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Studie „Im Osten auf Wanderschaft“: Ostdeutsche Städte wachsen wieder

Ein verwitterter Anstrich mit dem Schriftzug «Aufschwung Ost» und den deutschen Nationalfarben an einer Schallschutzwand in Magdeburg.

Ein verwitterter Anstrich mit dem Schriftzug «Aufschwung Ost» und den deutschen Nationalfarben an einer Schallschutzwand in Magdeburg.

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dpa

Reiner Klingholz hatte am Dienstag eine Nachricht parat, die nicht ganz neu ist, aber zunächst immer noch besticht. Die Abwanderung aus dem Osten Deutschlands sei gestoppt, sagte der Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Seit 2012 zögen mehr Menschen aus Westdeutschland und dem Ausland in den Osten als umgekehrt. „Wir haben eine Trendwende“, frohlockte er.

Klingholz stellte gemeinsam mit der Ostbeauftragten der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), eine rund 70seitige Studie vor mit dem Titel: „Im Osten auf Wanderschaft.“ Deren Ergebnisse sind indes auf den zweiten Blick nicht so positiv, wie es auf den ersten Blick scheint.

Lage in 120 Orten „dramatisch“

Zwar ist der Prozess des Ausblutens der neuen Länder tatsächlich an ein Ende gekommen. Allerdings haben sie seit dem Mauerfall netto immerhin 1,8 Millionen Frauen und Männer verloren, darunter viele junge. Einige Regionen zählen um bis zu 40 Prozent weniger Einwohner als ehedem. Das wiederum hat zur Folge, dass es dort auch weniger Menschen gibt, die neue Kinder bekommen können. Zudem profitieren der Studie zufolge in erster Linie Städte wie Leipzig, Dresden, Jena, Erfurt und Potsdam von der guten Entwicklung. In 85 Prozent der Gemeinden überwiege hingegen unverändert die Abwanderung. Bei alldem ist Sachsen-Anhalt Schlusslicht. „Dramatisch ist die Lage in jenen 120 Orten, in denen im Jahr 2013 Menschen aller Altersklassen abwanderten, die also weder für junge Menschen noch für Familie oder Ältere attraktiv sind“, schreibt Klingholz. In sich ist das Bild sehr differenziert.

Die 18- bis 24-jährigen ostdeutschen „Bildungswanderer“ müssen schon längst nicht mehr in den Westen gehen, um studieren zu können und tun es auch nicht. Sie finden in Leipzig, Dresden oder Jena ebenso reizvolle Bedingungen vor wie in Ilmenau oder Köthen. Ost-Unis wie etwa Greifswald sind für West-Studenten gleichfalls attraktiv.

Arbeitsmarkt im Westen weiter deutlich attraktiver

Anders sieht es bei den 25- bis 29-Jährigen aus – jenen also, die ihr Studium oder eine Berufsausbildung abgeschlossen haben und nun nach einer festen und womöglich lukrativen Stelle suchen. Die Gruppe ist nach Angaben der Studie die einzige, die auch 2013 im Saldo abgewandert ist. Denn im Westen ist der Arbeitsmarkt nach wie vor deutlich attraktiver. Die von Klingholz so genannten „Berufswanderer“ sind zudem die bedeutsamsten unter allen, weil sich an ihnen die Attraktivität einer Region ablesen lässt und ihr Verlust deren Attraktivität weiter mindert.

Als dritte Gruppe erwähnt die Studie die „Familienwanderer“ zwischen 30 und 49 Jahren mit unter 18-jährigen Kindern. Sie bleiben in der Nähe und ziehen auch gern mal aufs Land, sofern Jobs und Infrastruktur vorhanden sind. Freilich können sie den Verlust an Bildungs- und Berufswanderern nicht ausgleichen. Dann gibt es da noch die als solche titulierten „Empty-Nest-Wanderer“ jenseits der 50, bei denen die Kinder aus dem Haus sind. In dieser Kategorie verzeichnete der Osten 2013 einen Nettozustrom von 3000 Menschen. Den Gewinn teilen sich Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen. Die Mobilität in dieser Gruppe ist aber sehr gering. Nur jede zwölfte Wanderungsbewegung geht auf ihr Konto.

Ostdeutschland ein Magnet für „Ruhestandswanderern“

Das ist bei den „Ruhestandswanderern“ umgekehrt. Unter ihnen ist Ostdeutschland ein Magnet – besonders die mittelgroßen Städte zwischen 10 000 und 50 000 Einwohner, allen voran Görlitz oder Weimar. Ein maßgebliches Kriterium bei der Auswahl ist die Infrastruktur, die Senioren brauchen. Auch unter den „Ruhestandswanderern“ ist ein Wanderungsüberschuss zu verzeichnen.

Zu Guter Letzt sind da noch die Flüchtlinge, die die Statistik kurz- und mittelfristig verzerren. Wie viele von ihnen langfristig im Osten Wurzeln schlagen, hängt wesentlich davon ab, wo Angehörige sind, wo es Arbeitsplätze und preiswerten Wohnraum gibt – und ob so etwas wie eine Willkommenskultur existiert. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass viele Flüchtlinge aus Ostdeutschland ab- und in westdeutsche Großstädte einwandern – dorthin, wo bereits Landsleute leben.

Unterm Strich bedeutet das: Ländliche Gegenden haben Probleme, während Großstädte und deren Umland oft boomen. Doch während die Ost-Beauftragte Gleicke für „pfiffige Lösungen“ auf dem Land plädiert, setzt Klingholz einen anderen Akzent. Er findet, dass kleinere Orte von ihren Bewohnern aufgegeben würden, sei „eine kaum noch zu vermeidende Folge eines Strukturwandels, von dem die Gesellschaft als ganze nur gewinnen kann“. Die Geschichte beweise überdies, dass sich der Wandel selbst nicht verhindern lasse.


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