15.11.2011

Vorsitzender der Türkischen Gemeinde: "Der Begriff Döner-Morde macht mich wütend"

        

 Kenan Kolat, 52, ist seit 2005 Bundesvorsitzender der TürkischenGemeinde in Deutschland.
Kenan Kolat, 52, ist seit 2005 Bundesvorsitzender der TürkischenGemeinde in Deutschland.
Foto: dpa/Gero Breloer

Kenan Kolat, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland vermisst eine gesellschaftliche Debatte über Rassismus in Deutschland. Er fordert eine Reaktion der Zivilgesellschaft und eine Geste der Kanzlerin auf die rechten Morde.

Herr Kolat, Jahre lang war die Rede von „Döner-Morden“, die eingerichtete Ermittlungskommission hieß „Bosporus“. Es wurde der Eindruck erweckt, das ist eine Angelegenheit unter Türken. Was empfinden Sie, wenn Sie nun erfahren, dass es sich um eine rechtsterroristische Mordserie handelt?

Ich bin geschockt über das, was da bekannt geworden ist. Ich habe Solingen wieder vor Augen und ich muss an die Opfer denken. Der Begriff Döner-Morde macht mich wütend. Er war schon immer falsch, aber wie kann man ihn weiter gedankenlos benutzen und nicht einmal nach den Opfern fragen? Stattdessen wurden sie noch verunglimpft, indem man ihnen Straftaten andichtete. Wer entschuldigt sich nun bei den Hinterbliebenen?

Sie fordern eine öffentliche Entschuldigung?

Ja, ich fordere eine öffentliche Entschuldigung. Ich wundere mich auch, dass die Kanzlerin noch keine Worte der Anteilnahme gefunden hat, wie mir überhaupt die menschliche Anteilnahme fehlt. Es ist eine sehr technische Diskussion, die jetzt wieder geführt wird. Aufklärung ist das eine, aber ich erwarte auch eine Geste der Regierung für die Hinterbliebenen.

Ist der Rassismus, der sich hier Bahn bricht, überall virulent?

Er ist in jedem Fall keine singuläre Erscheinung. Wir beobachten doch eine Serie von rassistischen Übergriffen. Die rassistischen Morde jetzt stehen in einer Reihe mit Mölln, Rostock und Hoyerswerda. Wir müssen über diesen rechtsradikalen Rassismus sprechen, viel mehr, als das bisher der Fall ist.

Ist nicht im Zusammenhang mit der Debatte um Thilo Sarrazin oft und viel darüber gesprochen worden?

Als ich die Diskussion darüber beginnen wollte, hat man mir vorgeworfen, ich käme immer mit der Rassismus-Keule. Aber darum geht es, dieser Rassismus, der tötet, muss auf die Tagesordnung. Wir müssen die Hintergründe anschauen, auch den Populismus, der dahinter steht. Wo sind die Menschen, die dagegen aufstehen?

Vermissen Sie die Anteilnahme der Öffentlichkeit?

Wo bleiben die Reaktionen der Gewerkschaften und Kirchen? Einzig der Zentralrat der Juden hat sich bislang an unsere Seite gestellt. Dafür bin ich ihm dankbar. Ich erwarte eine Reaktion der zivilgesellschaftlichen Kräfte. Sie müssen von sich aus aktiv werden und sich einsetzen, nicht nur für uns Türken, für die gesamte Gesellschaft. Ich hoffe auf die Solidarität aller Demokraten in diesem Land. Aber ich habe auch Angst, allein da zu stehen.

Wie groß ist die Bedrohung, die Sie empfinden?

Ich bin fassungslos, dass hier Menschen auf offener Straße erschossen werden. Wo leben wir denn? Wie krank muss ein Täter sein, der Menschen wahllos erschießt, Türken, auch einen Griechen und eine deutsche Polizistin. Das ist furchtbar.

Was fordern Sie von den Verantwortlichen?

Wir fordern eine Aufklärung der Morde bis ins kleinste Detail. Das muss öffentlich geschehen und nicht hinter verschlossenen Türen. Und ich erwarte Anteilnahme auch von der Bundesregierung. Die Bundeskanzlerin könnte die Hinterbliebenen einladen. Das wäre eine Geste, wie ich sie erwarten würde.

Interview: Katja Tichomirowa

Anzeige
Prognosen und Ergebnisse
Dossier zur NRW-Wahl

Hannelore Kraft ist die Stärkste im Land. Und wie geht es jetzt weiter? Lesen Sie in unserem Dossier alle Hintergründe, Nachrichten und Analysen zur NRW-Wahl.

Weblog
Frank Nordhausen ist für die Berliner Zeitung in der Türkei.

Frank Nordhausen ist Korrespondent in Istanbul und versucht jeden Tag mehr zu verstehen, wie die Riesenmetropole tickt. Er erzählt von Menschen zwischen den Welten, von Nähe und von Ferne, von Okzident und Orient. Vom Leben unter Türken, das sich hier ganz anders anfühlt als in Neukölln. mehr...

US-Vorwahl
Macht mit unaufgeregten Worten deutlich, wer das Land führen kann: Barack Obama.

Die Republikaner suchen den Mann, der gegen Präsident Obama antreten kann. Bisher liegt Mitt Romney vorn, doch gelaufen sind die Vorwahlen für ihn noch nicht. Alles zum Rennen lesen Sie in unserem Dossier. mehr...

Anzeige
Anzeige
US-Wahlkampf: Wer wird Obamas Gegner?

Wie laufen die Vorwahlen der US-Republikaner? Wer wird Obamas Gegner? Unsere interaktive Grafik hält Sie auf dem neuesten Stand.

Galerie
Neuste Bildergalerien Politik
Dossier
        

Uwe Mundlos (38)galt als der Gebildete in  der Gruppe. Seine Lehrerin beschrieb den Professorensohn als sehr höflich. Weiter heißt es über ihn, er sei ein aufgeschlossener Typ gewesen, rhetorisch begabt und politisch interessiert.

13 Jahre lang überziehen Rechtsextreme der Zwickauer Zelle das Land mit Morden, Bombenanschlägen und Überfällen. Ermittler und Verfassungsschutz stehen in der Kritik. Analysen, Zeittafel und Karte im Dossier zum Neonazi-Terror. mehr...

PI & Co
Das Bündnis Pro Deutschland gehört zu dem Dunstkreis um die Blogger von Politically Incorrect.

Radikales Gedankengut erreicht unter dem Deckmantel von Islamkritik das bürgerliche Lager. In unserem Dossier informieren wir Sie über die Machenschaften der Blogger von "Politically Incorrect" und ihre Vernetzung in der rechtsextremen Szene. mehr...

Aktuelle Videos
Meistgeklickte Artikel
Neue Wohnhäuser am Alexanderplatz: ein erster Entwurf für den knapp 6000 Quadratmeter großen Standort des Parkhauses an der Keibelstraße.
Bauprojekte am Alexanderplatz 
        

Migrantenfamilien fällt es aus traditionellen Gründen besonders schwer, Oma und Opa ins Heim zu geben.
Aus für Interkulturelles Pflegehaus 
        

Hilfestellung: Hertha-Präsident Werner Gegenbauer (r.) unterstützt Manager Michael Preetz nicht nur bei der Verbesserung seines Golf-Handicaps.
Hertha BSC Berlin 
Anzeige
Videos
Molecule Man, permanente Installation von Jonathan Borofsky in Treptow an der Spree. Höhe: 30 Meter, Aluminium, 1997.

"Berlin - Welthauptstadt der Kreativen. Herausforderungen und Chancen." Sehen Sie hier die Video-Aufzeichnung der Podiumsdiskussion vom 8. November im Berliner Verlag.  mehr...

Facebook
Berliner-Zeitung.de auf Facebook
Twitter
37 Staus mit einer Gesamtlänge von 96km
Kinoprogramm
Alle Neustarts diese Woche: Alle Filme von heute: Alle Kinos:
Arbeitslosengeldrechner
Wie viel Arbeitslosengeld steht Ihnen zu?
Bruttogehalt (jährl. Euro) Steuerklasse
Kinder Ja Nein Berechnen
Webtipps
Fragen zur Politik
Haben Sie Fragen zur Politik? Auf Gutefrage.net finden Sie Antworten.