihre Antworten sind sachlich und klar. Kein Satz, der angefangen wird und sich verliert. Keine Gesprächspause, die sie nicht aushält und füllen möchte.

Dann muss sie auch schon wieder los: ein Termin an der Hochschule. Von dort geht es weiter ins Ulmer Kornhaus. Der Bundesfinanzminister ist in die Stadt gekommen. Lächelnd begrüßt Ronja Schmitt Wolfgang Schäuble. Dass sie vor einigen Monaten gegen seinen Griechenland-Kurs gestimmt hat, ist längst Vergangenheit. Es reiche aber auch, ein Mal im Jahr gegen die Fraktion zu stimmen, sagt Ronja Schmitt. Im März sind Landtagswahlen in Baden-Württemberg. „Wir wollen die Wahl gewinnen“, ruft sie in Ulm ins Mikrofon, sie schaut in die Menge und macht eine Kunstpause. „Wir werden die Landtagswahl gewinnen!“ Wolfgang Schäuble nickt. Ronja Schmitt kann auch das, was man von ihr erwartet.


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