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Übergriffe an Silvester in Köln: „Sie begrapschten uns, packten unter die Kleidung, machten die Hose auf“

Die Pressemitteilung der Kölner Polizei vom 1. Januar

Die Pressemitteilung der Kölner Polizei vom 1. Januar

Sie hätten ihm einfach nur leid getan, die vier Polizisten vor dem Domportal, erinnert sich Jochen N. an die Silvesternacht. Wie verloren standen die Beamten gegen 22 Uhr neben ihren Streifenwagen. Um sie herum flogen Silvesterraketen gegen den Dom, junge, arabisch aussehende Männer warfen Böller in die Menschenmenge, sie pöbelten und tranken Alkohol, erzählt N. Zwei Stunden später sei er nach Hause gefahren. Außer den vier ratlosen Polizisten vor dem Dom habe der 55-Jährige in jener Nacht keine weiteren Beamten gesehen.

Viele Menschen haben dieser Zeitung ähnliche Beobachtungen aus der Skandalnacht am Hauptbahnhof geschildert. Der Tenor ist immer gleich: zu wenig Polizei – und die Beamten, die da waren, waren letztlich überfordert.

Aber wie passt das zusammen mit der offiziellen Darstellung von Behördenleiter Wolfgang Albers? 143 Beamte waren in der Spitze am Bahnhof im Einsatz, plus 70 von der Bundespolizei – eine ausreichende Zahl, sagt Albers. Ausreichend für was?

Nach allem, was bisher bekannt ist, wurden mindestens hundert Frauen überfallen und ausgeraubt, jede vierte auch sexuell belästigt. Festnahmen gelangen der Polizei in der Nacht nicht. Nun muss eine Ermittlungsgruppe mühsam Zeugenaussagen und Film- und Fotodateien auswerten, um wenigstens noch den ein oder anderen Täter zu identifizieren.

„Die haben uns nur weggeschickt“

Einzelne in Köln untergebrachte Flüchtlinge haben berichtet, dass sie sich gemeinsam mit anderen Mitbewohnern aus Kölner Unterkünften in der Silvesternacht am Hauptbahnhof aufgehalten hätten. Ein aus Afghanistan stammender Mann sagte, er sei am Tatabend auf dem Bahnhofsvorplatz gewesen. Er habe sich mit anderen Flüchtlingen dort aufgehalten und Alkohol getrunken, Diebstähle habe er aber nicht begangen, und auch keine Frauen belästigt. Nach ihrer Beobachtung seien an diesem Abend auch junge Flüchtlinge aus anderen Kölner Heimen zum Dom und Hauptbahnhof gekommen, sagte er.

Zwei 18-jährige Gymnasiastinnen aus Remscheid berichten, sie seien um 0.20 Uhr unterhalb der Domplatte von einem Pulk aggressiver Männer umzingelt worden. „Es war wie eine Wand, die sich um uns bildete. Sie pöbelten, begrapschten uns, packten uns unter die Kleidung, machten die Hose auf. Es war widerlich und erniedrigend.“ Als sie sich nach zehn Minuten befreien konnten, so schilderten die beiden Abiturientinnen dem „Remscheider General-Anzeiger“, hätten sie vier Polizisten in der Nähe angesprochen. „Wir wurden von den Beamten nicht ernst genommen. Die haben uns nur weggeschickt.“

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Polizei auf die Vorfälle reagierte.

Ähnliches berichtet eine 22-jährige Frau, die mit ihrer Freundin vor dem Club Alter Wartesaal von einer Gruppe junger Männer massiv bedrängt wurde. Auch sie habe kurz darauf Hilfe bei Polizisten gesucht. Aber auch die hätten keine Zeit gehabt, weil sie die Domplatte absperren mussten, hätten ihr nur geraten, die Sektflasche in der Hand zu behalten, um sich verteidigen zu können. „Die Polizisten waren überfordert und verglichen mit den Tätern deutlich in der Unterzahl“, erinnert sich die 22-jährige Frau.

Ein Polizist, der vor dem Bahnhof im Einsatz war, berichtete dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, auch ihn habe eine Frau angesprochen, die kurz zuvor von Männern überfallen worden war. „Ich war gerade dabei, die Personalien von einem Verdächtigen wegen einer anderen Straftat aufzunehmen. Ich hatte schlicht keine Zeit. Ich konnte sie leider nur bitten, Anzeige auf einer Wache zu erstatten.“

30 Kollegen mehr als im vorigen Jahr

Dabei, betont der Beamte, sei die Polizei eigentlich „tipptopp“ vorbereitet gewesen für eine gewöhnliche Silvesternacht. „Es waren sogar 30 Kollegen mehr eingesetzt als letztes Jahr.“ Aber von diesem Tumult und von dem Mob sei man völlig überrascht worden. Als der Einsatzleitung irgendwann nach ein Uhr der Ernst der Lage klar geworden sei, sei es zu spät gewesen, um zum Beispiel aus Nachbarstädten weitere Beamte nachzuordern. „Es hätte in dieser Situation im Grunde nur eine Alternative gegeben“, sagt der Beamte, die Ultima Ratio: „Lagebereinigung, also knüppeln statt festnehmen.“

Aber Polizisten, die vor dem Dom auf 1000 Araber und Nordafrikaner einprügeln – diese Bilder wären „absolut verheerend“ gewesen, so der Beamte.

Josef K. aus Erftstadt besuchte mit seiner Frau den Silvestergottesdienst im Dom. Als die beiden gegen 20 Uhr aus der Kirche traten, sei ihnen inmitten der aggressiven Menschenmasse, der unkontrollierten Böllerwürfe und Raketenabschüsse, derart unwohl gewesen, dass sie den Rest des Abends entgegen ihrer Planung nicht in Köln verbrachten, sondern nach Hause fuhren.

„Es erstaunt mich“, sagt Josef K. im Nachhinein, „dass die Polizisten das Gewaltpotenzial nicht erkannt haben. Sie hätten schon um 20 Uhr erste Maßnahmen einleiten müssen.“ Erst kurz vor Mitternacht entschloss sich die Einsatzleitung, die Treppe zwischen Dom und Bahnhofsplatz zu räumen, um eine Massenpanik zu verhindern. Nach allem, was Zeugen schildern, könnte diese Sperrung den Tätern unbeabsichtigt sogar noch in die Karten gespielt haben. In der plötzlich entstandenen Enge zwischen Altem Wartesaal und Hauptbahnhof soll es zu zahlreichen Übergriffen gekommen sein.

Als Hohn empfanden Zeugen und Opfer die Pressemitteilung der Polizei am Neujahrsmorgen: Die Einsatzlage sei entspannt gewesen, heißt es darin – „auch weil sich die Polizei gut aufgestellt und präsent zeigte“.

Diese Auskunft sei falsch gewesen, räumte Albers am Dienstag ein, vier Tage später. Ein „interner Kommunikationsfehler“ habe dazu geführt.

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