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Vergewaltigung in Indien: Fünf Männer wegen Mordes angeklagt

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Die mutmaßlichen Vergewaltiger einer jungen Inderin müssen sich seit heute vor Gericht verantworten. Ein faires Urteil ist nicht zu erwarten, denn die Öffentlichkeit fordert unablässig die Todesstrafe. Nun dringen auch neue Details zu den Tätern an die Öffentlichkeit.

"Lasst sie leiden! Kastriert die Vergewaltiger!“ Forderungen wie diese standen auf den Plakaten, die die Demonstranten in Indien in den vergangenen Tagen den Kameras entgegengehalten haben. Die Politik hatte mit massivem Polizeieinsatz, aber ansonsten anfangs mit Gleichgültigkeit und Arroganz auf die Proteste nach der brutalen Vergewaltigung der 23-jährigen Studentin reagiert.

Nachdem die junge Frau ihren schweren Verletzungen jedoch erlegen war, versprach Premierminister Manmohan Singh eiligst höhere Strafen für Sexualverbrechen und gab einen entsprechenden Gesetzesentwurf in Auftrag. Auch von einer chemischen Kastration für Vergewaltiger war die Rede. Fünf neue Schnellgerichte wurden geschaffen, und die Ermittler beeilten sich mit der Abfassung der Anklageschrift gegen die sechs verdächtigen Männer. Der 1 000-seitige Schriftsatz wurde rasch vorgelegt.

Die indische Bevölkerung protestiert seit Wochen gegen Gewalt gegen Frauen.
Die indische Bevölkerung protestiert seit Wochen gegen Gewalt gegen Frauen.
Foto: dpa

Fünf neue Schnellgerichte

Am Donnerstag, fünf Tage nach dem Tod der Studentin, wurde nun in Neu Delhi Anklage wegen Mordes, Vergewaltigung und Entführung gegen fünf Beschuldigte erhoben. Sie sollen außerdem versucht haben, nach der Tat Beweismittel zu vernichten. Bei dem sechsten Tatverdächtigen wird nach Polizeiangaben noch geprüft, ob er erst 17 Jahre alt, also minderjährig ist. Die Behörden prüfen seine Knochendichte. Das Ergebnis wird darüber entscheiden, ob bei ihm das Erwachsenenstrafrecht angewandt werden darf oder er vor ein Jugendgericht muss.

Den volljährigen Beschuldigten droht die Todesstrafe. Eines der neuen Schnellgerichte soll über sie urteilen. Das Verfahren werde laut Medienberichten am Sonnabend beginnen.

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Die Richter werden es nicht leicht haben, zu einem fairen Urteil zu gelangen – die Öffentlichkeit verlangt, die Täter zu hängen. Auch der Bruder und der Vater des Opfers forderten die Todesstrafe. Die Chancen der erwachsenen Angeklagten, dass sie eine lebenslängliche Haftstrafe anstelle der Todesstrafe bekommen, sind nahezu aussichtslos: Spätestens 2014 stehen allgemeine Wahlen in der größten Demokratie der Welt an. Und die regierende Kongresspartei kann sich nach der Vergewaltigung und den Protesten nicht erlauben, in der Frage von Recht und Ordnung als weich zu erscheinen. Sie dürfte daher all ihren Einfluss geltend machen und auf die Todesstrafe dringen.

Wie stark dieser Einfluss sein kann, musste zuletzt der 26-jährige Ajmal Kasab erfahren. Der einzige Attentäter, der den Terroranschlag vom 26. November 2008 in der Wirtschaftsmetropole Bombay überlebte, starb am 21. November 2012 an einem Galgen im Gefängnis der indischen Stadt Pune. Auch dieser Fall war mit ungewöhnlicher Geschwindigkeit durch alle Instanzen gepeitscht worden. Es war die erste Hinrichtung in Indien seit 2004 – und das Ende der inoffiziellen Aussetzung der Todesstrafe. Zuvor war die Höchststrafe nur sehr selten verhängt worden. Justiz und auch das Amt des indischen Staatspräsidenten hatten nämlich im zurückliegenden Jahrzehnt stets mit allen bürokratischen Mitteln versucht, ein solches Urteil zu verhindern.

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Seit der Hinrichtung von Kasab aber ist die Todesstrafe wieder ein populäres Thema. Viele Politiker sahen die Chance, mit der Forderung danach um Popularität zu buhlen. „Für die Politik ist es leicht, die Todesstrafe zu fordern“, sagt Meenakshi Ganguly von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Bombay. Schwerer zu vermitteln und umzusetzen seien dagegen die unbedingt notwendigen Reformen bei der Polizei, bei der Rechtsprechung und im Gesundheitssystem. Indiens oberster Richter Altamas Kabir warnte am Donnerstag vor einer „Lynch-Mob-Mentalität“.

Demütigende Schikane

Wie notwendig Reformen vor allem beim Opferschutz wären, zeigen die Demütigungen, die vergewaltigte Frauen erleiden müssen. Bestehen sie – dem sozialen Druck trotzend – auf gerichtlicher Verfolgung des Täters, dann wartet oftmals der berüchtigte sogenannte Zwei-Finger-Test auf sie: Damit soll ermittelt werden, ob das Vergewaltigungsopfer „an sexuellen Verkehr gewöhnt“ sei. Auch gibt es auf der Ermittlerseite erhebliche Defizite. So besitzt Indien viel zu wenige forensische Labors, um nach Vergewaltigungen Spuren auszuwerten.

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