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Twitternde Schülerin: Unterschiedliche Reaktionen auf die Unterrichtskritik

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Hahn

Köln -

„Wir nehmen das sehr ernst, wenn die Schülerin sagt, sie lernt etwas, aber es fehle ihr noch etwas.“ Mit diesem Statement reagierte am Mittwoch NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) gegenüber dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ auf den Tweet der 17 Jahre alten Kölner Gymnasiastin Naina, die die Alltagsferne des Schulunterrichts beklagt hatte (wir berichteten). „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen“, schrieb sie beim Kurznachrichtendienst Twitter: „Aber ich kann ’ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“

„Schule hat“, so Löhrmann weiter, „einen ganzheitlichen Bildungsauftrag. Deshalb erlernt man dort Basiskompetenzen, die fit machen sollen für das Leben.“ Um den Anwendungsbezug zu erleichtern, knüpfe guter Unterricht an die Lebenswirklichkeit der Schüler an: „In diesem konkreten Fall also dürfte die Schülerin das Lesen und Textverständnis erlernt haben.“

Die Debatte, so die Schulministerin, „trifft uns nicht unvorbereitet, denn wir stärken die Verbraucherkompetenzen, das kommt den Alltagskompetenzen der Schülerinnen und Schüler zugute.“ Schule könne allerdings nicht immer alles alleine lösen, „es sind natürlich auch die Eltern gefragt“.

Insgesamt stieß der Tweet, der sich im Internet wie ein Lauffeuer verbreitete, auf ein starkes Echo: Bis zum Mittwochnachmittag wurde er 21 000 mal favorisiert und 12 000 mal geteilt. Dabei gab es positive und negative Reaktionen: Er könne, schrieb ein Follower, „mit meinen Bewerbern, die jetzt aus der Schule kommen, nie was anfangen, weil sie von NICHTS ’ne Ahnung haben“. Ein anderer meinte: „Manche Erfahrungen muss man selber machen, und Eigenverantwortung kann einem auch keiner beibringen.“

Aus der Politik und den Lehrerverbänden kommen eher zurückhaltende Reaktionen. Sicher müssten, ließ Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) in Berlin mitteilen, in der Schule stärker Alltagsfähigkeiten vermittelt werden. Es bleibe aber wichtig, Gedichte zu lernen und zu interpretieren.“ Ähnlich äußerte sich Peter Silbernagel, Vorsitzender des NRW-Philologenverbandes: „Schule kann nicht auf alles 1 zu 1 vorbereiten.“

Verständliche Retweets

Wohl aber habe sie den Anspruch, Schüler in den Stand zu versetzen, sich neuen Herausforderungen in der Lebenswelt zu stellen: „Die Schule kann nicht beibringen, wie man Schneeketten montiert. Sie kann aber dafür sorgen, dass Schüler kompetent die einschlägige Gebrauchsanleitung lesen.“ Wirtschafts- und Rechtsfragen könnten immerhin in einem Fach wie Sozialkunde behandelt werden.

Sinnlos sei es aber, neue Schulfächer einrichten zu wollen. Im übrigen sollten Gedichtinterpretationen, die auch eine bestimmte Form der Welterschließung leisteten, nicht gegen Mietverträge ausgespielt werden: „Eine Gedichtanalyse kann sich der Schüler nicht selbst beibringen, wohl aber das Ausfüllen von Formularen – wenn man ihm die entsprechenden Basisqualifikationen vermittelt hat.“

Wenig überrascht zeigte sich Silbernagel vom Erfolg des Tweets: „Viele erkennen in diesem Alter noch nicht, warum es wichtig ist, sich mit Dingen jenseits alltagspraktischer Notwendigkeiten zu beschäftigen.“

Auch Dorothea Schäfer, NRW-Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), hat Bedenken gegen Nainas Kritik. Zwar würden an Gymnasien weniger praktische Dinge unterrichtet als an anderen Schultypen. Gerade in der Oberstufe lernten die Schüler aber, wie sie sich selbst Informationen beschaffen könnten – vor allem in Zeiten des Internets.