24.01.2012

Rumänien: Und ewig grunzt das Hausschwein

Von Norbert Mappes-Niediek
Markttag in Roșiorii de Vede, 20 Kilometer westlich von  Călinești. Der EU-Beitritt Rumäniens ist an vielen Bauern fast spurlos vorbeigegangen.
Markttag in Roșiorii de Vede, 20 Kilometer westlich von Călinești. Der EU-Beitritt Rumäniens ist an vielen Bauern fast spurlos vorbeigegangen.
Foto: AFP/DANIEL MIHAILESCU
Călinești –  

Winzige Familienbetriebe und moderne Agrarunternehmen bestehen in Rumäniens Landwirtschaft nebeneinander.

Wimmelbilder von „Tieren auf dem Bauernhof“ hat der Sohn von Nelu und Ionica Lica als kleiner Junge nicht gebraucht. So wie in den großen, bunten Bilderbüchern sieht es nämlich bei den Licas zu Hause aus. Hinter einer niedrigen Stalltür aus schwarzem Holz grunzen die Ferkel, gleich nebenan muhen die drei Kühe, hinter dem Zaun meckern Ziegen. Ein paar Meter weiter über den Hof mit seinem blankgefegten Erdboden picken hinter Maschendraht Hühner und Puten um die Wette. Gleich dahinter liegt der Gemüsegarten, nah und klein genug, um noch mit auf die Bilderbuchseite zu passen. Auf vier hölzernen Pfeilern steht ein Taubenschlag. „Das soll alles so bleiben“, sagt Nelu Lica.

Höfen wie seinem hat es Rumänien zu verdanken, dass das Land nicht selten wie ein großes Bauernmuseum wirkt. Im Norden, an der ukrainischen Grenze, fertigen Frauen in Schwarz und mit Kopftuch ihre Kleider noch selbst an, spinnen Wolle und gerben Felle. In Siebenbürgen ziehen vielerorts auch heute noch Pferde den Pflug, und die Ernte kommt auf Ochsenkarren in die Scheune. Man hält Hühner, Kaninchen, ein Schwein und eine Kuh und bearbeitet einen Hektar Land. „Jedes Haus hat einen kleinen Zoo im Hof“, stöhnte Borsan Viorel, Abteilungsleiter im Landwirtschaftsministerium, vor dem Beitritt Rumäniens zur EU vor fünf Jahren.

Das Partnerland

Rumänien ist in diesem Jahr Partnerland der Grünen Woche in Berlin. Das Land ist hochindustrialisiert, dennoch spielt die Landwirtschaft eine weit größere Rolle als in den meisten anderen EU-Staaten.

Stattliche zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden im Agrarsektor erzeugt. Zum Vergleich: In Deutschland ist es rund ein Prozent.

Jeder dritte Rumäne arbeitet in der Landwirtschaft. In Deutschland ist es nur jeder fünfzigste.

Die Statistik führt drei von je zehn erwerbstätigen Rumänen als „in der Landwirtschaft tätig“. Seit dem Ende des Realsozialismus sind es mehr statt weniger geworden. Gleich nach der Wende 1989/90 wurde das kollektivierte Grundeigentum an die Nachkommen der Kleinbauern zurückgegeben. Volkswirtschaftlich führte diese Rückgabe geradewegs in die Katastrophe: Mit den Genossenschaften brach die produktive Landwirtschaft zusammen. Die Hälfte des Landes blieb brach liegen. Rumänien, das vor dem Ersten Weltkrieg als die „Kornkammer Europas“ galt und am Ufer der Donau die größten Getreidebörsen unterhielt, musste erstmals Weizen importieren.

Eine neue Genossenschaft

„Wir haben damals gehofft, die Enkel der einstigen Kleinbauern würden die winzigen Parzellen irgendwo weit draußen auf dem Lande verkaufen, und so würden wieder größere, produktive Einheiten entstehen“, sagt Liviu Voinea, Wirtschaftsprofessor in Bukarest. Niemand war darauf vorbereitet, dass stattdessen eine Stadtflucht einsetzte: Viele Städter, die arbeitslos geworden waren, kehrten auf die kleinen Höfe ihrer Großeltern zurück, fütterten fortan Schweine und säten Möhren aus. Auf diesem Wege, so schien es, würde nie wieder eine produktive Landwirtschaft entstehen.

Dass es dann doch anders kam; dass es heute wenigstens in der Walachei mit ihrer fruchtbaren Schwarzerde praktisch kein Brachland mehr gibt, liegt weniger an Leuten wie den Licas als an solchen wie den Haitas. Gabriel und Valica waren beide noch keine dreißig, als die Wende kam, sie lebten in Bukarest, er war Anwalt, sie Buchhalterin. „Die Aussichten waren schlecht“, erzählt Valica. So zogen die Haitas zurück in ihr gemeinsames Heimatdorf Călinești. Auf Opas Grundstück installierten sie eine Presse für Sonnenblumenöl – „ohne einen Leu in der Tasche, nur auf Kredit“.

Zehn Jahre hielten sie durch, dann gingen sie pleite mit ihrer Presse. Inzwischen aber waren die jungen Leute aus der Stadt so gut vernetzt, dass sie sich von den alten Leuten im Dorf 700 Hektar Land zusammenpachten konnten. Mit anderen Bauern aus Călinești und Umgebung gründeten sie eine neue Kooperative. In den schäbigen Ställen aus der Zeit der alten Genossenschaft stehen moderne Mähdrescher und ein riesiger John-Deere-Traktor mit 250 PS und Klimaanlage. Der Sohn der Haitas, der 25-jährige Alexandru, ist Geschäftsführer der Kooperative. Er hat – wie auch seine Schwester – Landwirtschaft studiert, hängt ständig im Internet und weiß alles, was man über erfolgreiche Landwirtschaft in Rumänien nur wissen kann. Drei EU-Projekte hat er schon an Land gezogen.

Im Unterschied zu den Licas mit ihrem winzigen Familienbetrieb ist der eifrige Alexandru allerdings nicht so leicht zufriedenzustellen. Nur 123 Euro pro Hektar kriegt die Kooperative von der EU in Brüssel als Subvention, 170 waren versprochen. Das Wasser ist knapp, das macht dem Mais zu schaffen. Die Böden sind zu sauer. Außerdem brauchen sie noch mehr Land, noch einen Mähdrescher und noch einen Traktor.

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