25.01.2012

Streit um Stiftungsgelder: Menschen, Tiere und Millionen

Von Matthias Thieme
Im Berliner Zoo haben viele Tiere Unterstützer unter den Besuchern. Menschen, die ihr Vermögen zum Wohl des Tieres verwenden. Ob dieses Nilpferd auch gesponsert wird? Es sieht jedenfalls ganz glücklich aus.
Im Berliner Zoo haben viele Tiere Unterstützer unter den Besuchern. Menschen, die ihr Vermögen zum Wohl des Tieres verwenden. Ob dieses Nilpferd auch gesponsert wird? Es sieht jedenfalls ganz glücklich aus.
Foto: Imago
Berlin –  

Die Berlinerin Erna Thieke gewann eine Millionensumme im Lotto. Das Geld wollte sie den Tieren stiften. Jetzt ist sie alt – und um ihr Geld streiten die Deutsche Bank, der Berliner Zoo und ihr neuer Ehemann.

Am Ende eines Lebens bleibt manchen nur noch der Brillenpinguin. Oder der einsame Braunbär in seinem Gehege. Für Hunderte alte Menschen ist der Berliner Zoo viel mehr als ein Ausflugsziel. Es ist ein Ort, an dem sie soziale Kontakte erleben. Nicht mit Menschen. Aber mit Lebewesen aus Fleisch und Blut. Mit Namen und mit Augen, die einen Blick erwidern können. Zootiere sind oft auch die letzten Freunde vermögender Großstadtrentner. Der Krieger-Witwen aus Wilmersdorf, der Villenbesitzerinnen aus Zehlendorf und dem Grunewald. Wer oft im Zoo ist, kann sie sehen.

Die Affen-Oma, die Großkatzen-Tante, den Zicken-Peter. Sie kommen bei jedem Wetter. Zu jeder Jahreszeit. Es gibt vermögende Witwen, die fahren jeden Tag mit dem Taxi weit durch die Stadt, um dann stundenlang vor dem Affengehege auszuharren. Meist haben sie ein Tier ins Herz geschlossen. Sie beobachten es, machen sich Sorgen. Wie um ein Enkelkind. Und es gibt Rentnerinnen, die den ganzen Tag bei den anmutigen Flamingos verbringen und nur mittags nach Hause fahren, um kurz den mürrischen Ehegatten zu füttern – im Gehege des Eigenheims.

Rund 25.000 Menschen haben eine Jahreskarte für den Berliner Zoo. Einige Hundert kommen täglich. Selbst an Heiligabend harren gut 250 alte Besucher aus, bis die Türen geschlossen werden. Sie feiern mit ihren nächsten Angehörigen, den Tieren. Manche wollen sich am liebsten einschließen lassen. Zoomitarbeiter wissen: Es gibt die Viecher im Gehege und die Begleiter davor. Beide Gruppen sind nicht ganz einfach. Aber nur die draußen haben Geld. Das kann alles sehr kompliziert machen.

Warme und kalte Hände

Manche kleben noch in ihren letzten Stunden ihres Lebens Zettel an den Badezimmerspiegel, setzen Testamente zugunsten von Zootieren auf. „Alle meine Ersparnisse sollen der Aufzucht des Weißbartpekaris und des Schmalstreifenmungos zu gute kommen“, heißt es dann. Doch es gibt immer auch Verwandte, die dann fragen: Alles Geld für die blöden Viecher – und für uns nichts?

Viele haben Bargeld in Kissen und Wandverstecken verborgen. Ist eine gemeinnützige Organisation begünstigt, muss sie oft schneller sein als die Verwandten und Bekannten. Denn wenn einer tot und reich ist, wird nicht viel Rücksicht genommen. Verschwinden Beträge. Bricht Streit aus. „Mit warmen Händen geben ist eine gute Sache, mit kalten Händen gibt es Streit“, lautet eine Weisheit von Testamentsvollstreckern. Deshalb sind auch dem Zoo die Spender lieber, die zu Lebzeiten ihre Finanzen ordnen.

Rund sechs Millionen Euro bekam der Zoo etwa im Jahr 2009 durch Spenden, Nachlässe, Testamente und Zustiftungen. Der Zoo kümmert sich um Wohltäter. Besucht sie zu Hause, im Altenheim. Der Zoo ist unter betagten Spendern bekannt für seine Dankbarkeit. Selbst nach deren Tod zeigt er sich erkenntlich und pflegt deren Gräber. Bei rund 30 Verstorbenen wird das so gemacht. Es existieren sechs Stiftungen zugunsten des Zoos, ausgestattet mit Millionensummen. Sie sollen ihr Kapital erhalten. Bald 170 Jahre gibt es den Zoo. Heute ist er eine Aktiengesellschaft, mit jährlichen Einnahmen um die 25 Millionen Euro und rund fünf Millionen Euro Gewinn.

Ein Unternehmen mit 300 Mitarbeitern und 18.000 Tieren. Die Stiftungen sollen bis in kommende Jahrhunderte Geld ausschütten. Still und kontinuierlich, denn große, einmalige Geldgeschenke sind eher ein Problem. Lesen die potenziellen Spender von einer großzügigen Geldgabe, halten sie sich im Folgejahr zurück. Nach der Knut-Hysterie brachen die Erlöse aus Testamenten und Nachlässen im Jahr 2010 um rund zweieinhalb Millionen Euro ein, das war ein Minus von 41 Prozent. Deshalb sind diskrete Stiftungen dem Zoo viel lieber: das Geld fließt leise bis in die Ewigkeit und schreckt weitere Spender nicht ab.

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