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Tradition: Das älteste Brudermahl der Welt - Die 472. Schaffermahlzeit

Ehrengast der 472. Schaffermahlzeit war Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

Ehrengast der 472. Schaffermahlzeit war Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

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dpa

Bremen -

Wenn rund 300 Männer und sehr, sehr wenige Frauen sich zu einem Brudermahl treffen, das alljährlich seit dem 16. Jahrhundert ausgerichtet wird, wenn sie in einem Rathaus aus der gleichen Zeit zusammenkommen – dann klingt das im guten Sinne nach Tradition, und weniger freundlich gesagt nach einer weltfremden Veranstaltung. Doch wer glaubt, die Bremer Schaffermahlzeit sei aus der Zeit gefallen, hat nicht mit den Kapitänen und Kaufleuten gerechnet, die das stundenlange Mahl zelebrieren und mit ihren Reden aufladen.

Essen – und Spenden sammeln

Und auch nicht mit Frank Walter Steinmeier, dem Außenminister, der als Ehrengast die Welt in die Obere Halle des Bremer Rathauses tragen wird. Als die Halle wenige Minuten vor halb drei geöffnet wird, und die Männer in Frack und Lackschuhen an die langen Tafeln drängen, da beginnt die 472.Schaffermahlzeit nach einem strengen Zeremoniell. Über den Tischen hängen große Schiffsmodelle. Für das vielgängige Menu gibt es nur ein Besteck, Löschpapier neben den Tellern liegt bereit, für die Zwischendurch-Reinigung des Bestecks. Auch die Speisefolge ist althergebracht: Hühnersuppe, Stockfisch, Grünkohl, Kalbsbraten, Rigaer Butt.

Wobei der Butt erst nach knapp fünf Stunden auf den Teller kommt; und die althergebrachten Riten seit dem 16. Jahrhundert vor allem einen Zweck haben: einen Rahmen für den guten Zweck zu bieten. Denn die Schaffermahlzeit ist vor allem eine Spendensammlung für in Not geratene Kapitäne und deren Familien, neuerdings werden auch Nautik-Studenten in Bremen unterstützt.

Die Schaffermahlzeit ist auch ein Ort bürgerlicher Selbstvergewisserung, was bei mehr als zehn Reden an einem Nachmittag nicht überrascht. Aber die Rede, die der 2. Schaffer Joachim Linnemann (Schaffer heißen die Organisatoren des Mahls) nach der Suppe hält, ist alles andere als selbstverständlich.

Die Ansprache hat den traditionellen Namen „Auf Bundespräsident und Vaterland“. Aber wenn man das Vaterland so interpretiert, wie der Bremer Unternehmer Linnemann es tut, dann steht die Schaffermahlzeit mitten in der Zeit. Linnemann redet über Deutschland und die Flüchtlinge und sagt nüchtern: „Ein Vaterland braucht Einwohner.“ Er sagt, dass dieses Land immer von Ein- wie Auswanderung geprägt war, redet über die Deutschen, die im vergangenen Jahrhundert nach Amerika gingen, um ihr Glück zu suchen in einer anderen Welt.

Rauch aus weißen Tonpfeifen

Und er spricht darüber, wie sich die Bundesrepublik durch die Zuwanderung seit vierzig, fünfzig Jahren verändert hat: „Unser Land ist offener geworden. Und Deutschland ist mir dadurch mehr zum Vaterland geworden, als es das in meiner Jugend war.“

Die Kapitäne und die Kaufleute an den Tafeln klatschen lange, was nicht heißt, dass jeder jedes Wort Linnemanns unterstützen wird. Aber die Bremer sind weit gereist und halten es mit Alexander von Humboldt, der gesagt hat, dass die schlimmste Weltanschauung die Weltanschauung der Leute sei, welche die Welt nie angeschaut haben. Linnemann hat mit seiner Rede einen Punkt gesetzt und Frank Walter Steinmeier, der Außenminister, wird daraus einen Doppelpunkt machen, als er nach Stunden am Ehrentisch zu Wort kommt. Ungewöhnlich spät für ihn, er sagt aber, dass er sich noch länger gedulden könne. Die Gespräche mit dem Iran hätten zwölf Jahre gedauert. Vier Stunden warte ein deutscher Außenminister ansonsten nur, wenn es um einen Termin bei Putin gehe.

Das ist nicht so ernst gemeint wie das, was Steinmeier dann sagt: dass sich die Menschen zurzeit sehr für Außenpolitik interessieren, und dass das leider kein gutes Zeichen für den Zustand der Welt sei, wenn die Menschen das tun. „Die Krisen häufen sich, wie ich es noch nicht erlebt habe, sie sind nicht abstrakt und fern, sondern sie sind bei uns angekommen.“ Steinmeier spricht vor den Kapitänen von stürmischen Zeiten. Dann sagt er: „Ich habe die Stürme nicht kommen sehen, und Sie haben es wohl auch nicht.“ Steinmeier ist ehrlich, direkt, er sagt, was Diplomatie kann und was sie nicht kann.

Als die Kapitäne und Kaufleute ihre langen weißen Tonpfeifen entzünden, wie zum Ende jeder Schaffermahlzeit, ist der Außenminister wieder unterwegs zur Münchner Sicherheitskonferenz.


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